WM 2010 - Titel-Tränen nach "blutrünstigem Abend"

Eurosport - Mo 12.Jul. 09:35:00 2010

Und wieder flossen die Tränen. Um Punkt 23:17 Uhr und 54 Sekunden. Ganz ungehement und ungeniert. Spaniens Torwart und Kapitän Iker Casillas reckte den WM-Pokal in den Johannesburger Nachthimmel, blickte selbst an den Rundungen der goldenen Trophäe entlang nach oben - und heulte wie ein Schlosshund.

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Aus Johannesburg berichtet Stefan Zürn

Erst, als er die Arme seiner Kameraden auf seinem Rücken spürte und das Beben der Tribüne unter ihm - inzwischen hüpften alle spanischen Spieler ekstatisch auf und ab - machte sich auch auf dem Gesicht der Nummer eins ein Grinsen breit und die Tränen wichen der ungezügelten Freude und vielleicht auch ein wenig der Gewissheit: Wir haben Geschichte geschrieben und den ersten WM-Titel für Spanien geholt.

Kurz davor bot sich den Zuschauern ein etwas verwirrendes Bild, wenige Sekunden nach dem Abpfiff. Da lagen alle Protagonisten, Niederländer wie Spanier, erst einmal auf dem Rasen. Ganz so, als hätten beide Teams im Finale der WM 2010 eine historische Chance verpasst. Auch Tränen gab es auf beiden Seiten. Besonders bei Casillas, der schon kurz nach dem entscheidenden Tor durch Andres Iniesta in der 116. Minute seinen Emotionen freien Lauf ließ - dabei war das Endspiel noch gar nicht vorbei.

Sündenbock Webb

Sergio Busquets, Xavi, der Siegtorschütze selbst - sie alle lagen oder knieten auf dem Grün. Arjen Robben hingegen saß in der Hocke da, die linke Hand an das Kinn geführt, in einer Art Denkerposition. Robin van Persie stemmte nur die Hände in die Hüfte und Dirk Kuyt hielt sich den Mund zu. Die Gesten der Niederländer sagten mehr als tausend Worte: Was haben wir für eine Chance verpasst.

Zum dritten Mal stand die "Elftal" in ihrer Historie in einem WM-Finale - zum dritten Mal reichte es nur für die Silbermedaille. "Die Enttäuschung ist sehr groß. Wir haben alles gegeben", sagte Nigel de Jong. Und Bondscoach Bert van Marwijk, dank dessen ökonomischer Taktik die Niederländer es überhaupt in das Endspiel geschafft hatten, fügte konsterniert hinzu: "Ich habe gehofft, dass wir das Elfmeterschießen erreichen. Aber das bessere Team hat gewonnen. Mich trifft es hart, dass wir das WM-Finale verloren haben."

So hart, dass unmittelbar nach dem Schlusspfiff erst einmal der Sündenbock gesucht wurde. Und der wurde schnell in Schiedsrichter Howard Webb gefunden. Sieben Gelbe und eine Gelb-Rote Karte zeigte der Engländer den "Oranjes". Und das nicht ohne Grund. Kein Wunder, titelte der "Volkskrant" am Montag: "Nach einem blutrünstigen Abend in Soccer City hing der WM-Titel für die Niederlande noch ein bisschen zu hoch."

Spalier für die Champions

Irgendwie wusste das auch van Marwijk. "Es ist normalerweise nicht unser Stil, mit brutalen Fouls zu spielen", betonte der niederländische Coach. "Aber es war ein Finale und es gab Fouls auf beiden Seiten." Für Wesley Sneijder, Mark van Bommel und Joris Mathijsen war Webb allerdings dafür verantwortlich, dass die Früchte des Triumphes für "Oranje" wieder unerreichbar waren. Denn diese Spieler belagerten den englischen Unparteiischen noch Minuten nach dem Schlusspfiff. "Es hat nicht geklappt - auch wegen einer unglaublichen Schiedsrichter-Entscheidung", so de Jong.

30 Minuten später hatten sich die Niederländer aber damit abgefunden, dass die bessere Mannschaft die WM-Trophäe mit nach Hause nimmt. Robben, der zwei Mal die Führung alleine vor dem Tor auf dem Fuß hatte, Sneijder und Co. standen Spalier für den Champion, der nach der Pokalübergabe wieder hinunter auf den Rasen gekommen war, dorthin, wo sich die Iniestas, Xavis und Villas dieser Welt am wohlsten fühlen.

Es gab Applaus, ehrlichen Applaus, und ein Abklatschen mit jedem Spanier, der durch die orangefarbene Gasse aus "Elftal"-Spielern joggte. "Weltmeister! Das ist unglaublich, unfassbar, einfach ohne Worte. Wir werden das jetzt genießen", brach es aus Matchwinner Iniesta heraus. Sie hatten es eben wieder einmal geschafft. Wie schon gegen Deutschland. Sie waren da, als es notwendig war.

"Ein ganz glücklicher Tag"

Von "Tiki Taka", dem gefürchteten Kurzpasspiel der Iberer, war nämlich bis zum Halbfinale und Endspiel nicht so viel zu sehen. Mit Minimalergebnissen schlich sich der Europameister in das Finale in Johannesburg. Doch auf eben jenem Weg dorthin haben die Spanien alles richtig gemacht.

"Der Sieg war hoch verdient, auch wenn er hart umkämpft war", kommentierte Weltmeister-Trainer Vicente del Bosque. "Für mich ist das ein ganz glücklicher Tag." Wie für Casillas. Auf der Ehrenrunde durch das Soccer-City-Stadion reckte der Torhüter, der ganz nebenbei auch noch zum besten des Turniers gekürt worden war, den Pokal immer wieder in die Höhe. Und blickte ihn mit glasigen Augen an.

Der Kampf mit den Tränen war der einzige, den Casillas an diesem Abend verloren hat.

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Aus Johannesburg berichtet Stefan Zürn / Eurosport

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