Um Reifenbreite

Andreas Schulz

Bilderrätsel

Fr 24.Jul. 11:02

Todd Lodwick Tour de France

Wer kennt diesen Mann? Die Tour hatt ja immer wieder überraschende Treffen parat: An Start und Ziel wimmelt es von ehemaligen Stars. Mindestens jeder Zweite, den man irgendwo im Durcheinander der LWKs, Wohnmobile und Übertragungswägen trifft, hat selbst schon Etappen gewonnen, Mehrfachsieger sind alles andere als selten und selbst Großmeistern der Szene wird unaufgeregt begegnet.

 

Der Tour-Mikrokosmos kennt sich, meist sogar seit Jahrzehnten, den tatsächlich sind viele einstige Profis nun in unterschiedlichsten Funktionen im Tross dabei. Newcomer hingegen fallen auf, gerade weil die Insider der Szene sie manchmal nicht zuordnen können. Bei den Kurzbesuchen von F1-Star Fernando Alonso, Fußball-Legende Johan Cruyff oder Schauspieler Ben Stiller taten sich manche Fans und Experten mit der Zuordnung schwerer als etwa bei einem französischen Vizemeister der Amateure aus den späten achtziger Jahren.

 

Dementsprechend argwöhnisch wurde der Mann beäugt, der plötzlich nach dem Zeitfahren mit einem unserer Kamerateams am Eurosport-Camper auftauchte. Misstrauische bis irritierte Blicke von den umstehenden Berichterstattern: Durchtrainiert, rasierte Beine, als "Ehrenmal" ein kleiner Verband an der Wade – wer kann das nur sein?

 

"Ich war das Vorbild für Lance"

 

Zum Glück deckt Eurosport so viele Disziplinen ab. Langsam rattert es im Hinterkopf, ein fragender Blick zum Kollegen: Ist das - ? Ja. Ein leibhaftiger Doppelweltmeister schneite da vorbei – und kein x-beliebiger. Todd Lodwick ist nicht nur eine der großen Gold-Hoffnungen der USA für die Winterspiele in Vancouver in der Nordischen Kombination, er bringt auch eine außergewöhnliche Biographie sowie eine aktuelle, schmerzliche Verbindung zur Tour mit.

 

Schon klar, viele werden jetzt sagen: Nordische Kombi, na toll. Meinetwegen – Zeitfahren bei der Tour begeistern ja auch nicht jeden Wintersport-Fan. Aber die Geschichte des 32-Jährigen ist ein modernes Sportmärchen – das zudem bei der Tour fast ein tragisches Ende genommen hätte.

 

Anfang 2006 hatte der Familienvater seine erfolgreiche Karriere schon beendet, ohne neben insgesamt sechs Siegen im Weltcup je eine Medaille bei Großereignissen geholt zu haben. Doch der Ruhestand war nix für Lodwick. Nach zwei Jahren Pause stieg er wieder ins Training ein, kämpfte sich zurück ins US-Team – und holte dann bei der WM im letzten Februar gleich zweimal Gold.

 

So hätte es ein anderer US-Sportler hier bei der Tour auch gerne gemacht. Lodwick verwies bereits nach seinem Coup seinerzeit grinsend darauf, dass er "das Vorbild für Lance Armstrong" gewesen sei, schließlich habe er seine Rückkehr früher gestartet.

 

"Könnte sehr gut tot sein"

Keine Sorge. Natürlich hat der Ausnahmeathlet aus Colorado großen Respekt vor seinem Landsmann aus Texas. Deshalb machte er sich mit einigen Teamkollegen auch auf, der Königsetappe der Tour einen Besuch abzustatten. Das eigene Trainingslager in Courchevel war schon fast abgeschlossen, der Abstecher zur Rennstrecke am Col des Saisies eine nette Abwechslung. Doch fast wäre dieser Ausflug im Drama geendet.

 

Mit seinem Rad war Lodwick auf der Abfahrt unterwegs, als plötzlich vor ihm ein Auto stoppte. Um den Aufprall zu vermeiden, zog er auf die Gegenfahrbahn - wo ihm aber ein anderes Fahrzeug entgegen kam. "Ich weiß noch genau, was dann passierte", schildert er uns den Unfall, "ich flog durch die Luft, knallte auf die Windschutzscheibe und das Dach und landete danach auf dem Boden."

