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Zurück zum “Humba Tätäräää!”

Und jetzt Stimmung bitte!Der Stimmungsprotest "12:12" hat Wirkung gezeigt.

Die Macht der Stille führt auf beeindruckende Weise vor Augen, was passiert, wenn in deutschen Fußballstadien die Kurve ihre Stimme verliert.

Eine Stimme, die niemand hören wollte, als über sie abgestimmt wurde. Auch darauf zielt der Protest, mit dem sich bis zum 12. Dezember beinahe alle Stadionbesucher solidarisiert hatten.

Diese enddatierte Solidarität offenbart jedoch nicht nur eine erstaunlich kurze Halbwertszeit, sie schlägt nun auch um in offene Antipathie gegenüber den Initiatoren des Protests. Zurück zur Stimmung! Jetzt sofort und nach der Winterpause sowieso!

Bespaßung einer Spaßgesellschaft

Die Dortmunder Profis baten bereits in einem offenen Brief an die Fans, den Protest einzustellen und im Block endlich wieder abzudrehen. Und zwar "lautstark". Natürlich. Aber dann bitteschön auch noch "bedingungslos".

Doch mit welchem Recht wird Bedingungslosigkeit durch jene eingefordert, die in hochdotierten Vertragsverhandlungen ihre "Vereinsliebe" durchaus gerne an zahlreiche monetäre Bedingungen knüpfen?

Mit welchem Recht wird Bedingungslosigkeit von jenen eingefordert, die ihr Leben, ihre Leidenschaft und nahezu jeden Cent in eigenfinanzierte Choreografien stecken und denen kein Auswärtsspiel zu weit, kein Weg für die Unterstützung des Teams zu mühsam ist?

Mit welchem Recht wird Bedingungslosigkeit eingefordert, wenn die einzige Bedingung im Wunsch nach Wertschätzung durch einen Dialog auf Augenhöhe besteht? Stimmung und Leidenschaft sind eben keine Selbstverständlichkeit, die im Ticket für das Erlebnis-Event "Stadionbesuch" eingepreist ist. Der Tifo dient nicht der Bespaßung einer Spaßgesellschaft.

Wer protestiert, hat einen Grund

Nach der kurzlebigen Solidarität jetzt also plötzliche Wut auf die Ultras. Ganz so, als ob der Protest nie auch mit einem Ziel verknüpft gewesen wäre.

Mit dieser widersinnigen Interpretation des Protestierens würden sich Castor-Demonstrationen stets in jenem Moment in Wohlgefallen auflösen, in dem das Ding auf die Gleise rollt. Atomkraft-Gegner hätten fröhlich lachend die Segel gestrichen, nachdem Schwarz-Gelb den Ausstieg aus dem Ausstieg bekannt gegeben hatte. Doch die Proteste blieben standhaft, denn sie hatten ein konkretes Ziel.

Das hat auch "12:12". Und dieses Ziel beinhaltete nicht etwa einen Persilschein für pyromanische Exzesse, es fordert keine Straffreiheit für Gewalttäter oder Freibier für Ultras. Es geht in erster Linie um die Forderung nach einem ernsthaften Dialog zwischen DFL und Vertretern der aktiven Fanszene.

Gemeinsam sollen jene Unsicherheiten speziell zu Ticket-Kontingentierung, Kollektivstrafen, Einlasskontrollen und Risikospiel-Klassifizierung ausgeräumt werden, die das Sicherheitskonzept in vagen Formulierungen erst erschaffen hat und die bei weitem nicht nur Ultras betreffen.

Macht eure Stimmung doch selbst!

Dieses legitime Ziel wurde nicht erreicht. Wieso also sollte der Protest mit einer Rückkehr zum lautstarken "Humba, Humba, Humba Tätäräää!" jetzt einfach beendet werden?

Weil’s nervt, meinen die Gegner des Protests. Und da man’s grad so schön billig bekommt: Weil Ultras nerven.

Doch weitaus mehr nervt die dreiste Forderung nach stimmungsvollem Rambazamba, nach dem gewohnten Bild aus Schwenkfahnen, Doppelhaltern, Schalparaden und Choreografien sowie einem Klangteppich aus Wechselgesängen, Klatscheinlagen, Liedern und Sprechchören.

Dabei besteht doch kreative Handlungsfreiheit. Wer diese Art der Atmosphäre um jeden Preis konsumieren möchte, darf sie auf Haupttribüne und Gegengerade gerne selbst produzieren und damit den Protest auf ebenso demokratische Weise konterkarieren.

Protest gegen den Protest

In einigen Fällen wurde das auch versucht. Ob die dünne Klangbrühe allerdings die geballte Akustik des Kurvenkerns ersetzt? – Wohl kaum. Daran werden auch Klatschpappen und Sponsoren-Fähnchen nichts ändern.

Ohnehin wird diese "Alternative" zum Tifo der Ultras nur von kurzer Dauer sein, weil Klatschen, Hüpfen, Schreien und Singen mit der Zeit doch recht anstrengend ist. Es ist ein Ausdruck des Protests gegen den Protest: "Ultras raus! Es geht auch ohne euch!".

Eine Fehleinschätzung, über die man noch lautstark lamentieren wird, wenn es ohne aktive Fanszene mal ganz leise wird im weiten Rund.

Es ist eben schwer, von jemandem das Singen einzufordern, dem man zuvor den Mund verboten hat.

Euch allen ein stimmungsvolles Weihnachtsfest,

Michael Wollny

Twitter: @Michael_Wollny


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