Abgeblogged

Chronologie eines turbulenten Montags

Das Fersenbein kracht aufs Nasenbein.

Es hat schwer gewittert, mit Blitz, Donner, Starkregen und leichtem Hagel. Petrus' ganzes Arsenal eben. Dass sich unsere Tochter bei so viel Rabatz ins Bett-"Gräbele" geschlichen hat, merke ich erst, als sie mich mit gestrecktem Fuß aus dem Schlaf grätscht.

1:07 Uhr, grüßt der Wecker. Na dann, einen wunderschönen guten Morgen, du neuer Montag! In wenigen Stunden geht's Richtung Valencia, Journalisten-Stützpunkt für den Champions-League-Auftakt der Bayern in Villarreal. Bis dahin: Noch mal langmachen...

4:30 Uhr. Der Wecker piepst zwei Mal. Mit geübtem Handkantenschlag wird er zum Schweigen gebracht. Aber es hilft ja nix, aufstehen! Der Familien-Zwerg hat meine neueste Musik-CD vor meinem Bett deponiert. Dass es Thees Uhlmann ist, der da gerade unter meinem Gewicht zerbricht, ahne ich da aber noch nicht. Ich schleiche weiter und schlage mit dem linken Zeh an meinem Koffer an. Selber schuld.

4:33 Uhr. Warmes Wasser gibt's ab Nullfünf Uhr. Was dich nicht umbringt, macht dich hart. Fünf Minuten später fühle ich mich verdammt lebendig und ganzkörpermuskelverhärtet. Außerdem schmerzen Zeh und Nasenbein.

5:00 Uhr. Das Taxi kommt. "Gudde Morge!", dröhnt es mir fröhlich entgegen. "Ja?", krächze ich zurück und reiße damit meine Stimmbänder brutal aus dem Tiefschlaf. "Zum Flughafen, Richtung Champions League, bitte". Mit Blas- als Begleitmusik. Es verstört mich, dass mich das nicht stört. Ich bringe schnell meinen Musikgeschmack wieder ins Gleichgewicht und frage mich, was da wohl vorhin unter meinem Fuß so knirschend zersplittert sein könnte.

6:00 Uhr. Flughafen Franz Josef-Strauß. Check-in. Der junge Mann an der Sicherheitsschleuse liefert zu dieser Uhrzeit einen erfrischenden Sympathie-Kontrast zur freundlichen Dame am Schalter. "Drehen!", "Schuh hoch!", "Gürtel auf!", "Tschüs!" Ich würde jetzt so gerne sagen: "Du mich auch...", aber ich behalt's für mich.

6:13 Uhr. Zeitschriften-Kiosk. Ich kaufe mir jenen "Kicker", den ich gegen...

6:30 Uhr jungfräulich im Gate-Café liegen lasse. Depp, ich.

7:26 Uhr. Iberia 3537 rollt auf die Startbahn. Neben mir rollt ein kleines Mädchen mit den Augen und wird kurzatmig. Die Mutter fragt: "Geht's noch?" und greift schon mal zum gefalteten Reier-Beutel.

8:17 Uhr. Nein, es ging natürlich nicht. Das Mädchen, Helena, hat nun schon mehrmals lautstark und mitleiderregend in die Tüte ausgeatmet. Die Stewardess nimmt gerade den prallen Beutel von der Mutter in Empfang und sagt dabei auch noch "Gracias".

9:42 Uhr. Absolute Hiobsbotschaft für Helena, für mich und zweifellos auch die Stewardess. "Ladies and gentlemen, please remain seated and fasten your seat-belts. We are soon flying through a turbulence-area." Hatte ich bisher auch noch nie, denke ich mir, da sackt die Mühle schon um gefühlte drei Kilometer vertikal ins Loch. Einen Wimpernschlag später folgt mein Magen. Helena gibt neben mir alles. Alles von sich. Beutel Nummer zwei füllt sich in mehreren schweren Eruptionen bis unter den Rand.

9:48 Uhr. Das Häuflein Elend Helena weint herzzerreißend. Die Mutter versucht zu beruhigen, was zu beruhigen ist. Ich versuche Trost zu spenden, indem ich meinen Kotzbeutel anbiete - der psychologische Griff ins Klo löst in Helena unheilvolle Vibrationen aus. In dem Moment bimmelt es wie beim Pausengong, das Anschnallzeichen verschwindet. Die Stewardess erscheint, packt erneut mit spitzen Fingern am ausgestreckten Arm zu und näselt einen angestrengten Dank.

10:17 Uhr. Landeanflug auf Madrid. Ein paar steile Kurven, ein bisschen Rumpeln, aber neben mir bleib's friedlich. Helena ist so leer wie das Festgeldkonto von Real.

10:22 Uhr. Touch-down! Ein paar Reihen hinter uns klatscht natürlich eine Handvoll Pauschalisten. Ich dagegen bin einfach nur froh, dass ich gleich den Flughafen-Mäck stürmen darf. Hab' richtig Kohldampf auf Cheeseburger und Pommes. Einfühlsam wie ich bin, erzähle ich Helena davon aber nichts.

12:58 Uhr. Ankunft im Hotel in Valencia. Laptop anschließen und ein "Abgeblogged" schreiben. Danach mal schauen, ob der Rechner strandtauglich ist. Die maritime Atmosphäre könnte die Gedanken inspirieren, auf der Suche nach dem Angriffsplan der "Schwarzen Bestie" auf das "Gelbe U-Boot".

Morgen, Dienstag, können wir im Chat auf eurosport.yahoo.de gerne darüber diskutieren.

Bis dahin!

Sportliche Grüße aus Valencia,

Michael Wollny

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