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Freispruch für Guerrero!

Mit Anlauf zum Vorsatz: Paolo Guerrero tritt in AktionMit Anlauf zum Vorsatz: Paolo Guerrero tritt in Aktion

Acht Spiele Sperre hat der Kontrollausschuss des DFB für Paolo Guerrero gefordert. Das Sportgericht ist dieser Forderung nachgekommen. Es ist eine Strafe, die in ihrer Härte der Brutalität eines Augenblicks gerecht wird, über den es keine zwei Meinungen geben darf.

Und doch gibt es sie, diese zweite Meinung. Natürlich wird sie in Hamburg artikuliert. Mit fragwürdiger Exklusivität. Denn jenseits der Stadtgrenze hat sie keine Überlebenschance. "Das waren schreckliche Bilder", erklärte BVB-Coach Jürgen Klopp noch am Wochenende und war sich sicher, dass Guerrero dies mit etwas Abstand auch so sehen würde. Klopp sollte sich täuschen.

Trotz statt Demut

Der Hamburger SV legt gegen das Urteil trotzigen Einspruch ein, wo ehrliche Demut angebracht wäre. "Ich verstehe nicht, warum daraus eine dramatische Sache gemacht wird", wundert sich der Übeltreter. "Der Torwart hat doch weitergespielt." Angesichts solch einer erschreckenden Uneinsichtigkeit ist es fraglich, ob Guerrero die Empörung verstehen würde, wenn er VfB-Keeper Sven Ulreich tatsächlich unterhalb des Kniegelenks an Ort und Stelle erfolgreich amputiert hätte.

Irritierend ist auch die Rückendeckung der sportlichen Leitung. Hier schlägt zweifellos strategischer Pragmatismus den gesunden Menschenverstand, wofür es angesichts der Situation des HSV Argumente geben mag. Pluspunkte bei der Imagepflege gibt es dafür aber nicht.

Man würde seinen Angreifer intern bestrafen, erklärt Thorsten Fink. Ginge es nach dem Coach wäre die Sache damit dann aber auch erledigt. Am besten wohl: Freispruch für Guerrero! Schließlich sei die Rote Karte "seine erste und er hat nicht nachgetreten, nicht nachgeschlagen."

Da hatte Ulreich wohl noch richtig Glück, an der Eckefahne auf so viel Vernunft gestoßen zu sein.

"Wir wollen ihn nicht in Schutz nehmen", nimmt Fink Guerrero in Schutz, "aber er ist kein Wiederholungstäter."

"Wir wollen nichts verharmlosen", verharmlost Fink, "aber wir wollen es auch nicht schlimmer machen, als es ist."

Nun, das wäre auch schwer. Den Spielraum nach oben hat Guerrero schließlich arg begrenzt.

Zwei Beine sind besser als eins

Die verzerrte Perspektive der Protagonisten hat nebenbei eine unvorteilhafte Signalwirkung für jeden Jugendspieler. Egal ob in Echtzeit oder Zeitlupe, die hässlichste Szene der laufenden Bundesliga-Saison bleibt hässlich. "Er hat einen unverzeihlichen Fehler gemacht", erklärt deshalb auch DFB-Sportdirektor Matthias Sammer und meint damit Guerreros Unfähigkeit zur Einsicht."Man sollte mit Abstand die Größe aufbringen, zu argumentieren, dass die Dinge einem leidtun."

So sieht das auch HSV-Legende Uwe Seeler, der sich über Guerreros Verwunderung wundert: "Das ist ein Kurzschluss gewesen, dafür gibt es keine Entschuldigung. Wenn ich 50 Meter anlaufe, das geht gar nicht", erklärte der 75-Jährige und meinte mit Rückblick auf vergangene Entgleisungen: "Irgendwann muss er ja mal dazulernen." Auch Guerreros Teamkollege Marcell Jansen war aufrichtig wütend über die Aktion: "An der Eckfahne muss ich kein Zeichen setzen."

Und sowieso, dieses viel zitierte "Zeichen"! Diese bizarre Unsitte des Fußballs. Den Gegner umtreten, statt einfach mal einen Pass über zwei Meter zum eigenen Mann zu bringen, oder eventuell den Ball ins richtige Tor zu schießen. Welches Zeichen hätte Guerrero auch setzen sollen? - "Leute, simple Arithmetik: Zwei Beine sind besser als eins. Deshalb fang' ich jetzt mal an...".

Thorsten Fink hat keine Tätlichkeit erkannt. Und er hat Recht. Es war keine Tätlichkeit. Es war ein Anschlag - auf die Gesundheit des Gegenspielers.

Es war ein Augenblick, über den es keine zwei Meinungen geben darf, sondern nur EINE Entschuldigung.

Sportlichst

Michael Wollny

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