Um Reifenbreite

Abschied vom “Anti-Fuentes”: Arrivederci Aldo!

Es ist vielleicht der schwerste Schlag für den Radsport in diesen Wochen, auch wenn wie so oft Doping-Nachrichten und Comebacks weitaus mehr Wirbel machten als die traurige Kurzmeldung, dass Aldo Sassi den Kampf gegen den Krebs verloren hat.

Doch der Tod des erst 51-Jährigen hinterlässt eine Lücke, die nur schwer zu schließen sein wird. Ja, das ist natürlich eine der klassischen Floskeln bei solchen Anlässen. Deshalb ist sie aber noch lange nicht falsch. Denn der Trainer verkörperte seit Jahren das Gegenbeispiel zu seinen "Kollegen" wie Michele Ferrari oder gar Fuentes.

"Schlimmer als der Tumor"

Ohne chemische oder blutige Beschleuniger brachte er seine Schützlinge in Form - und in den letzten Jahren auch zu immer größeren Erfolgen. Ob Cadel Evans, Dario Cioni, Matt Lloyd oder zuletzt Ivan Basso: Sie lieferten für viele im Radsport den Beweis, dass saubere Siege möglich sind.

"Man kann den Giro bestreiten und sogar gewinnen", erklärte er noch im Oktober, "es ist nicht wahr, dass es keine sauberen Fahrer gibt." Und, schon gezeichnet von der schweren Krankheit, betonte er: "Wenn einer meiner Athleten dopen würde, wäre das für mich ein noch schwererer Schlag als mein Hirntumor."

"Du bist mein letzter Einsatz"

Tragisch, dass wir den Verlauf seines jüngsten, besonders mutigen Projekts nun nicht mehr erleben. Denn Sassi hatte beschlossen, den umstrittenen Italiener Riccardo Ricco unter seine Fittiche zu nehmen. Dessen Comeback wollte er in die richtigen Bahnen lenken und wie schon im Falle Basso einem Sünder zeigen, wie weit man mit exzellenter Trainingssteuerung kommen kann.

Er schätzte das Talent des Kletterers, fürchtete aber, dieser könne wie Marco Pantani enden, wenn er weiter im falschen Umfeld verstrickt bliebe. Ricco nahm das Angebot an, absolvierte auch noch erste Leistungstests im von Sassi geleiteten Trainingszentrum von Castellanza. Nun aber endete die Zusammenarbeit noch früher als von Sassi befürchtet - er hatte Ricco zuvor auf seine ganz eigene Art angespornt: "Ich habe eine Lebenserwartung bis Juli - du bist mein letzter Einsatz."

Partner werden Gegner

Nun wurde das Begräbnis des dreifachen Vaters in Valmorea auch zu einem Treffen zahlreicher Radsport-Größen. Neben Basso und Ricco auch Profis aus Sassis Jahren bei Mapei wie Andrea Tafi, Paolo Bettini und Oscar Freire.

"Ich habe ein Stück meines Herzens verloren", betrauerte Mapei-Boss Giorgio Squinzi den Verlust jenes Mannes, der von 1996 als Trainer das seinerzeit wohl beste Team der Welt betreute. Dabei hatte Sassi damals keine Illusionen über die Realitäten im Radsport. Er verbot seinen Profis, sich von Ferrari betreuen zu lassen, dem großen Guru, der gegen eine Erfolgsbeteiligung fast jeden Fahrer auf mirakulöse Weise schneller machte.

Denn als junger Wissenschaftler arbeitete Sassi zusammen mit Ferrari im Wissenschaftler-Team um Francesco Conconi, das Francesco Moser in Mexiko 1984 zum Stundenweltrekord führte. Danach aber trennten sich die Wege der Trainer - und ihr Blick auf den Sport. "Ich kümmere mich nur um Training, nicht auch noch um pharmazeutische Unterstützung wie die klassischen Prepatori", brachte es Sassi auf den Punkt.

Nicht um jeden Preis

Als Großsponsor Mapei später Ende 2002, frustriert vom massiven Dopingproblem des Radsports, den Rennstall auflöste, unterstützte der Industrielle aber weiter das Leistungszentrum unter der Leitung von Sassi. Seitdem wurden dort Top-Athleten und ganze Teams betreut - wenn sie die Philosophie des Chefs teilten:

"Jeder muss sich dazu verpflichten, sauber zu fahren und uns für Hämoglobin-Tests zur Verfügung zu stehen. Wer das nicht akzeptiert, mit dem arbeiten wir nicht. Das ist vielleicht nicht genug, um sicher zu sein - aber es ist ein Anfang."

Und im Zweifelsfall beendete Sassi auch mal eine Zusammenarbeit - obwohl der betroffene Fahrer versicherte, er sei sauber. "Aber ich konnte nicht nachvollziehen, wie seine Leistungen zu erklären waren. Also sagte ich: Vielleicht ist es dir klar, aber mir nicht. Sobald man Zweifel hat, dass Resultate nicht ausschließlich physiologisch sind, muss man ein Signal setzen, selbst wenn man keinen Beweis hat."

Warum? "Ich möchte ruhig schlafen können."

Ruhe sanft.

 

 

"Um Reifenbreite": Alle Einträge in der Übersich

Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen