Do 10.Sep. 18:04
Da waren's nur noch acht - das Viertelfinale beim Shanghai
Masters steht an. Zeit für ein erstes Fazit und natürlich für einen Formcheck
bei den acht letzten Mohikanern. Man merkt es bei vielen Spielen, dass es das
erste Weltranglisten-Turnier des Jahres ist; viele Spieler sind noch auf der
Suche nach ihrem Rhythmus. Aber das Problem könnte uns über die Saison
begleiten, denn wie sollen die Profis bei leider nur sechs Ranglisten-Turnieren
plus dem Masters irgendeinen Rhythmus finden. Gut beraten ist, wer reichlich
andere Möglichkeiten nutzt, Matchpraxis zu sammeln. Denn auch in Shanghai merkt
man den Spielern an, wenn sie den Sommer über bei vielen Turnieren angetreten
sind. Generell aber gilt: Es gibt keinen Grund, über das Niveau zu klagen. Nun
aber zum Formcheck:
Ronnie O'Sullivan: So wird das nichts. Die Nummer eins weiß offensichtlich selber nicht, wo er steht - und wir können es natürlich auch nicht wissen. Zwei klare Siege sagen nicht allzu viel aus, denn sowohl Graeme Dott als auch Marco Fu sind mit ihren Chancen fahrlässig umgegangen. Ronnie ist noch nicht richtig gefordert worden. Vielleicht braucht er ja aber auch gerade diese Herausforderung, um auf Touren zu kommen.
Ding Junhui: Ronnies Viertelfinalgegner hat in Shanghai bisher überzeugt. Er scheint mir die Freude am Snooker zurückgefunden zu haben. Alles andere kann dann auch kommen. Noch nie habe ich eine derartige Lockerheit bei ihm bei einem Turnier in China beobachtet. Die Gespenster der übergroßen Erwartungshaltung und des riesigen öffentlichen Interesses ich China scheint er bezwungen zu haben. Warum soll er dann nicht auch das Gespenst der Masters-Finales von 2007 gegen Ronnie zum Teufel jagen?
Shaun Murphy: Der Vize-Weltmeister ist für mich bisher der Überflieger des Shanghai Masters. Sein 5:1 über Michael Holt war stark; sein 5:0 über Jamie Cope war bärenstark. Der Weg zum Titel führt über ihn. Murphy hat den Sommer über die richtige Balance gefunden: Er hat eine Reihe von Turnieren gespielt, um die Wettkampfhärte zu erhalten; er hat sich aber auch seine Auszeit gegönnt, um die Frische zu erhalten und Lust auf Snooker zu haben. Sein Geheimnis hat er in Shanghai verraten: „Ich spiele nur die einfachen Bälle, nicht die schweren." Wenn es so einfach ist ...
Ken Doherty: Ist das die Wiederauferstehung einer Snooker-Legende? Der Darling of Dublin steht zum ersten Mal seit den China Open 2007 wieder im Viertelfinale eines Ranglisten-Turnieres und scheint seinen tiefen Fall gestoppt zu haben. Gegen Murphy ist er natürlich Außenseiter, aber das kann sein Vorteil sein: Er kann locker in das Match gehen und hat nichts zu verlieren. Und mit seiner legendären Kampfkraft kann er jeden vor Probleme stellen.
Ricky Walden: Schon vor dem Shanghai Masters hatte ich ja hier geschrieben, dass ich nicht an eine erfolgreiche Titelverteidigung für ihn glaube. Mit dem Erreichen des Viertelfinales kann er schon einen Erfolg verbuchen. Aber: Je näher die Titelverteidigung rückt, desto größer wird der Druck und desto heftiger flattern die Schmetterlinge im Bauch. Ich bleibe dabei: Die Titelverteidigung klappt nicht.
Liang Wenbo: Für ihn gilt ähnliches wie für Ken Doherty. Der Druck ist weg, er hat die Erwartungen übererfüllt. Zum zweiten Mal nach der WM 2008 steht er im Viertelfinale. Aber gerade das macht ihn gefährlich. Wer weiß, zu welch Großtaten ihn die Unterstützung des chinesischen Publikums noch treibt. Beeindruckend ist auch die Weiterentwicklung seines Spiels, das jetzt viel umfassender ist und nicht mehr der Harakiri-Snooker vergangener Tage.
