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Das gelbe Monster mit dem Fön

In Europa einmalig und gefürchtet: Der Mythos SüdtribüneIn Europa einmalig und gefürchtet: Der Mythos Südtribüne

100 legendäre Meter breit, 40 wuchtige Meter hoch und 37 furchteinflößende Grad steil: Das ist Dortmund, das ist die Südtribüne, das ist spektakulärer Wahnsinn in Reinform.

Herzlich willkommen im Epizentrum schwarz-gelber Leidenschaft!

Steht die "Gelbe Wand" hinter dir, dann gottseidank. Hast du sie gegen dich, dann gnade dir Gott! Auf der Süd stehen mehr Menschen als Lindau am Bodensee Einwohner hat. Es steht geschrieben (wenn sonst noch nirgendwo, dann eben nun hier), dass italienische Fußballer ihr Haupthaar nur deshalb literweise mit selbstklebender Pomade beschweren, damit es ihnen beim Besuch in Dortmund nicht vom Schädel geblasen wird.

Jedenfalls soll Juventus-Legende Alessandro Del Piero die Süd mal als gigantischen Fön bezeichnet haben, als sich die "Alte Dame" dort im Europapokal hübsch frisieren ließ.

Gelbes Gift und schwarze Galle

Europas größte Fantribüne ist ein Monster mit 25.000 Augenpaaren, 50.000 stampfenden Beinen und rhythmisch klatschenden Händen. Die BVB-Kicker peitscht es über die Grenzen menschlicher Leidens- und Leistungsfähigkeit, auf den Gegner spuckt es gelbes Gift und schwarze Galle.

"Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich den Rasen betrete", verrät Roman Weidenfeller. Der Keeper gibt sich regelmäßig über 45 Minuten aus nächster Nähe die volle Dröhnung und ist längst auf dieser Droge hängengeblieben. "Die Gelbe Wand ist das Geilste, was du dir als Fußballer vorstellen kannst!"

Keine Frage, die Südtribüne ist ein Mythos aus Stahl und Beton. Dort ein Spiel über 90 Minuten berauscht zu erleben gehört für Jünger der schwarz-gelben Religion ebenso zur Lebenspflicht wie für einen Moslem die Reise nach Mekka.

Die Gelbe Wand ist chronisch ausverkauft, Dauerkarten werden vererbt wie in Liverpools "Kop" an der Anfield Road. Also kauft man sich mit teuren Sitzplatzkarten ein und versucht sich dann über mittlerweile gar nicht mehr so heimliche Schmuggelpfade ins Allerheiligste zu schleichen.

Rempeleien und blaue Flecke statt Sitzkomfort und Beinfreiheit. Bierdusche statt Prosecco-Stößchen. Einmal drin, gibt es kein Zurück mehr - die "Gelbe Wand" ist garantiert nichts für Leute mit Blasenschwäche.

Dem Wahnsinn ein Denkmal errichtet

"Es war nicht das Streben nach Komfort und Luxus, sondern der Wunsch nach enger Gemeinschaft und purem Fußballvergnügen, der sich in der Ausbildung von Stehrängen und deren unverminderter Akzeptanz bis heute nachvollziehen lässt", erkannte die Stadt Dortmund 2009 und erklärte die Südtribüne zum Denkmal.

Dressiert wird das Ungeheuer seit einigen Jahren von "The Unity" (TU), Dortmunds führender Ultra-Gruppe und den "Jungen Borussen". Doch die Einheit auf der Süd wird aktuell auf eine harte Probe gestellt. TU bezeichnet sich zwar als antirassistisch, steht aber in der linken Fanszene in der Kritik, sich nicht noch entschiedener von den "Desperados" zu distanzieren. Dieser Dortmunder Ultra-Gruppe werden enge Kontakte zu den Nationalen Sozialisten nachgesagt.

Bremens antifaschistische Ultras "Racaille Verte" und "Infamous Youth" hatten TU in der Vergangenheit auf einem Plakat provokativ unterstellt: "EinheiT aUch mit Nazis".

Die "Desperados" antworteten nun beim Heimspiel gegen Werder auf zwei Bannern mit homophober Hetze und peinlicher Pöbelei: "Lieber eine Gruppe in der Kritik als Lutschertum und Homofick" sowie "Gutmenschen, Schwuchtel, Alerta-Aktivist, wir haben euch im 20 gegen 100 gezeigt, was Fußball ist".

Die Kurve reguliert sich selbst

Für den BVB birgt das Thema ausreichend Brisanz, Erinnerungen an den Terror der unerträglichen "Borussenfront" in den Achtzigerjahren wurden nicht nur auf der Südtribüne wach. Entsprechend entrüstet reagierte die Fanabteilung: "Wir sind beschämt und entsetzt über die Intention dieser Banner." Und Klub-Boss Hans-Joachim Watzke kündigte Konsequenzen an: "Der BVB wird die Urheber sanktionieren und erwartet darüber hinaus eine öffentliche Entschuldigung der Verantwortlichen."

Noch während des Spiels war es zwischen anderen Fans und den "Desperados" zu Auseinandersetzungen gekommen, möglicher Auslöser war wohl weniger der Inhalt der Botschaft, sondern die Größe. Es ging um Sichtebehinderung. Nach diesem Handgemenge wurden die Banner entfernt. Der Verein sprach Stadionverbote aus. Ob damit das Problem gelöst ist, muss allerdings ernsthaft bezweifelt werden.

Doch zunächst gehört nun die volle Aufmerksamkeit einer gemeinsamen Aversion: die Bayern kommen. Das gelbe Monster aus dem Süden fährt die schwarzen Krallen aus und fletscht die Zähne. Am Mittwoch wird dieser positive Wahnsinn wieder von der Kette gelassen. Ein Wahnsinn, der mit seiner emotional-manipulativen Explosivität Spiele entscheiden kann.

Auch die Deutsche Meisterschaft 2012?

Sportlichst,

Michael Wollny

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