Bundesliga - "Guardiola ist ein gutes Beispiel"

Di 13.Sep. 09:02:00 2011

Was verbindet Führungskräfte deutscher DAX-Unternehmen und Bundesliga-Trainer? Eine aktuelle Studie stößt eine Diskussion über vereinsinterne Trainer-Ausbildung an. Im Interview der Woche von Eurosport spricht der Leiter der Studie, Prof. Dr. Sascha Schmidt, über die interessanten Ergebnisse.

Prof. Schmidt Interview - 0

Prof. Dr. Sascha Schmidt ist Leiter des Institute for Sports, Business & Society in Wiesbaden.

Das Interview führte Michael Wollny

Herr Professor Schmidt, wie kommt man denn auf die Idee, die Amtszeiten von Bundesliga-Trainern mit denen von DAX-CEOs zu vergleichen?

Prof. Dr. Sascha Schmidt: Unser Institut hat es sich zur Aufgabe gemacht, Zusammenhänge zwischen Wirtschaft, Sport und Gesellschaft wissenschaftlich zu beleuchten. Hier vergleichen wir zwei Berufe, die stark im Rampenlicht stehen, gesellschaftliches Gesprächsthema sind und zweifelsohne auch eine Vorbildfunktion haben. Der Erfolg eines Unternehmens oder eines Vereins wird eng mit der Person verbunden. Wenn man beispielsweise von Siemens spricht, dann meint man immer auch die Arbeit des CEOs, Peter Löscher. Das ist bei Fußball-Vereinen und ihrem Trainer ähnlich. Zudem sind beide in Positionen, in denen sie einem starken öffentlichen und medialen Druck ausgesetzt sind.

Und wann wurde die Idee geboren, beide Berufe in einer Head-to-Head-Studie zu analysieren?

Schmidt: Die vergangene Bundesliga Saison mit einigen ziemlich spektakulären Trainerwechseln war der Auslöser. Aber der Vergleich liegt ohnehin auf der Hand. Wir haben einfach geschaut, ob so ein systematischer Vergleich schon mal durchgeführt worden ist und haben uns dann gewundert, dass dies nicht der Fall war.

Ein spannender Punkt in dieser Analyse ist die Fluktuation. Bundesligatrainer werden sechs Mal häufiger wegen Erfolglosigkeit entlassen als CEOs. Hat der Fußball gegenüber der Wirtschaft den Nachteil, dass nicht mittel- und langfristig geplant werden kann und Trainer nur am kurzfristigen Erfolg gemessen werden? In der Wirtschaft lässt es sich doch eher perspektivisch arbeiten.

Schmidt: Ja, natürlich. Bei Bundesliga-Trainern ist der kurzfristige Druck ungleich höher. CEOs werden zwar auch an Quartalszahlen und Börsenkursen gemessen. Aber sie haben insgesamt mehr Möglichkeiten, langfristig zu planen.

Trainer sind Berufs-Nomaden, CEOs werden innerhalb des Unternehmens nicht selten als Eigengewächse hochgezogen. Wäre dieses Modell auch für den Fußball vorstellbar?

Schmidt: Das ist auch ein Ansatz, den wir mit den Studienergebnissen vermitteln wollen. Es geht um die Frage, wie denn der Trainermarkt der Zukunft aussieht, da geht es auch um einen Trainer-Transfermarkt. Nach unserer Ansicht wird sich da auch eine Annäherung an den Spielermarkt ergeben. Erste Anzeichen sind Trainer-Transfers wie sie Chelsea mit Andre Villas-Boas gemacht hat, als 15 Millionen Euro gezahlt wurden. In der Bundesliga wurden Bruno Labbadia und Robin Dutt aus ihren Verträgen herausgekauft. Das sind ja schon erste Vorboten, dass sich auch mit Trainer-Transfers Geld verdienen lässt.

Kann daraus eine Tendenz entstehen?

Schmidt: Wenn es eine Tendenz ist, dann ist sicherlich ein frühzeitiges Investment in eine etwas breitere Trainerausbildung hilfreich. Man könnte dies analog zu den Nachwuchsleistungszentren für Spieler auch für Trainer andenken.

Die finanziellen Gründe liegen auf der Hand. Gäbe es auch einen Vorteil im Bereich der Identifikation? Pep Guardiola hat im eigenen Verein gelernt und mischt mit dem FC Barcelona den europäischen Klub-Fußball nachhaltig auf.

Schmidt: Eigengewächse haben generell den Vorteil, dass sie eine Vereinsphilosophie viel authentischer leben können, weil sie diese viel besser verinnerlicht haben. Die normalen Eingewöhnungsprobleme eines Externen fallen ebenso weg. Pep Guardiola ist ein gutes Beispiel für ein äußerst erfolgreiches Eigengewächs.

Ein sehr interessanter Punkt, der aus der Studie hervorgeht: Ehemalige Nationalspieler sind als Trainer weniger erfolgreich als Nicht-Nationalspieler. Das widerspricht dem Erfahrungs-Grundsatz. Ist das Zufall, oder lässt sich auch hier eine Erklärung ableiten?

Schmidt: Letzteres. Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass wir die Amtszeit als Erfolgsausweis betrachtet haben und nicht nach Toren, Punkten und Tabellenplatz ausgewertet haben. Denn die Ziele sind für die einzelnen Vereine unterschiedlich. Ein 3. Platz ist für den FC Bayern ja beispielsweise ein Misserfolg, für viele andere Klubs wäre es ein Riesenerfolg. Wir sind davon ausgegangen, dass sich ein Verein von seinem Trainer trennt, wenn er nicht zufrieden ist.

Und da hatten Ex-Nationalspieler den kürzeren Atem?

Schmidt: Ja, was uns auch erstaunt hat - insbesondere vor dem Hintergrund der derzeitigen Diskussion um Führungsspieler. Ehemalige Nationalspieler waren insgesamt kürzer im Amt als Nicht-Nationalspieler. Eine mögliche Erklärung ist, dass ehemalige Nationalspieler eher auf die eigene sportliche Erfahrung bauen und weniger auf den wissenschaftlich-analytischen Ansatz. Somit wird der Fokus bei der Arbeit auch anders gesetzt.

Und wie lautet die andere Erklärung?

Schmidt: Die Aufgaben eines Trainers sind sehr vielschichtig. Trainer, die mal im Amateurbereich angefangen, bringen auf der analytischen Seite einen anderen Erfahrungsschatz mit. Ex-Nationalspieler steigen häufig in der ersten oder zweiten Liga direkt ein. Ihnen fehlt diese Basis und zudem sind sie einem viel größeren Erfolgsdruck ausgesetzt.

Den Trainer-Job geduldig von der Pike an zu erlernen ist also kein Nachteil.

Schmidt: Naja, sagen wir es mal so, zumindest hat jemand relativ wenig Schonzeit, wenn er als Ex-Nationalspieler direkt bei einem Bundesliga-Klub einsteigt.

Welche praktisch umsetzbaren Synergien sind aus Ihrer Studie für den Fußball denkbar?

Schmidt: Die Bundesliga ist im internationalen Vergleich bereits hervorragend aufgestellt. Wir können im besten Fall Impulse geben. Das geht beispielsweise bei der Trainer-Nachwuchsförderung, inwieweit hier ein Modell nach Art der Nachwuchsleistungszentren vorstellbar wäre. Unsere Fakten können zudem Denkanstöße geben und Grundlage für neue Diskussionen sein.

Haben Sie sich im europäischen Ausland umgesehen, ob es diesbezüglich schon Vorstöße gibt?

Schmidt: Das wird unser nächster Schritt sein.

Wie ist denn in der Bundesliga die Resonanz auf Ihre Studie?

Schmidt: Das war interessant. Es war eine Mischung aus Interesse und Skepsis. Die Idee mit den Trainer-Leistungszentren wurde als sehr ungewöhnlich angesehen. Die systematische vereinsinterne Trainerausbildung wäre dabei die eine Hürde. Die andere wäre der Alltag der Bundesliga, in dem die Verantwortlichen in einem hochmedialen Umfeld ihre Entscheidungen treffen müssen. Das erschwert perspektivisches Denken. Die Umsetzung wäre somit ein sehr langer Weg.

Herr Professor Schmidt, besten Dank für das Gespräch.

Eurosport

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