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Komm mal wieder runter, Uli!

Herr Hoeneß, was halten Sie von Zurückhaltung?Normalerweise lernt man mit den Jahren des Lebens hinzu.

Man wird ruhiger und besonnener. Das Hirn reflektiert, bevor der Mund reagiert. Sachlichkeit ersetzt Polemik, impulsive Angriffslust weicht schleichender Altersweisheit.

Wie gesagt: normalerweise.

Bei Uli Hoeneß scheint sich dieser Prozess umzukehren.

Damit keine Missverständnisse aufkommen, diplomatische Floskeln haben noch nie zum Vokabular des Bayern-Machers gehört. Doch bevor sich Hoeneß mit dem beruflichen Wandel vom Manager zum Präsidenten auch optisch veränderte, vom untersetzten Abteilungsleiter "Attacke" zum Münchner Don Corleone, da war die Kritik substanzieller.

Hoeneß war einfach näher dran an jenen Themen, die er mit der Rhetorik eines Schlaghammers auf die öffentliche Agenda nagelte. "So ganz unrecht hat er ja nicht", lautete dann nicht selten die Erkenntnis, nachdem sich der Sturm verzogen hatte. Das war unter anderem in der Causa Daum so, ebenso bei den Attacken auf Sonnenkönig Sepp Blatter, dem Vertragspoker mit Michael Ballack oder seiner Kritik an der ökonomischen Totengräberei von London bis Madrid.

Angriff in alle Richtungen

Doch Hoeneß ist jetzt nicht mehr nah dran. Und dennoch äußert er sich aktuell in inflationärer Polemik. Von Besonnenheit und Sachlichkeit keine Spur, Hoeneß wirkt gegen Altersweisheit immun. Es ist auch nicht mehr viel übrig von der spitzzüngigen Angriffslust früherer Tage.

Vielmehr klingen die verbalen Rundumschläge mittlerweile wie jene miesepetrige Schlechtmacherei, die Hoeneß eigentlich immer gerne als typisch deutschen Wesenszug und kulturhistorische Nörgelei angeprangert hatte. Zuletzt wurde Mario Gomez ohne ersichtliche Notwendigkeit brüsk abgebügelt. Und der frühere Basketball-Bundestrainer Dirk Bauermann wurde nach seiner Entlassung als Bayern-Coach öffentlich sogar regelrecht demontiert, bevor ihm Hoeneß auch noch Realitätsverlust unterstellte.

Bundestrainer Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff sind für Hoeneß ohnehin beliebte Ziele, weil man mit dieser Kritik in der deutschen Öffentlichkeit scheinbar wenig falsch machen kann. Dabei ignoriert man gerne, dass mit populistischer Lästerei über Tischtennisplatten auch keine Titel zu gewinnen sind.

Der Fußball-Manager Hoeneß war früher so nahe an den Brennpunkten, dass er gelegentlich verbal überhitzte, seine Kritik aber dennoch oftmals ins Ziel brachte. Der Fußball-Pate Hoeneß hat diese Nähe verloren und diskreditiert sich mit einer für ihn eher ungewöhnlichen Oberflächlichkeit und ätzender Arroganz selbst. Auch sein bizarrer Angriff auf Miroslav Klose kommt nicht über den Eindruck dünnhäutiger Frusterei hinaus.

Uli, hör' auf Willy und Effe!

Das jüngste Verhalten von Uli Hoeneß ist eines Präsidenten nicht würdig, selbst nicht beim FC Bayern. Bissiger Spott ersetzt besonnene Sachlichkeit. Staatsmännische Souveränität und angemessene Zurückhaltung? - No way!

Hoeneß hätte wohl einfach mal auf den weisen Rat von Stefan Effenberg hören sollen. Der erklärte seinen Freunden der Sonne einst zu Recht: "Man muss aufpassen, was man sagt und wie man das rüberbringt."

Wahrscheinlich aber stößt man bei Uli Hoeneß mit Wilhelm Busch eher auf offene Ohren. Schließlich hatte dieser in gewisser Weise das Existenz-Credo des FC Bayern geprägt, als er feststellte, dass Neid die höchste Form der Anerkennung sei.

Und Busch wusste damals schon, was Hoeneß 150 Jahre später erst noch lernen muss:

"Dumme Gedanken hat jeder, aber der Weise verschweigt sie...".

Grüße

Michael

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