Mi 15.Jul. 09:32
Farce statt Fete, Funkstille statt Feuerwerk: Die Diskussion über die Ohrstöpsel hat die Etappe am Nationalfeiertag überschattet und in Frankreich hohe Wellen geschlagen. Dabei war auf den ersten Blick ja gar nicht viel passiert: Eine Ausreißergruppe mit französischer Überzahl attackierte früh, setzte sich ab, das Feld kontrollierte den Vorsprung und am Ende gab es einen Massensprint. Das alles zwar lange mit angezogener Handbremse und insgesamt eher unspektakulär, doch bei diesem Etappenprofil nicht ganz unerwartet.
"Ärmliches" Spiel
Aber hinter dieser Fassade brodelte es gewaltig und im Ziel machte sich der angestaute Ärger auf allen Seiten Luft. Niemand gab sich Mühe, den schönen Schein zu wahren. Denn der Ablauf war in seinen großen Linien abgesprochen, um die Tour-Veranstalter durch einen möglichst eintönigen Rennverlauf zu 'bestrafen'. Es gab nicht wie sonst am 14. Juli einen harten Kampf um die Plätze in der Ausreißergruppe, im Gegenteil: Es attackierten nur Fahrer aus Teams, die für das Funk-Verbot waren. Der einzige Ausreißer aus einem Pro-Funk-Rennstall, der Russe Ignatiev, wurde vorne auf Anweisung schnell zum Hinterradlutscher.
Erst auf den letzten 25 Kilometern machten dann die Verfolger ernst, nachdem sie zuvor peinlich darauf geachtet hatten, dass die Spitzengruppe fast in Sichtweite blieb. "Es war ärmlich. Statt Columbia für Cavendish und ag2r für das Gelbe Trikot haben jede Menge anderer Teams mitgearbeitet", stellte Jean-Rene Bernaudeau (Bbox) verärgert am Eurosport-Mikro fest."
Ausreißer Thierry Hupond (Skil) schilderte uns die Etappe aus der Innensicht: "Hinten wollten sie uns nicht wie üblich ein ordentliches Stück Vorsprung herausfahren lassen. Aber reinholen wollten sie uns auch nicht Also haben wir uns darauf eingestellt, Kräfte gespart und alles in die letzten 20 Kilometer gesteckt." Fast hätte es gereicht, knapp zwei Kilometer vor dem Ziel wurde er als letzter der Angreifer gestellt.
Um es klar zu sagen: Es gibt gute Argumente 'pro' und 'contra' Funk. Doch ganz offensichtlich geht es in diesem Konflikt weniger um die Sache als um eine Kraftprobe auf dem Rücken der Fahrer. Einen lange zuvor gefassten Beschluss auf den letzten Drücker aushebeln zu wollen ist höchst fragwürdiger Stil und sagt viel über die Protest-Anführer um Astana-Boss Johann Bruyneel aus.
"Gauner"
Dementsprechend angefressen war man auf der Gegenseite. Tour-Chef Christian Prudhomme musste im Eurosport-Interview sichtlich kämpfen, um halbwegs gute Miene zum bösen Spiel machen zu können. "Das war kein Test", stellte er ernüchtert als Bilanz fest. Viel sagend verwies er auf den Weltverband UCI als er gefragt wurde, ob nun auf der 13. Etappe auch ohne Funk gestartet würde.
So diplomatisch wie noch gerade möglich verpackte er seinen Groll über das aus seiner Sicht häufig nur vorgeschobene Argument, die Sicherheit im Rennen wäre ohne Funk deutlich geringer. Keinesfalls will er in dieser Frage den Schwarzen Peter bei den Organisatoren sehen. "Mein Eindruck in den letzten Jahren war vielmehr, dass wir immer wieder an die Sicherheitsaspekte erinnern und diese durchsetzen müssen." Noch deutlichere Worte verkniff er sich, um nicht weiteres Öl ins Feuer zu gießen.
Klartext gab's dafür von Cofidis-Manager Eric Boyer. "Wer sagt, er wäre zu spät informiert worden, der lügt schlichtweg. Es gab die Info am 19. Juni und schon im letzten Jahr wurde das Thema diskutiert. Heute hat sich gezeigt, dass der Sport von fünf oder sechs Gaunern verdorben wird. Die muss man loswerden. Denn ein Teil der Mannschaften folgen diesen Leuten nur, weil sie denken, dass diese die Stärksten seien", so der Franzose zu Eurosport.
Einer, den Boyer wohl mit seinem Vorwurf gemeint hatte, gab sich im Interview ganz zahm, konnte aber seine Befriedigung über das aus seiner Sicht erfolgreiche Aufbegehren nicht komplett verbergen. "Es tut mir leid für die Zuschauer, sie waren das Opfer. Aber manchmal gibt es auch mit Funk nur auf den letzten 20 Kilometern ein richtiges Rennen", so Patrick Lefevere (Quick Step).
Aus 1,8 mach 15
Die "Rache" der Rennkommissäre ließ aber nicht auf sich warten. Denn bei der Zielankunft gingen sie dann knallhart vor und wendeten das Reglement ohne jegliche Flexibilität an. Und so wurde wegen einer Lücke von 1,8 Sekunden nach dem 52. Fahrer eine neue Gesamtzeit für die nächste Gruppe genommen. Deren Rückstand zu Etappensieger Mark Cavendish betrug so plötzlich 15 Sekunden.
Das betraf aus den Top Ten Levi Leipheimer und Bradley Wiggins, sowie fünf weitere Fahrer aus den Top 20. Vielleicht am Ende der Tour eine unbedeutende Fußnote, vielleicht aber auch Sekunden, die bitter fehlen werden.
In jedem Fall aber muss die vergiftete Atomsphäre im Feld schnellstens bereinigt werden. Sonst werden uns in den nächsten Tagen noch gehörig die Ohren klingeln - mit oder ohne Funk.
Gute Nacht aus Issoudun,
Andreas Schulz
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Naja was soll man noch groß sagen Seifenoper die 1000ste. Passt doch wunderbar zum aktuellen Zustand der Tour. Es nimmt ja langsam F1-Formen an^^
Boyer hat vollkommen recht mit dieser Aussage! Vor allem ein Astanateam, in der augenblicklichen Zusammensetzung und mit diesem Verhalten, würde ich zumindest nicht vermissen.
Einfach nächstes Jahr nicht einladen. Wäre zwar auch ein Affront, aber wer sich so aufführt hats nicht anders verdient. Die Veranstalter müssen sich ihren Respekt eben verdienen, wenn er nicht da ist...
Warum sie sich dann nicht früher gegen das Funkverbot alle gewehrt haben, verstehe ich auch nicht.
Astana hätte man nach dem "Kaffeekränzchen" inkl. der Kommissare nach Hause schicken müssen. Alles andere jetzt ist nicht glaubwürdig. Und ich bin auch nicht der Ansicht, dass die TdF aus PR-Motiven Armstrong nötig hat. Was die Tour in Frankreich bedeutet, erfährt man eh nur, wenn man sie mal besucht hat oder wenn man mal zum Aufbau-Personal gehörte und mit den Franzosen tagaus tagein 23 Tage lang das Drumherum aufgebaut hat..
die fahrer sollten einfach nur ihren job tun. manschaften die das funkverbot nicht unterstützen sollte man auch nicht ausschließen, das bringt eh nix. man muß einfach ein verbot knall hart durch setzen und darf dabei keine schwächen zeigen, sonst tanzen die ganzen teams der organisation nur auf dem jopf herum. diese discussion ist eigentlich ganz schön leidig, die rennfahrer sollen rad fahren und nicht funken.l
@breizhverxingetorix:
Ich kenne keine Zahlen, aber allein durch die Einnahmen in Frankreich, wird die Tour in diesen Ausmaßen kaum zu finanzieren sein. Und wie eben sagen, als Nicht-Franzose sieht man das ganze etwas anders.
Der Durschnitts TV-Glotzer hat Eurosport nicht auf der eins oder zwei, da sind ARD und ZDF, und danach kommen zumeist noch etliche, wo man hängen bleiben kann. Also was tun? Irgendwie muss man sich ja ins Gedächnis rufen...
