Abgeblogged

Vorsicht, streunende Köter!

Streunende Köter im FußballIn deutschen Fußballstadien herrscht mal wieder Mord und Totschlag. Da sich dieses Grauen aber auf Schlagzeilen und Worthülsen beschränkt, muss man das Vokabular der gängigen Hysterie erst mal erklären.

Laute Gesänge und Klatscheinlagen müssten demnach wohl "Stadiongewalt" sein, da außer den Attacken aufs Trommelfell von Gewalt in Stadien ja nicht viel zu sehen ist. Mit "Brandbomben" wird man wohl Breslauer und Blinker meinen und "Einige Unverbesserliche" sind eben Chaoten, die das Team bei Rückstand anfeuern, statt es niederzupfeifen. Mit "Widerstand gegen die Staatsgewalt" wäre die strikte Weigerung, Tränengas zu inhalieren, gar nicht so schlecht umschrieben und "Bürgerkriegsähnliche Zustände" steht wohl als Synonym für den Spieltag. "Taliban der Fußballfans" sind eben Fans auf 'nem Steher und dann gibt's ja noch die "Italienischen Verhältnisse", das Requiem für den Fußball. Riot!

So. An diesem Punkt wird's tatsächlich ernst.

Doch zunächst sollte man zwingend auf die Hysterie-Bremse treten. Innenpolitische Hardliner mit dem Sachverstand einer Sandra Maischberger haben sich allerdings das Gegenteil zum Ziel gesetzt.

Und in Teilen der Presse wird bei dem Thema viel zu selten hinterfragt und nachgedacht, stattdessen viel zu häufig Falsches voneinander abgeschrieben und multipliziert. Bei diesem Informationsprinzip wird selbst das Diffuseste irgendwann mal scheinbar konkret.

Die aktive Fußball-Fanszene verfügt über solche Informationsmultiplikatoren nicht und muss sich deshalb hin und wieder am öffentlichen Pranger gegen Anklagepunkte verteidigen, die sich entweder aus verdrehten Tatsachen oder im schlimmsten Fall aus simplen Falschinformationen zusammensetzen.

Ein Umdenken findet statt

Das ist insofern ärgerlich, da in der künstlichen Hysterie selbstkritischen Reflexionen innerhalb der Szene keine Beachtung geschenkt wird. Aber es gibt sie. Von Elbe bis Isar ist in der Ultrà-Szene immer häufiger vom "Scheideweg" die Rede.

Doch welchen Weg geht die deutsche Szene? Was will sie? Eine kontextuell positive Weiterentwicklung von Ultrà durch Leidenschaft für den Fußball, oder das Fanal italienischer Verhältnisse?

Einzelne haben sich hierzulande wohl schon für Letzteres entschieden. In Italien wurde bereits vor Jahrzehnten der Begriff "Cani Sciolti" geboren, streunende Köter. Domenico Mungo, Buchautor und Ex-Führungsmitglied des "Colettivo Autonomo Viola" der Fiorentina war einst einer von ihnen. Ultra, ja. Aber einer, der sich am individuellen Scheideweg gegen den Fußball als zentrale Leidenschaft entschieden hatte. Für Mungo war kämpfen, leiden und leiden lassen die Leidenschaft.

"Manchmal wurde sogar der kollektive und ritualisierte Aspekt des Spiels selbst als überflüssig angesehen", erinnert er sich in seiner vor Gewaltexzessen strotzenden Autobiografie Streunende Köter. "Im Gegenteil, meist hatten unsere Gewaltakte überhaupt gar keinen Bezug zum Stadion oder der sportlichen Komponente — außer natürlich als Vorwand."

Italienische Verhätnisse? - Möglich.

2009 habe ich geschrieben, dass Deutschland von italienischen Verhältnissen so weit entfernt sei wie der deutsche Ellenbogen von der italienischen Zehenspitze (Hier zur Serie: "Kutten, Ultras, VIP-Bereiche"). Drei Jahre später hat sich daran noch nicht viel geändert, doch man muss schon aufpassen, dass es auch so bleibt.

Repression, Schikane und Stigmatisierung haben einerseits dazu geführt, dass sich selbst moderate Fans in ihrer Wut einigeln. Die Motivation zum Dialog geht verloren, sobald man das Gefühl hat, beim Reden nicht mehr ernst genommen zu werden.

Andererseits aber wurde bei Ultras in der Vergangenheit der reflexartige Rückzug in die Opferrolle gerne mal überreizt, kombiniert mit einer ausgeprägten Allergie gegen Kritik. Vor allem jener an "ritualisierter und nicht zufälliger Gewalt" im Fußball, bei der es "wunderbar war, sich gegenseitig die Fresse einzuschlagen und immer und überall die Auseinandersetzung zu suchen", wie Mungo schreibt.

Fragwürdige Solidarität

Den modernen "Streunenden Kötern" ist diese Debatte ohnehin ziemlich egal. Ihr Interesse am Fußball beschränkt sich auf eben diesen Vorwand für Auseinandersetzungen, gerne auch mal losgelöst vom Support in der Kurve und einem stimmungsvollen Tifo.

Von einer sinnvollen Symbiose lässt sich hier nicht mehr sprechen. Denn die sturmmaskierte Riot-Fraktion profitiert zwar vom Schutz der Gruppe und einer zweifelhaften Solidarität, doch als "Gegenleistung" verschärft sie durch ihre Aktionen die Repressionsspirale auch für all diejenigen, für die Fußball - und eben nicht Boxen - im Mittelpunkt steht.

Auch innerhalb einer Bewegung kann es eine Gegenbewegung und eine Fortbewegung geben. Die Zeit wäre reif.

Nur muss man sich am Scheideweg bald mal für eine Richtung entscheiden.

Michael

Folgt mir auf Twitter: @Michael_Wollny

Auch das gibt's: Messi und die knutschenden Söldner

Noch mehr "Abgeblogged"

Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen