Abgeblogged

Die Macht der Stille

Eine mögliche Vision für den deutschen FußballAn Protest-Banner und wütende Gesänge war man auf den Frankfurter Teppichetagen von DFL und DFB bereits gewöhnt.

In einer Mischung aus stoischer Dickköpfigkeit und arroganter Ignoranz hatten die Entscheidungsträger des deutschen Fußballs eine gewisse Kritikresistenz gegenüber dem Unmut der Kurve entwickelt.

Das war einfach, da der Kurve selbst eine Lobby fehlte, die es mit dieser Machtfülle hätte aufnehmen können. Zudem hatte man den Hardlinern leichtfertig in die Karten gespielt, indem man einer geradezu pathologischen Fixiertheit auf Pyrotechnik scheinbar alle weiteren Elemente einer aktiven Fankultur völlig unterordnete.

So hatte man die eigenen Reihen aufgebrochen, anstatt sie zum Kampf für jene gemeinsamen Interessen zu schließen, die um ein Vielfaches existenzieller waren als Böller und Bengalos. Ultras hatten sich und ihre enorme Bedeutung für die deutsche Fan-Kultur einfach selbst auf den kleinsten Nenner reduziert: auf nichts als Schall und Rauch.

Der Druck steigt

Innenpolitische Selbstdarsteller, ein chronisch quengelnder Polizeigewerkschafter, affektierte Talkshow-Moderatoren und mediale Kriegsberichterstatter erzeugten in der Öffentlichkeit eine bigotte Hysterie, die man in Frankfurt als Aufruf zur Gegenoffensive verstand. Das Konzept "Sicheres Stadionerlebnis" wurde den Klubs zur umgehenden Absegnung unter die Nase gehalten.

Ein 33 Seiten umfassender Katalog in feinstem Beamtendeutsch. Nicht das Handbuch des Teufels, aber in zu vielen Punkten der Beleg für eine Kontrollwut jenseits der Verhältnismäßigkeit. Union Berlin bildete deshalb die Speerspitze der selbstbewussten "Nein!"-Sager und arbeitete eine kluge Gegendarstellung aus.

Was folgte war die tendenziöse Interpretation einer undifferenzierten ZIS-Statistik, um die nötigen Verhältnisse nachträglich zu konstruieren. Doch der Versuch endete in einem peinlichen und leicht durchschaubaren Manöver.

Fans erschweigen Erfolg

Am 12.12. soll die DFL nun ein überarbeitetes Sicherheitskonzept auf nachdrücklichen "Wunsch" des DFB verabschieden. Die wütenden Protest-Gesänge der Kurve würden mit der Zeit schon abflauen, die kritischen Banner wieder eingerollt, so dachte man zunächst. Aber man hatte die Rechnung — mal wieder — ohne die Fans gemacht. Man hatte die Kreativität der Kurve schlichtweg unterschätzt.

Kein lautstarker Widerstand, sondern einfach nur das Gegenteil. Ein beängstigendes Schweigen, das von Elbe bis Isar nicht zu überhören war. 12 Minuten und 12 Sekunden atmosphärisches Grauen und auf Bannern die banale Frage: "Ist es das, was Ihr wollt?" Stiller Protest, so charmant demokratisch und grandios effektiv.

"Ohne Stimme keine Stimmung", lautet das Motto. Und der Appell: Sprecht MIT uns, bevor Ihr ÜBER uns entscheidet. Wer hier von Erpressung faselt, hat den Fußball nie geliebt. Die "aufregende Atmosphäre", mit der beispielsweise die Allianz Arena GmbH in München für Business-Seats wirbt, um "Geschäftskontakte zu pflegen", ist keine Selbstverständlichkeit. Stehplatz und Business-Seat befinden sich in einer Symbiose.

Fans nutzen ihre einzige Waffe

Die einen bekommen günstigere Tickets, die anderen eine Atmosphäre, die in Europa mittlerweile (leider) einzigartig ist. Doch eines ist auch klar: Der Fußball ist auch ohne Business-Seats authentisch, ohne Stehplätze und Fan-Kultur indes nicht, wie David Conn vom englischen "Guardian" mit sehnsüchtigem Blick auf die deutsche Ultra-Szene jüngst beeindruckt feststellte.

"12:12" dürfte DFB und DFL erreicht und erschreckt haben, weil der Protest ebenso simpel wie genial war. Die Kurve kämpfte mit ihrer einzigen Waffe, die einschüchternder ist als jedes pyromanische Inferno.

Die Botschaft ist klar und einfach. Sie wurde schweigend hinausgebrüllt:

"Wer uns entrechtet, um uns zu richten, der hat kein Recht auf unsere Leidenschaft...!"

Grüße,

Michael

Twitter: @Michael_Wollny

Außerdem meint Abgeblogged: "Nicht nur Stark war schwach!"

Mehr Abgeblogged

Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen