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“Kiew, Sie haben ein Problem!”

Was jetzt, Michel? -

Diese Schizophrenie hat eine historische Tradition: Wo Menschen versagen, soll's der Sport plötzlich richten.

In gewisser Weise war dieser Gedanke der Geburtshelfer der olympischen Idee. Die stressigen Perserkriege hatten die Griechen dermaßen entnervt, dass sie bei aller Streitsüchtigkeit plötzlich Gefallen an ein wenig hellenistischer Harmonie fanden.

Und wenn die alten Griechen "Ekecheiria" sagten, dann meinten sie auch Waffenruhe. Körperliche Unversehrtheit garantiert. Nun ja, zumindest für Athleten. Verheiratete Frauen und Sklaven überlebten einen Stadionbesuch nicht, wenn sie erwischt wurden. Das war zwar echt hart, aber eben auch echt konsequent.

Ein bisschen später, im 21. Jahrhundert, soll's der Sport zwar immer noch richten. Aber die Konsequenz ist flöten gegangen. Funktionäre reden von interkulturellem Brückenbau oder dem Glätten sozialer Reibungsflächen, sie reden von der "integrativen Kraft des Sports". Worte um der Worte Willen, das Allheilmittel Sport als Placebo.

Doch das Placebo wirkt nicht immer

Die Olympischen Spiele von 2008 haben viele Einzelpersonen reich, China aber kein bisschen demokratischer gemacht. Aber wer hatte das denn bitteschön auch erwartet? 1978 wurde Argentinien im eigenen Land Fußball-Weltmeister und Berti Vogts stellte begeistert fest: "Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen."

Eventuell hatte Vogts ja erwartet, dass die Junta um General Jorge Rafael Videla ihre Gegner in den Schaufenstern von Buenos Aires ausstellen würde, anstatt sie in unter Ausschluss der internationalen Öffentlichkeit im Hintergrund der "Fiesta" systematisch zu foltern und zu ermorden. 30.000 in sieben Jahren.

Der Sport soll's also richten. Durch bloße Präsenz. So hat die glamouröse Formel 1 Bahrain längst wieder verlassen. Und die integrative Kraft des Sports? - "Idioten gibt es eben überall", hatte Streckenchef Zayed R. Alzayani jene Bahrainis verspottet, die für universelle Menschenrechte auf den Straßen demonstrierten. Hunderte Menschen wurden geschlagen, Millionen Dollar umgeschlagen.

Was nicht passt, wird passend gemacht?

Und 2018 wird es noch weitaus lukrativer. Und spannender. Wie nämlich will die FIFA ihr Gesicht wahren? Der Weltverband hat sich schließlich laut Artikel 3 der eigenen Statuten dem Kampf gegen Diskriminierung verpflichtet. WM-Gastgeber Russland plant aber bereits per Gesetz den staatlich legitimierten Kampf gegen Homosexuelle. Das dürfte also kaum zusammenpassen.

Zuvor schauen wir alle aber ohnehin erst einmal in die Ukraine, wo's der Sport jetzt richten soll. Präsident Viktor Janukowitsch navigiert vor der Fußball-EM 2012 im ideologischen Kielwasser des weißrussischen Diktators Alexander Lukaschenko. Die verzerrte Interpretation von Rechtsstaatlichkeit im Allgemeinen und der menschenverachtende Umgang mit der charismatischen und schwerkranken Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko im Speziellen sind Ausdruck einer fragwürdigen Entwicklung.

"Aber was sollen wir machen?", fragt UEFA-Boss Michel Platini. "Die EM nicht in Länder wie die Ukraine vergeben, weil nicht alles so gefestigt ist wie in westeuropäischen Demokratien? Das ist keine Lösung."

Nein? Wieso eigentlich nicht?

Wegen der integrativen Kraft des Sports, die in jedem politischen Alltagsdunkel den Menschen supertolles Rampenlicht spendet, wenn man nur oft genug davon redet? Oder ganz einfach nur deshalb, weil sich universelle Menschenrechte nicht immer mit globalen Absatzmärkten vertragen?

Bundespräsident Joachim Gauck hat mit der Absage seines Ukraine-Besuchs ein klares Signal an die Regierung Janukowitsch ausgesandt. Viele deutsche Politiker reihen sich jetzt mit populistischer Lautstärke ein. Niemand will zurückbleiben, jeder hat etwas zu sagen. Authentisch wird die Kritik nun tatsächlich durch Uli Hoeneß.

Man kann über den Präsidenten des FC Bayern denken, was man will. Leidenschaft in der Sache konnte man ihm aber noch nie absprechen. Wenn Hoeneß nun mit seiner Forderung nach einem klaren Bekenntnis auf UEFA und DFB Druck ausübt, dann ist das kein diplomatisches Placebo mehr, sondern ein dringend benötigtes Psychopharmakon.

Rückendeckung für mündig-mutige Spieler

"Ich hoffe sehr, dass Michel Platini an den richtigen Stellen deutlich seine Meinung äußert", meint Hoeneß im "Spiegel" und fordert vom DFB "bei jeder geeigneten Gelegenheit öffentlich" darauf hinzuweisen, "dass die Haftbedingungen von Frau Timoschenko nicht akzeptabel sind."

Uli Hoeneß blickt zu ernsthaften Themen gerne über den Tellerrand hinaus. Seine Popularität im Fußball macht ihn in diesem speziellen Fall zu einem gewichtigen Sprachrohr des moralisch Richtigen. Gauck für die Politik, Hoeneß für den Sport. Und so macht der Bayern-Präsident den deutschen Nationalspielern Mut: "Ich hätte Respekt vor jedem Spieler, der öffentlich Stellung zu diesem Thema bezieht. Sie würden damit Größe zeigen."

Hoeneß trifft den Kern. Phrasen aus der Ferne bewegen wenig, Taten vor Ort hingegen viel. Darin liegt eine Chance. Größe zeigen, Stellung beziehen und Meinung äußern - das können nur Menschen mit Ecken und Kanten. Der Fußball ist rund, er kann's nicht alleine.

Sportlichst,

Michael Wollny

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