 

Er zeigt uns ein Bild des Fahrzeugs - die Scheibe ist völlig zerborsten und weit eingedrückt, an seinem Titan-Rad hat es die Gabel abgerissen. "Ich kann verdammt froh sein, dass ich noch lebe, ohne meinen Helm wäre ich jetzt nicht hier", sagt er ganz ruhig.

 

"Trainingplan passt ganz gut"

 

Außer einigen Prellungen und Abschürfungen hat er keine Verletzungen erlitten, "ich konnte sofort wieder aufstehen", erzählt er und kann es selbst noch nicht so recht glauben. "Die Fahrerin des Wagens hat es schlimmer erwischt, sie stand richtig unter Schock, wurde aber körperlich nicht verletzt", berichtet er weiter. Nicht nur Jens Voigt hatte also in den Alpen einen Schutzengel dabei.

 

Für Lodwick geht es nun von Genf aus zurück in die Heimat, die Vorbereitung auf Vancouver ist nicht beeinträchtigt. Lakonisch meint er dazu: "Nach den harten Einheiten hier in Frankreich steht jetzt zwei Wochen lang sowieso eher Regeneration auf dem Programm. Das passt ganz gut."

 

Denken Sie mal an ihn, wenn Sie im nächsten Februar den Medaillen-Kampf der deutschen Kombinierer bei Olympia verfolgen – Lodwick kann glücklich sein, seinem Lebenstraum überhaupt noch nachjagen zu können.

 

Schöne Grüße aus Annecy,
Andreas Schulz

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  • Bemerkung1 - 16 von 16
  1. Top!!!

    skapiertVon skapiert, am Fr 24.Jul. 12:05

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  2. Toller "Radsportblog". Bloss nichts negatives. Das ist halt die Eurosportwelle. Als ob es nichts wichtigeres in der Szene gäbe, als nen Weltmeister in der Nordischen Kombi. Im Hochsommer bei der Tour. Ich hoffe, der Blog nächstes Jahr schreibt wieder jemand, der Bezug auf die aktuellen Ereignisse des Radfahrens nimmt. Und bevor hier wieder einige über mich herrziehen, das ist nunmal meine Meinung zu einem Radsportblog. Andere Meinungen sind willkommen und toleriert.

    mister_c_from_germanyVon mister_c_from_germany, am Fr 24.Jul. 12:25

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  3. @mister_c_from_germany: Ich toleriere Ihre Meinung und wünsche Ihnen in Zukunft viel Spaß bei der Konkurrenz, die Doping in den Mittelpunkt der Radsport-Berichterstattung stellt. Ganz besonders ans Herz lege ich Ihnen Andreas Burkert von der "SZ". Der Mann schreibt in Ihrem Sinne...
    @Herr Schulz: Klasse Blog. Vielen Dank, dass wir auch mal etwas am Rande der Strecke erfahren dürfen. Dass es lodwik so zerlegt hat, hätte man in Deutschland wohl nur dann erfahren, wenn er dabnei ums Leben gekommen wäre... bitte mehr davon!

    fritzbrause1970Von fritzbrause1970, am Fr 24.Jul. 12:35

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  4. in einem radsport bloh hätte ich persönlich gerne ereignisse vom rand der strecke und genau deshalb passt der artikel sehr gut!!!
    daumen hoch!!!

    t.dorauVon t.dorau, am Fr 24.Jul. 12:45

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  5. Sry mister c aber bezug zum Radsportgeschehen nehmen nunmal Radsport-Artikel und Radsport-Blogs wie dieser gehn nunmal um das was drumherum passiert!
    Die Blogs vom Schulz sind absolut klasse und hoffentlich macht er damit auch noch ein paar Jahre weiter!

    porky_1701aVon porky_1701a, am Fr 24.Jul. 12:46

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  6. find die story total ok - über das rennen gibts doch überall was zu lesen. kann normal mit dem namen loddwick auch nix anfangen, aber jetzt ist das anders geworden,. gute sache. wünsch ihm schnelle besserung, aber die deustchen soll er bei olympia nicht schlagen....

