WM - Disl: "Neuner wie vom anderen Stern"

Di 28.Feb. 12:36:00 2012

Die deutsche Biathlon-Legende Uschi Disl spricht bei eurosport.yahoo.de im Interview der Woche über die am 29. Februar beginnenden Weltmeisterschaft in Ruhpolding. Die 41-Jährige aus Bad Tölz analysiert die Chancen der deutschen Skijäger und blickt zurück auf ihre einzigartige Karriere.

Interview Disl Neuner - 0

eurosport.yahoo.de erwischt die Biathlon-Pensionärin zuhause in Österreich.

Die zweifache Mutter entschuldigt sich für ihre Verspätung - gerade habe sie ihre Tochter zur Nachbarin zum Spielen in den Garten gebracht und sich bei dieser Gelegenheit ein wenig festgequatscht.

Kein Problem, denn die 41-Jährige ist so schon im Redefluss und gibt Einblicke in ihr Leben nach der aktiven Karriere, erinnert sich an ihre beiden verkorksten Auftritte bei den Heim-Weltmeisterschaften und nennt ihre Favoriten für die Medaillenjagd in Ruhpolding.

Das Interview führte Fabian Kunze

Guten Tag, Frau Disl. Danke, dass Sie sich Zeit für dieses Interview genommen haben. Die Leute interessiert natürlich, was Uschi Disl heute macht.

Uschi Disl: Jetzt zur WM mache ich Gästebetreuung für meine Sponsoren. Ansonsten nehme ich über das ganze Jahr verteilt den einen oder anderen Termin wahr. Aber im Hauptberuf bin ich glückliche Mama.

Sie haben an zwei Heim-Weltmeisterschaften teilgenommen. Erzählen Sie doch mal, welche Erinnerungen Sie daran haben.

Disl: Ich habe bei beiden nicht gerade viel Glück gehabt. In Ruhpolding war ich vorher krank. Beim ersten Rennen, dem Einzel, war es dann sehr warm, was es für mich nach der Krankheit extra schwer gemacht hat. Ich war einfach noch nicht in Form und habe ganz schnell gemerkt, dass gar nichts geht. Bei uns gab es damals ja auch nur Einzelrennen und Sprint. Das Glück mit so vielen Rennen wie heute hatten wir nicht. Mit der Mannschaft haben wir dann zumindest noch Silber geholt.

Das war 1996. Und wie war es bei der zweiten Heim-WM in Oberhof 2004?

Disl: Da war ich komplett krank und konnte nur im Massenstart starten. Und da bin ich dann auch noch gestürzt. Also mir haben Heim-WMs leider kein Glück gebracht.

Wie haben Sie die Stimmung in Erinnerung? Ist das etwas anderes, als wenn die WM in Oslo oder Chanty-Mansijsk wäre?

Disl: Ja, natürlich ist das ein bisschen anders. Aber es ist vergleichbar mit einem "normalen" Weltcup in Ruhpolding oder Oberhof. Die Stimmung ist einfach gigantisch.

Die deutsche Biathlon-Legende Uschi Disl spricht bei eurosport.yahoo.de im Interview der Woche über die Weltmeisterschaft in Ruhpolding. - 2 Die Stimmung ist nicht anders, aber die Erwartungshaltung ist doch wahrscheinlich sehr hoch?

Disl: Ja, aber das ist im Weltcup genauso. Da würde ich keinen Unterschied machen. Die Deutschen müssen eigentlich immer aufs "Stockerl". Aber man selber macht sich zu einer WM natürlich noch mehr Druck.

Wie sehen Sie die Chancen der Deutschen?

Disl: Ich glaube, besonders Lena Neuner zerbricht sich da nicht groß den Kopf. Es ist ihre letzte Saison, und ich glaube, sie schwebt im Moment auf einer Wolke. Sie hat auch nicht unbedingt so viel Konkurrenz. Es gibt ein paar Damen, die gut sind, aber eben nicht sehr viele. Bei den Männern ist das schon anders.

Wen sehen Sie denn als größte Konkurrentin für Magdalena Neuner?

Disl: Das ist sicher Darya Domratschewa. Die kann läuferisch mit ihr mithalten. Dann wird sich zeigen, wie Kaisa Mäkäräinen in Form ist. Wenn sie in guter Form ist, kann sie auch einigermaßen mithalten. Aber ansonsten läuft Lena ja wie von einem anderen Stern und allen anderen weg. Wenn sie trifft, hat sie außer Darya keine Konkurrenz. Und das ist bei den Männern halt anders, da war ja teilweise im Verfolgungsrennen das komplette Feld innerhalb von zwei Minuten.

Und wen sehen Sie bei den Herren ganz vorne?

