Giro d'Italia - Wegmann: Giro-Etappe statt Tour-Start

Do 05.Mai. 13:37:00 2011

Als einstiger "Bergkönig" des Rennens startet Fabian Wegmann in den Giro: Doch diesmal hat er andere Ziele als das "maglia verde", das er bei seiner Premiere 2004 holte. Im Exklusiv-Interview spricht der zweifache Deutsche Meister auch über den extremen Kurs, sein neues Team Leopard - und die Tour.

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Mit welchen Zielen gehen Sie in Ihren dritten Giro?

Fabian Wegmann: Ein Etappensieg wäre schön - gerade die ersten Teilstücke kommen mir vom Profil her sehr entgegen und da werde ich immer wieder mein Glück versuchen. Das ist ja auch ein Grund, weshalb ich den Giro fahre und deshalb gilt mein Fokus der ersten Rennhälfte.

Bei uns im Team kann jeder seine Chance suchen und auf Etappenjagd gehen, gerade nachdem leider unser Topsprinter Daniele Bennati absagen musste. Für die Gesamtwertung kommt nur Oliver Zaugg in Frage, aber für ihn dürfte es wohl um einen Platz zwischen Rang 15 und 20 gehen. Bei der Vuelta hat er gezeigt, dass er auf diesem Niveau fahren kann.

Wie beurteilen Sie die Streckenführung mit den vielen extrem schweren und steilen Bergen, den langen und harten Bergetappen in Serie? Da wird es in der Schlusswoche wahrscheinlich für zehn Fahrer um das Podium gehen - und für 150 um den Kampf gegen die Karenzzeit...

Wegmann: Ja, so könnte es sein... Es reicht, wenn es da mal regnet, dann wird es ganz kritisch. Das kann nicht im Sinne des Veranstalters sein. Der Giro will eben irgendwie mit der Tour mithalten, aber solche Extreme sind eher nicht der richtige Weg. Ob noch härter und noch steiler es wirklich interessanter macht, frage ich mich schon. Zumindest Überraschungssieger wird es nicht geben.

Wie fällt die Bilanz der ersten Monate aus - es gab früh gute Platzierungen, etwa bei 'Strade Bianche' oder dem GP Indurain - aber ein Sieg war nicht dabei...

Wegmann: Die Form war und ist gut, aber die Ergebnisse nicht ganz. Bei den Ardennen-Klassikern musste ich viel für meine Kapitäne arbeiten, das hat Kraft gekostet. Einen Tag nach Lüttich-Bastogne-Lüttich war ich dann etwa bei Rund um Köln noch nicht wieder frisch. Zudem musste ich nach dem Flèche Wallonne drei Tage Antibiotika nehmen. In Frankfurt hatte ich mir natürlich mehr erhofft, aber zu viele Teams wollte einen Sprint - oder waren zu schwach, um eine Spitzengruppe mit auf die Beine zu stellen.

Sie sind im Frühjahr fast pausenlos im Einsatz gewesen, jetzt folgt der Giro - ist noch genügend Kraft da?

Wegmann: Ja. Ich spüre die letzten Wochen und Monate zwar schon etwas, aber ich hatte jetzt eine ruhigere Woche vor dem Giro-Start und werde im Anschluss eine Pause haben. Das Ziel ist aber dennoch in jedem Fall, bis nach Mailand durchzukommen.

Aber wenn man auf diesse Rennprogramm blickt, heißt doch die Konsequenz daraus wohl: Einen Start bei der Tour wird es für Sie wohl kaum geben.

Wegmann: Das wird wohl leider so sein. Ich würde gerne fahren, aber werde wahrscheinlich nicht dabei sein. Aber mehr kann und möchte ich zu diesem Zeitpunkt dazu auch nicht sagen.