    napfkarl80Von napfkarl80, am Fr 24.Jul. 12:47

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  7. Sehr interessanter Blog! Ja, da hatten Todd und Jens wahrhaftig einen Engel bei sich... Als grosser Sportfan habe ich seine wundersame Auferstehung mit Interesse verfolgt. Da er besonders bei den Sprüngen die Basis für seine Siege legte, gerieht sein Comeback auch nie in den Doping-Verdacht. Er ist meiner Meinung nach ein ganz sympatischer Typ und ein wilder Hund...
    Toller Blog, weiter so!

    rogerf68Von rogerf68, am Fr 24.Jul. 12:57

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  8. finde, dass herr schulz in diesem blog die treffenden themen anspricht. ueber die tour gibt es massenhaft artikel hier bei esp. da erwarte ich von einem blog mal etwas anderes, eben abseits der normalen themen. zumal herr schulz zu beginn der tour haeufig auch die doping thematik aufgegriffen hat.

    karlheinz44Von karlheinz44, am Fr 24.Jul. 16:06

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    dgjoi4589dlkVon dgjoi4589dlk, am Fr 24.Jul. 16:19

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  10. Hallo Andreas, ich finde es toll, dass Ihr wieder mal vom Rande aus berichtet!!!!! Es gibt immer, auch in anderen Sportarten, Berichte über Besucher. Und Lodwick ist ja den Wintersport-Zuschauern nicht unbekannt.
    Ja, und jetzt endlich Wochenende und TdF, jedenfalls für mich. Ihr macht ja für uns noch ein paar Tage gute Arbeit. Danke!!!!!!!!!!!!!!. Gibt es was Neues von Jens? Hat er das Krankenhaus schon verlassen können? Noch einen schönen Tag/Abend nach Frankreich Grüße aus MG Eveline

    lancexx07Von lancexx07, am Fr 24.Jul. 16:27

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  11. ...tiny Todds with their eyes on the globe, we find it hard to sleep ,tonight. They know that Santa on its way, he has loaded lots of toys and goodies and every mothers child...?!

    torstenmeierVon torstenmeier, am Fr 24.Jul. 16:28

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  12. Hallo,

    keine Sorge: Es wird schon wieder sportliche Themen geben, versprochen. Aber die Story von Todd Lodwick war den Bericht allemal wert. Bislang ist das Verhältnis zwischen ´"direkten" Tour-Themen und Randgeschichten in den drei Wochen eindeutig gewesen, da kann man auch mal eine Episode aus dem Dunstkreis des Rennens "ertragen" - denn auch das gehört zur Tour. Natürlich ebenso wie ein kritischer Blick auf das Zustandekommen der jeweiligen Leistungen - den es ja hier auch schon gab.

    Schöne Grüße aus Aubenas,
    Andreas Schulz

    eurosport_onlineVon eurosport_online, am Fr 24.Jul. 17:16
  13. Der Blog ist klasse, und es sind gerade diese Geschichten, die der Tour ihre mythische Ausstrahlung verleihen. Es gibt wohl über kein Sportereignis so viel zu erzählen wie über die Tour, abgesehen von Olympia und vielleicht der Fussball-WM. Von daher: weiter so, macht immer wieder Spaß zu lesen!!

    tgerschermannVon tgerschermann, am Fr 24.Jul. 20:31

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  14. Der Typ auf dem Bild sieht aus wie Lance Armstrong in jungen Jahren. :-)

    sander_kinkVon sander_kink, am Fr 24.Jul. 22:12

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  15. ....

    sander_kinkVon sander_kink, am Fr 24.Jul. 22:42

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  16. heute folgt die wahre königsetappe. wer den mont ventoux schon selbst gefahren ist, weiss, dass das ein ganz brutaler aufstieg ist! nicht umsonst, werden an diesem berg die bremsen von autos wie bmw und mercedes getestet...
    armstrong werden seine limiten klar aufgezeigt werden und ich denke, dass contador eine drama erleben könnte; erinnert euch an paris-nizza. viel vergnügen beim zuschauen!

    wistushivaVon wistushiva, am Sa 25.Jul. 06:56

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