John Higgins: Auch der Weltmeister ist in seinen ersten beiden Matches nicht zu sehr gefordert worden; auch er wird daher nicht wissen, wo er steht. Um am Sonntag noch dabei zu sein wird er sich steigern müssen. Aber mit seinen letzten beiden Breaks im Achtelfinale hat er angedeutet, dass das durchaus möglich ist. Alles hängt davon ab, ob er wirklich hochkonzentriert zur Sache geht.
Ryan Day: Li Yan hat er vielleicht unterschätzt, aber gegen Matthew Stevens war er auf den Punkt fit. Die Frage, wann er denn endlich seinen ersten Titel holt, wird aber auch bei ihm im Hinterkopf herumspuken. Das macht es nicht einfacher.
So - morgen Abend kann man dann wieder mit dem Finger auf mich zeigen, weil ich danebengelegen habe. Aber was soll's? Ich freue mich auf die letzten drei Tage des Shanghai Masters. Und wer immer am Sonntag die Trophäe bekommt kann sicher sein, dass ich mich mit ihm freuen werde.
Herzliche Grüße
Ihr / Euer Rolf Kalb
Eine sehr schöne Analyse. Zwar habe ich nicht alle acht Viertelfinalisten live beim Spiel beobachten können, aber das, was ich gesehen habe, deckt sich mit Rolfs Einschätzung. Die bisher besten Leistungen haben meiner Meinung nach Shaun Murphy und Ding Junhui gezeigt. Sollte Ding sein Ronnie-Gespenst überwinden, wäre das Finale zwischen den beiden keine Überraschung für mich.
Übrigens, die beste Vorbereitung für Ding wäre sich Aufzeichnungen von Ronnies zwei bisherigen Spielen hier in Shanghai anzuschauen - das kann ihm nur Mut machen. 
Ich denke, dass Rolf Recht hat, wenn er schreibt, dass ROS selbst nicht weiß, wo er steht. Und das ist der Knackpunkt: Selbstzweifel... die schleichen sich seit letzter Saison nämlich wieder bei Ronnie ein...
Ich hoffe, dass Ken oder Liang das Torunier gewinnen, denn beide sind sympatische "Außenseiter", denen ich den Sieg sehr gönnen würde. Aber auch Ding würde ich es wünschen. Er muss hier Ronnie endlich besiegen, um das Gespenst der Masters-Finales von 2007 wirklich zum Teufel jagen zu können! Und in diesem Falle würde ich eine Niederlage meines Snookerhelden regelrecht begrüßen. Das wäre der Befreiungsschlag, den Ding braucht. Am besten einen Whitewash. Ich drücke ihm die Daumen!
@trophymad
du bist mir aber ein guter, der seinem Snookerhelden eine Whitewash wünscht
@ salleh_ahmed: Ding ist halt nicht irgendwer und ich kriege das Mastersfinale 2007 nicht aus meinem Kopf. Das hat Ding kaputt gemacht. Und wenn ihn ein sieg gegen Ronnie wieder reparieren kann: Dann bitte! Er ist jung und er war ein atemberaubender Spieler, vor dem Mastersfinale 2007... Wenn ich diesen Spieler wieder haben kann, indem mein Snookerheld einen whitewash kassiert: dann bitte!
R.Kalbs Analyse: wie immer gut fundiert.
Fazit: noch kann man nichts sagen, Spannung ist da.
Soll es nicht so sein ???
Absolut treffende Analyse, finde ich auch!
Wünschen würd ich's ja Ryan Day, daß er seinen Titel holt, aber die anderen Kandidaten (Doherty, Ding Junhui) könnten auch einen kleinen "Schub" vertragen.
Shaun Murphy scheint in bestechender Form zu sein und könnte dem einen oder anderen noch ein kleines Beinchen auf dem Weg zum Titel stellen.
Schön, wenn ein Turnier so offen ist! Wir können gespannt sein. 
auch wenn ich ronnie mag, ich hoffe sehr dass day gewinnt, er hätte es verdient
Da warens nur noch zwei...
Eigentlich auch mal schön, wenn andere als Shaun und John im Finale stehen.
Aber wer gewinnt denn nun morgen?
Ich bin sehr glücklich darüber, dass Ronny entgegen aller Unkenrufe zu seinem Spiel zurückfindet. Ärgerlich nur, dass man nicht das ganze Spiel verfolgen kann ... gibts denn keine Alternative zu Eurosport ???
Bitte Anmelden um einen Kommentar einzutragen