Vor sieben Jahren war der Giro 2004 Ihre erste dreiwöchige Rundfahrt - am Ende stand mit dem Bergtrikot ein unerwarteter, großer Coup zu Buche. Jetzt gehen Sie als erfahrener, 30-jähriger Profi an den Start: Was hat sich in diesen Jahren verändert, wie hat sich der Radsport gewandelt?

Wegmann: Puh, das ist eine lange Zeit...! Der Radsport stand damals, gerade in Deutschland, noch in einem anderen Licht. Ich bin damals ganz unbedarft an den Start gegangen. Und der Giro war längst nicht so hart, das hat sich definitiv geändert: Viele Etappen waren für Alessandro Petacchi maßgeschneidert - der hat damals neun Stück gewonnen. Zwar sind wir damals auch den Gavia-Pass gefahren, aber eben nicht eine Woche am Stück - um das mal mit der Schlusswoche in diesem Jahr zu vergleichen. Mein Bergtrikot habe ich ja damals auch durch zahllose Attacken geholt, war dauernd in Ausreißergruppen, gerade auf den nicht so schweren Etappen. Dieses Jahr könnte man so das Trikot niemals holen.

Just in diesen Tagen sorgen zwei einstige Teamkollegen von Ihnen wieder für Schlagzeilen: Stefan Schumacher holt wieder Siege, Davide Rebellin hat ein neues Team nach seiner Sperre. Wie gehen Sie mit solchen Nachrichten um: Ärger, Gleichgültigkeit, Frust?

Wegmann: Für mich ist das abgehakt. Beide haben eben auch ihre Sperren verbüßt - es ist ja nicht so, dass sie ohne Strafe davon gekommen wären. Ich beschäftige mich nicht damit, sondern schaue auf mich und meine Rennen. Sportrechtlich haben sie wieder die Berechtigung zu fahren - also muss man das so hinnehmen.

Nach Gerolsteiner und Milram ist Leopard jetzt Ihre dritte Profistation: Was unterscheidet das Team im Vergleich zu den deutschen Rennställen?

Wegmann: Es ist alles sehr, sehr gut organisiert, noch besser als ich es kannte. Ob Training oder Material, es gilt für jeden Bereich. Alles ist erstklassig und definitiv auf einem anderen Niveau. Auch menschlich passt es, es macht einfach richtig Spaß.

Welche Rolle spielt das Mannschaftszeitfahren zum Giro-Auftakt für Leopard: Ist das ein echter Härtetest oder wird da eher Schwung geholt für die ersten "normalen" Etappen?

Wegmann: Wir sind zwar mit guten Fahrern beim Giro, haben super Material - aber sind eben nicht mit den absoluten Zeitfahr-Spezialisten am Start. Vorne mitzumischen wird da nicht möglich sein, ein Platz unter den Top 8 schon ein super Ergebnis.

Wie laufen nun die letzten Stunden bis zum Auftakt ab?

Wegmann: Zuerst gibt es die medizinische Untersuchung wie vor jeder großen Rundfahrt und ein paar Stunden werden wir noch trainieren. Am Freitag ist dann die große Präsentation - die wird wohl etwas aufwendiger und länger werden, mit Militärparade, der Kunstflugstaffel der italienischen Luftwaffe und mehr. Die Tage vor dem Start werden immer etwas lang, man hat zu viel Zeit, im Hotel herumzusitzen - und zuzunehmen... Wenigstens gibt es keinen Prolog, denn das ist sonst für viele Fahrer ein weiterer Tag, der nur irgendwie über die Bühne gebracht werden muss.

Potrait Cavendish

TV-Tipp:

Eurosport präsentiert mit dem Giro d’Italia das erste ganz große Rundfahrt-Highlight in ausführlichen Live-Übertragungen: Vom 7. Mai an sind wir drei Wochen lang bei allen Etappen im Kampf um das „maglia rosa“ LIVE mit dabei - selbstverständlich auch im Eurosport Player.

Das Interview führte Andreas Schulz / Eurosport

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