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Neujahrsvorsatz: Überleben!

Scheckheftgepflegte GrünflächeMein erster Blog im neuen Jahr. Und vielleicht mein letzter, liebe Freunde.

Schließlich ist es jedes Jahr aufs Neue eine große Herausforderung, den Silvester-Kick zu überleben. Diese grausame Tradition mit dem archaischen Charakter einer offenen Feldschlacht, Mann gegen Mann mit stumpfen Hiebwaffen.

Wenn sich der Freundeskreis auf dem Bolzplatz trifft, dann hat zivilisatorisches Verhalten Sendepause, stattdessen werden die niedersten Instinkte von der Leine gelassen. Wir wandeln dabei auf den barbarischen Spuren des Fußballs im England des 19. Jahrhunderts. Und zwar bevor die "Cambridge Rules“ den Kick vom Rugby abtrennten.

Ums Abtrennen scheint’s dann auch bei uns zu gehen: das Abtrennen von Gliedmaßen, speziell der unteren Extremitäten. In der ersten Halbzeit ist der Ball bei diesen Zweikämpfen sogar noch irgendwo in der Nähe, in der zweiten ist das dann keine zwingende Voraussetzung mehr.

Am Anfang war der Stollen...

In den Anfängen des Silvester-Kicks vor rund 20 Jahren waren Stollenschuhe noch erlaubt, um im Schneematsch einigermaßen Bodenhaftung zu wahren. Wenn ich heute daran zurückdenke, verspüre ich den großen Drang, mich unter unsäglichen Phantomschmerzen über den Teppich der Redaktionsräume zu rollen.

Turnschuhe sind längst in ein Regelwerk aufgenommen, das alle Beteiligten über die Jahre hinweg beinahe auswendig gelernt haben: Hotte spendiert Hopfen-Elektrolytgetränke, Hotte muss ins Tor und Turnschuhe sind Pflicht. Die stollenlosen Treter prägen mittlerweile den Ruf des Silvester-Kicks. Die Schmerzgrenze wurde gesenkt und die Akrobatik notorischer Grobmotoriker auf glitschigem Untergrund auch ohne Schnee spektakulär erhöht.

Wohl nirgendwo sonst auf der Welt sieht man so viele formvollende Fallrückzieher in vollem Lauf. Als Spieler geht man diesen komplexen Bewegungsablauf noch mal in aller Ruhe durch, wenn man mit leergepresster Lunge in stabiler Rückenlage völlig verdreckt im eiskalten Matsch liegt. Aber alle fünf Minuten gibt es Ruhephasen, in denen Zwei-Finger-Bengalos von Gauloises und Marlboro abgefackelt werden.

Das Ergebnis ist ausgemachte Sache

Hotte liegt da immer ganz weit vorne, zündet in fünf Minuten gut und gerne drei Lungentorpedos und muss anschließend als Torwart nach zwei Minuten vom Platz getragen werden: bronchialer Kreuzbandriss. Danach gibt er an der Seitenlinie lautstarke Anweisungen, wobei er den Rest seiner Bronchien in weiten Auswürfen über den Rasen verteilt, während er versucht, mit der Feuerzeugflamme das Kippen-Ende zu treffen.

Kein Schnee 2012, aber super Matsch

Nach rund anderthalb Stunden werden aber alle erlöst. Abpfiff. Seit rund 20 Jahren endet jeder finale Kick eines Jahres als Moggi-mäßiges Unentschieden. Das ist einerseits einfach versöhnlich, andererseits hat ohnehin jeder nach dem 1:0 das Zählen eingestellt. Hotte wollte das Ergebnis mal mit einer blauen und roten Gauloises-Schachtel mitrauchen – quasi als analoge Ergebnisanzeige. Doch nach einem 8:8 im Jahr 2007 hatte er sich mit zittriger Stimme über akute Nikotin-Unterversorgung beklagt und das Vorhaben umgehend wieder eingestellt.

Während Hotte seit 20 Jahren mit dem immer gleichen Neujahrsvorsatz aus dem Spiel geht (Rauchen aufhören), gehen wir mit dem immer gleichen Vorsatz hinein: irgendwie überleben.
Mal schauen ob daraus was wird.

Euch allen einen perfekten Start ins neue Jahr!

Michael Wollny

Twitter: @Michael_Wollny

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