Abgeblogged

Rebellion einer Tippspiel-Marionette

Diese Woche begann mal wieder mit einem Montag. Unvermeidbarer Zustand. Tag der Abrechnung. Mal wieder. Bei mir reichen zwei Finger und eine Hirnzelle für die mathematische Offenbarung: 2 Punkte! Mal wieder.

Meine Kumpels sagen, ich schreibe das hier jetzt nur, weil ich so unfassbar schlecht bin. Chronisch abstiegsgefährdet. Weil ich ständig daneben liege. Noch nicht mal zum Fahrstuhl-Tipper qualifiziert, sagen sie, weil ich bei meinen lächerlich seltenen, lächerlich harmlosen "Ausbrüchen" nach oben höchstens mal ein Treppenstüflein bräuchte.

Wenn man an allen Community-Fronten so unfassbar spektakulär versagt, dann bietet sich den fröhlichen Schmähungen natürlich eine dankbar offene Flanke. Kicktipp, Comunio, Kneipenwette - mein allwöchentliches Waterloo ist da sehr flexibel. Aber die Wahrheit ist, dass mich das mental tatsächlich nicht so gravierend aus der Bahn wirft, ich trag's mit Fassung, komme montagmorgens immer noch recht zügig in die Senkrechte.

Und ehrlich gesagt wäre ich schon schwer enttäuscht, wenn mich meine Freunde für meine völlig vertippten Darbietungen nicht ausreichend schmähen würden. Schließlich reiße ich ja auch immer die Klappe weit auf, wenn ich an einem Spieltag aus Versehen doch mal vorne liege. Das war in der aktuellen Saison immerhin schon zwei Mal der Fall. Nach dem Freitagabendspiel.

Nostalgische Rotlicht-Gedanken

Es kann natürlich schon sein, dass man in der Düsternis des Tabellenkellers auf gänzlich andere Gedanken kommt als ein Dutzend Stockwerke darüber auf dem Sonnendeck. Jedenfalls werde ich das Gefühl nicht los, dass dieser spieltagsbegleitende Wettkampf in Tippspiel-Communities und Manager-Ligen meine archaischen Fußball-Emotionen beeinflusst. Und zwar negativ.

Während ich so im schummrigen Licht meiner Roten Laterne sitze, denke ich zurück an eine Zeit, als man mit seiner Jugend-Mannschaft selbst noch am Samstag gekickt hat, meistens gegen Mittag, vor Anpfiff der Bundesliga. Irgendwo im nirgendwo zwischen Nonnenhorn und Beutelsau. Erfahrene Eltern wussten, dass auf der Rückfahrt im Autoradio nur Live-Fußball laufen durfte. Bei Neulingen musste man bisweilen nachhelfen und den Kumpel auf dem Vordersitz verstohlen anstupsen: "Du, frag' mal deine Mama, ob wir statt Abba mal Fußball hören können...".

So habe ich das atemberaubende Meisterschaftsfinale von 1984 erlebt. Auf der Bundesstraße 32, wir hatten gerade Blitzenreute mit 13:1 weggebügelt und das Radio schilderte uns in ehrlicher Aufgeregtheit, dass der VfB Stuttgart und eben nicht der HSV, Gladbach oder die Bayern Richtung Titel marschierte. Ich weiß noch, dass man die Ergebnisse einfach so wirken ließ, um lautstark darüber zu diskutieren. Und wir haben uns über unsere Helden gestritten. Über Asgeir "Aasgeier" Sigurvinsson, Kalle Rummenigge, Pierre "Litti" Littbarski - oder in meinem Fall Rudi Völler.

Kein Gejammer, kein Gemotze

Niemand störte diesen authentischen Moment mit Sätzen wie "Hoffentlich hat der Wuttke getroffen, den hab' ich bei Comunio", oder "Scheiße, meine Eintracht hat gewonnen und ich hab' bei Kicktipp auf den HSV gesetzt". Niemand jammerte "Der beknackte Falkenmayer hat mir meine Tendenz versaut!" und niemand beschwerte sich über seine nun statistisch belegte Doofheit eines 1:2, das er ursprünglich getippt hatte, um es im letzten Moment doch noch zu ändern.

Vielleicht verstehen hier ja einige, was ich meine. Vielleicht erinnert sich ja jemand ebenfalls. Vielleicht empfinden einige ähnlich. Ich bin ein Freund von Bierdeckel-Tipperei am Fußball-Stammtisch. Aber ich habe das Gefühl, dass dieser elektronische Parallel-Wettkampf die Authentizität des Augenblicks versaut.

Ich will nicht an meine Kristallkugel-Qualitäten in irgend einem Tippspiel denken, nicht an eine falsche oder richtige Aufstellung. Ich will mich damit nicht befassen müssen, nicht nach dem Abpfiff und nach dem Anpfiff erst recht nicht. Und ich will es nicht hören, das Gejammer über falsche Tipps und Fehlbesetzungen, will sie nicht hören, die Freude über Niederlagen der eigenen Mannschaft, weil man den gegnerischen Schützen im imaginären Team hatte.

Ich will wieder Fußball. Unbelastet. Abwarten, was passiert. Ehrliches Genießen, Wundern, Ärgern über die Dinge auf dem Platz, nicht über die parallelen Konsequenzen in einer elektronischen Welt.

Staunen. Wie über Lukas Podolski. Zwei Tore gegen Hannover? - Danke Poldi, Du hast mir den Tipp versaut!

Nach dieser Saison lösche ich meine Accounts.

Sportlichst

Michael Wollny

 

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