Kommentar: Enke, wer...?

Eurosport - Do 19.Nov. 11:10:00 2009

Das Spiel der deutschen Nationalmannschaft am Mittwoch gegen die Côte d'Ivoire zeigte in absolut erschreckender Schnelligkeit, dass man aus dem ernüchternden Schicksal von Robert Enke nichts gelernt hat: Gellende Pfiffe gegen Mario Gomez. Ein Kommentar von Eurosport-Redakteur Michael Wollny.

FOOTBALL Mario Gomez Germany Picasso 2009 - 0

Die Wut kam in der 70. Minute. Ungläubiges Kopfschütteln über so viel Dummheit beim kollektiven Aussetzer im Kurzzeitgedächtnis.

In geradezu massenhysterischen Dimensionen hatten sich erst am vergangenen Sonntag Zehntausende von Robert Enke verabschiedet. Ganz Deutschland war angeblich betroffen. Und jetzt alle: "Wir sind Enke!"

Im Leid eines Einzelnen wollte man eine Chance erkannt haben. Depression wurde als Volkskrankheit geoutet. Mehr Menschlichkeit bitte! Mehr Sensibilität! Und dieser Druck!

Der Druck eines Profi-Fußballers und der Druck, dem sich ein jeder von uns in dieser wertebefreiten Leistungsgesellschaft ausgesetzt sieht.

Die Anderen sind Schuld

Ehrliche Betroffenheit mischte sich mit den Krokodilstränen emotionaler Trittbrettfahrer. Trauern um Robert Enke war "in" in der vergangenen Woche. Dazu natürlich auch ein gerüttelt Maß an keineswegs ungerechtfertigter Medienschelte.

Die Gesellschaft war schuld. Vielleicht auch die Ehefrau? Und was war mit den Ärzten? Und sowieso: Die Medien!

Aber wer machte sich die Mühe, sich eventuell auch einmal selbst zu hinterfragen? "Die Hölle, das sind die Anderen" - Hier passt Jean-Paul Sartre. Und Sartre passte auch gestern in der 70. Minute beim Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Côte d'Ivoire.

Ein Testspiel. Und irgendwie auch ein Gedenkspiel an Robert Enke, so hieß es. Die Gäste machten sich in Shirts mit dem Konterfei des Verstorbenen warm. Von den Rängen hingen Transparente, die Stimmung war gedrückt. Vor den Nationalhymnen wurde ein Kurzfilm über jenen Menschen gezeigt, der keine Freude mehr im Leben entdecken durfte. Erneut flossen Tränen. Und dann kam die 70. Minute.

Der eine Held, der andere Depp

In der 70. Minute wurde nämlich Mario Gomez eingewechselt - und gnadenlos ausgepfiffen. Man traute seinen Ohren nicht! Dort unten betrat soeben ein 24-jähriger Fußballer den Rasen. Den deutschen Bundesadler auf der linken Brust. Trauerflor am rechten Arm.

An den Grund für die schwarze Binde konnte man sich in diesem Moment im Stadion wohl nicht mehr erinnern. War da was?

Kießling, ein neuer Volks-Held, hatte den Rasen in der 70. Minute verlassen. Die Massen jubelten. Gomez, der "alte Depp", betrat den Rasen. Die Massen pfiffen.

In diesem Augenblick erinnerte man sich wieder an Brot und Spiele, Gladiatoren und Pöbel. Schalke war Rom, die Arena das Kolosseum und Gomez, ohnehin seit Wochen unter Dauerbeschuss, bekam den Daumen nach unten.

Es geht nicht um die bekannten Emotionen beim Fußball, von denen der Fußball schließlich auch lebt. Ein Stadion ist kein Ort für den offenen Gebetskreis. Fußball ist derb, laut und auch vulgär. Dennoch sollte er leidenschaftlich bleiben und fair.

Menschenverachtend

Doch der Fall Gomez ist exemplarisch für eine neue Fußball-Konsum-Kultur. Die Rechnung ist einfach: 35 Millionen Euro Ablöse + ein privilegiertes Leben = Legitime Projektionsfläche für Neid, Frust, Hass und Stumpfsinn.

Man will an Gemeinheiten alles dürfen können, weil es dem da unten im Trikot schließlich so gut geht. Der Fußball-Millionär hat seine öffentliche Hinrichtung klaglos zu erdulden. Soll er doch auf seinen Kontoauszug schauen, wenn er das Gefühl erfährt, von außen nach innen zerdrückt zu werden. Wenn das die viel zitierte "Rückkehr zur Normalität" bedeutet, dann soll bitte alles aus den Fugen bleiben.

Schalke wird aber leider kein befremdliches Einzelbeispiel bleiben. Am Wochenende ist wieder Bundesliga-Alltag. Fängt man in den Stadien, im Kleinen also, nicht endlich einmal damit an umzudenken, dann wird es im Großen, außerhalb des Stadions und weit über den Fußball hinaus, kein Erwachen geben können.

So einfach geht das eben in unserer heutigen Wegwerfgesellschaft. Geiz ist geil! - Also geizt man selbstverständlich auch mit dem Verstand. Sorry Leute, nichts kapiert! - Der Nächste bitte...

Ein Kommentar von Michael Wollny / Eurosport

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