Ach, was die Fahrer noch alles so tun bzw nicht tun sollen. Ein Murren von André Mielke aus der Welt von letzten Sonntag:
"Doping bringt vielfältige Vorteile. Sportler kommen mit dem Rad schneller den Berg rauf. Und können dabei über Aristoteles philosophieren. Den Epo fördert die Intelligenz.
Das Hormon Erythropoetin alias Epo hilft nicht nur gegen Seitenstiche. Es steigert auch die geistige Leistungsfähigkeit. Das haben Göttinger Forscher an Mäusen ausprobiert. Warum? Hier wurde doch nur an unschuldigen Tieren demonstriert, was bei Menschen respektive Radrennfahrern bereits bewiesen war. Längst ist klar, dass viele Tour-de-France-Teilnehmer nicht schummeln, sondern ihren Horizont erweitern. So auch auf einer Bergetappe vor neun Jahren: An einer steilen Serpentine versuchte Lance Armstrong plötzlich, Jan Ulrich eine Kurvendiskussion aufzudrängen: Muss die Tangente an einem Funktionsgraphen eigentlich in einem Extrempunkt parallel zur x-Achse verlaufen?
Ulrich ließ verwirrt abreißen. Armstrong gewann die Tour. Danach ergriff auch der Deutsche gewisse Maßnahmen nicht, um schneller fahren, sondern um im Peloton mitreden zu können. Inzwischen bilden sich bei den Etappen verschiedene Grüppchen, in denen, je nach Vorliebe, über die Heisenbergsche Unschärferelation oder den Kritischen Rationalismus debattiert wird. Das geistige Potenzial einiger Sportler hat sich so entwickelt, dass es kaum auszulasten ist. Einmal begannen zwei Sprinter während einer Zielankunft Schach zu spielen.
Seitdem werden alle Fahrer über kleine Ohrhörer ständig mit Knobelaufgaben versorgt wie: Darf man die Schwiegermutter der Frau seines Bruders heiraten? Die Teamchefs achten aber darauf, dass die Fahrer das Epo nicht überdosieren, weil sie ja sonst schlau genug wären, gar kein Epo mehr zu nehmen. Indes erklärt die Wirkungsweise des Präparats auch, warum Tour-Crack Andreas Klöden sich beharrlich weigert, mit deutschen Medienvertretern zu sprechen. Das ist eine Frage des Niveaus. Klöden kann ja erzählen, was er will: Diese dummen Journalisten verstehen ihn sowieso nicht"
Hallo,
soeben hat die Jury mitgeteilt, dass nach erneutem Studium der TV-Bilder nun kein Fahrer die 15 Sekunden Rückstand aufgebrummt erhält. Also keine Veränderungen unter den Top 20 durch die gestrige Etappe, Kommando zurück.
Schöne Grüße aus dem vom Tour-Tross umzingelten kleinen Weiler Saint-Frageau,
Andreas Schulz
Astana hätte man schon dieses Jahr nicht einladen sollen, genauso wie letztes. Soll Armstrong sich doch ein seriöses Team suchen.
@ gnaulate kommentar nr.6 ist herrlich.....
breizhverxingetorix absolute Zustimmung.
Hallo Andreas,
ich finde es bemerkenswert, dass Du nach einem langen Tourtag, noch solche Berichte schreiben kannst. Ich war nach Live-Tagen immer froh, wenn ich mich im Womo niederlassen konnte.
Ich freue mich schon auf Morgen.
Gute Nacht aus MG
@ gnaulata: ist vielleicht ein wenig spät, die Antwort, aber:mit unserer deutschen Sichtweise auf die Tour stehen "wir" ziemlich allein im Regen. Ich rede nicht dem Doping das Wort aber der Umgang mit dem Thema allein bei dieser Rundfahrt ist einfach nur nervend. Man stelle sich das bei einer "Sportart" wie Fußball, Tennis oder dem auch sehr infizierten Biathlon vor. Ich bin überzeugt, dass die Sender ARD/ZDF eine vollkommen andere Haltung hätten, wenn deutsche Radsportler so "erfolgreich" wären wie Biathleten.
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