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WM-Titel? Nebensache!

Ich halte Sami Khedira nicht nur für einen verdammt guten Fußballer. Er besitzt darüber hinaus einen klugen Kopf, reflektiert kritisch und sagt in der Regel Dinge, die von der substanzlosen Phrasendrescherei vieler seiner Kollegen auf erfrischende Art abweichen.

Trotzdem kann man natürlich auch anderer Meinung sein. So wie zu Khediras jüngster Aussage, die im Windschatten der Formel 1 am vergangenen Wochenende eventuell ein wenig untergegangen war. "Deutschland zählt bei einem Turnier immer zu den Favoriten", hatte der 25-Jährige von Real Madrid in der "Welt am Sonntag" erklärt. Man will ihm da nicht widersprechen. Nicht bis er seine Aussage weiter ausgeführt hat.

"Doch ich glaube, unsere Aufgabe muss es sein, unser Spiel weiter zu verbessern und uns als Mannschaft noch mehr zu finden. Wir haben viele talentierte junge Spieler, die wir integrieren müssen, um noch unberechenbarer zu werden. Das finde ich wichtiger als jetzt zu überlegen, ob wir Weltmeister werden können." Können wir eh nicht, meint beinahe zeitgleich Oliver Bierhoff und legt in Sachen Selbstverleugung sogar noch einen drauf.

Verbissenheit und Obession

Statt auf den WM-Titel, mal besser weiter auf die Entwicklung der Mannschaft konzentrieren, lautet die Devise. Und so falsch wäre das ansich auch gar nicht. Allein der Zeitpunkt ist doch etwas ungünstig.

2010, nach der WM am Kap, hatte diese Priorisierung durchaus Sinn gemacht und wurde seitdem ja auch bereits verfolgt. Doch jetzt, rund ein Jahr vor der WM 2014 in Brasilien, sollte man das Visier schon mal kalibrieren und aufs Wesentliche justieren: den Titelgewinn.

Den kann man nicht erwarten. Doch man kann erwarten, dass alle Gedanken und Überlegungen auf dieses Ziel ausgerichtet werden, weil es für eine deutsche Nationalmannschaft per se nur dieses Ziel geben kann. Auch diese Erkenntnis sollte Teil der mentalen Entwicklung einer jungen Mannschaft sein. Titel verlangen als Tribut eben ein gerüttelt Maß an Verbissenheit und Obsession.

Eine DFB-Elf ist aus ihrer historischen Tradition und der qualitativen Potenz heraus mit einer anderen Erwartungshaltung belegt, als beispielsweise die Auswahlen der Schweiz oder Schwedens. In Löws Elite werden in der Regel Spieler berufen, die in ihren Vereinen ohnehin schon höchsten Ansprüchen genügen müssen, Topspieler die an Titeln gemessen werden. Wieso also sollte dies in der Nationalmannschaft anders sein?

Worauf noch warten?

Ein erster Schritt zum Titel ist es, diesen als Ziel auch selbstbewusst und klar zu formulieren. Der Glaube an sich selbst versetzt schließlich Berge. Und er gewinnt nicht selten eben auch Endspiele. Wenn nun also sogar Oliver Bierhoff in irritierend offener Zweifelei erklärt, es sei für europäische Teams "eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, das Turnier zu gewinnen", dann hat Deutschland eben auch schon kampflos verloren und ein all zu billiges Alibi fürs eingeplante Scheitern geschaffen.

Hauptsache also weiter entwicklen. Weiter, weiter, immer weiter. Doch wohin? Die Entwicklung sei wichtiger als die Fokussierung auf einen Titel, meint Khedira. Natürlich, Stellschrauben für die Feinabstimmung wird es immer geben. Doch in einem Umbruch befindet sich die deutsche Nationalelf nicht, das Gerüst steht. Wie lange also noch entwickeln, forschen und experimentieren? Worauf noch warten? Wieso die klaren Ambitionen hinter Bescheidenheit, scheinbarer Genügsamkeit und offenen Zweifeln verstecken? Weil der endlose Weg einer permanenten Selbstfindung das Ziel ist? Falsch!

Für eine deutsche Nationalmannschaft ist der Weg das Mittel zum Zweck, um ans Ziel zu kommen. Irgendwann. Endlich einmal. Doch wenn man sich ständig nur suchend um sich selbst dreht, kommt man auf diesem Weg eben auch kaum einen Schritt voran.

Michael Wollny

Twitter: @Michael_Wollny


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