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Der große Rauschangriff

Das Wohnzimmer des FC BayernDas Wohnzimmer des FC Bayern

Das Wort des "Kaisers" hat Gewicht, heißt es. Dabei kommen dem "Kaiser" die Worte nicht selten recht leicht über die Lippen - bisweilen sogar recht leichtfertig.

Mit diesem nonchalanten Mitteilungsbedürfnis sorgt Franz Beckenbauer in verlässlicher Regelmäßigkeit dafür, dass man sich auf der Teppichetage des FC Bayern am Espresso verschluckt.

Nun hat der "Kaiser" mal wieder einen rausgehauen. Live im TV bei den Kollegen von Sat.1. Moderator Johannes B. Kerner stand mit Seiner Majestät im Wohnzimmer der "Königlichen" und blickte nochmals auf das Basler Geschnetzelte in der Münchner Arena zurück.

Die Atmosphäre habe ihn beeindruckt, meinte Kerner. Erstmals tatsächlich so richtig beeindruckt. In München! "Die unglaublich dichte Atmosphäre war begeisternd. Das war eine Stimmung, wie ich sie in der Arena noch nie erlebt habe."

Natürlich hatten sich auf den Rängen Anspannung und Ängste über ein eventuelles Debakel mit der schnellen Führung verflüchtigt. Und die offensive Spielfreude der Bayern putschte die Erleichterung ins Euphorische. Zum Hexenkessel wurde die Arena deshalb aber noch nicht, zumal sich mit der "Schickeria" die eigentlichen Stimmungsmacher auf der Süd momentan in einer internen Neuausrichtung befinden.

Stimmung unten? Regler hoch!

Aber der Kaiser hatte natürlich eine Antwort auf die Verwunderung des Moderator: "Jo mei, des konn sein, doss do da Platzwoart a bisserl aufdreht hot….".

Kerners Augenbrauen hüpften Richtung Stadiondecke: "Wird das wirklich gemacht?" Na klar, Junge, bestätigte Beckenbauer: "Das wird in jedem Stadion der Welt so gemacht. Wenn es zu leise ist, dann dreht man oben in der Schaltzentrale ein bisschen auf und schon hat man eine ganz andere Stimmung." Kerner fiel aus allen Wolken.

In diesem Moment könnten sich einige Verschwörungstheoretiker endlich bestätigt gefühlt haben. Nichts ist mehr, wie es scheint und klingt. Im modernen Event-Fußball wird nichts dem Zufall überlassen. Das hatten in anderem Kontext auch schon die Fans des BVB geräuschvoll erfahren müssen, als sie in Hoffenheim akustisch zensiert und schrill überpiepst wurden. Eine Farce aus der Konserve.

Richtmikrofone mag es in vielen modernen Fußballstadien geben. Und eventuell werden sie sporadisch auch genutzt, um im Hintergrund einen dezenten Klangteppich zu erzeugen. Schließlich will der Stadion-Kunde auf seinem Sitzplatz ja auch was geboten bekommen, ohne selbst aktiv werden zu müssen.

Selbst der VIP will keinen Fake

Das traditionelle Einsingen beider Kurven vor Anpfiff wurde bereits erfolgreich durch Charts-Gewummere und lärmende Sponsoren-Gewinnspiele ersetzt. In gewisser Weise sind dadurch Stimmungsprobleme also hausgemacht. Um Beckenbauers Orwellsche Ausführung aber nicht Realität werden zu lassen, sollten die Klubs im wahrsten Sinne des Wortes wieder mehr auf ihre Stehplätze hören. Denn für das Fake-Erlebnis von klangverstärktem Rauschen oder Torjubel vom Tonträger zahlt nicht mal der Logen-Besucher.

Zuletzt beruhigt die Tatsache, dass das Wort des "Kaisers" zwar Gewicht haben mag, man dieses aber nicht immer auf die Goldwaage legen muss. Schließlich findet die Trickserei keinesfalls "in jedem Stadion der Welt" statt. Bei meinem Heimatverein FC Wangen erwirkt das technische Knowhow im altehrwürdigen "Allgäustadion" gerade einmal, dass der Stadionsprecher die Hände nicht zum Trichter formen muss.

Sportlichst,

Michael Wollny

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