Disl: Also ich muss ganz ehrlich sagen, ich hoffe so sehr, dass Andreas Birnbacher eine WM-Medaille holt. Es ist einfach Zeit für ihn. Gold für ihn wäre ein Traum. Arnd Peiffer ist auch gut in Form. Er hat auch sehr gute Chancen. Aber mein halbes Herz schlägt auch für die Norweger, weil mein Freund deren Ski präpariert. Emil Hegle Svendsen hat da sicher auch sehr gute Chancen. Tarjei Bö und Ole Einar Björndalen sind auch in aufsteigender Form und können Gold holen. Und auch die Russen haben sich sehr stark präsentiert.

Sie haben ja erst bei Ihrer letzten WM in Hochfilzen die ersten Einzel-Goldmedaillen geholt. Vorher gab es "nur" Silber und Bronze. Wie war das, haben sie dann auch irgendwann gedacht, "das ist nichts wert, ich will jetzt mal Gold".

Disl: Nein. In Deutschland ist das auch ein bisschen anders, als zum Beispiel in Norwegen. Hier ist Silber und Bronze auch in der Öffentlichkeit noch etwas wert. Aber in Norwegen ist es schon so, da musst du Gold holen. Silber-und Bronzemedaillen-Gewinner sind da schon der erste und zweite Verlierer.

Es gibt ein paar Parallelen zwischen Ihnen und einer aktuellen deutschen Biathletin, der Miriam Gössner. Die ist auch in der Spur meistens sehr gut unterwegs, aber am Schießstand klappt es bei ihr nicht immer. Kann man Sie beide vom Typ her vergleichen?

Disl: Ich kenne Miri zu wenig, um mich mit ihr vergleichen zu können. Dass sie treffen kann, hat sie bereits unter Beweis gestellt. Dies allerdings in Situationen, in denen es um nichts mehr ging. Ich hatte beim Schießen auch meine Probleme, habe aber trotzdem bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen getroffen und auch einige Weltcupsiege errungen. Diese Erfolge fehlen ihr halt noch. Aber ich wünsche ihr sehr, dass der Knoten platzt. Zur WM wäre doch der ideale Zeitpunkt.

Glauben Sie, dass der Rücktritt von Magdalena Neuner ein Loch in die Damenmannschaft reißen könnte?

Disl: Andrea Henkel ist ja auch noch da. Sie geht oft ein bisschen unter, aber sie hat auch schon große Erfolge gefeiert und gerade erst wieder ein Weltcuprennen gewonnen. Sie ist vielleicht nicht so der alles überstrahlende Stern wie Lena, aber für einen Sieg ist auch Andrea immer gut. Tina Bachmann wünsche ich auch, dass es mal wieder besser läuft. Und wenn die Miri trifft, ist sie auch vorne. Und es werden schon wieder Neue kommen. Das war immer so. Wenn der große Stern vorne weg ist, ist das für manche auch vom Kopf her eine Befreiung.

Aber die mediale Aufmerksamkeit wird dann auf die anderen gerichtet sein. Bisher hat sich alles auf Neuner konzentriert.

Disl: Genau. Aber vielleicht braucht auch die eine oder andere mehr Aufmerksamkeit und es tut ihr dann gut, nicht mehr im Schatten zu stehen. Zu wünschen wäre es allen.

Wie sieht es denn beim Nachwuchs aus?

Disl: Also wir können nicht so aus dem Vollen schöpfen wie die Russinnen. Aber ich glaube, das ist ein generelles Problem, was den Sport betrifft. Wie viele Kinder wollen sich denn heute noch schinden? Es ist eine Schinderei. Man muss auch auf viel Freizeit verzichten. Aber ein paar Nachwuchsläuferinnen sind schon da.

Sie haben die Russinnen angesprochen. Sie werden ja von Wolfgang Pichler trainiert, der vorher die Schweden an die Spitze geführt und jetzt die Russen aus einem kleinen tief geholt hat. Können Sie uns sein Erfolgsgeheimnis verraten?

Disl: Er macht nichts anderes als die anderen auch. Er hatte eben auch das Glück, dass er mit Magdalena Forsberg und Anna-Carin Olofsson-Zidek zwei große Talente bekommen hat. Aber er kann seine Athleten sehr gut motivieren und ihnen vor dem Wettkampf den Druck nehmen. Außerdem hat er die Russen teilweise gebremst. Sie haben viel zu viel trainiert und waren ausgebrannt, weil sie einen extremen Druck in der Mannschaft haben. Das ist eben so, wenn hinter der Top-Mannschaft noch so viele Athleten auf ihre Chance lauern, die fast gleich stark sind.

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TV-Tipp:

Die Biathlon-WM in Ruhpolding - Eurosport ist vom 1. bis 11. März bei allen Rennen aus der Chiemgau-Arena LIVE dabei - auch im Eurosport Player.

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