So 12.Jul. 08:31
Geht doch! Waren die Fans und auch wir von der ersten Bergankunft der Tour noch ein wenig enttäuscht, hat uns die zweite Pyrenäen-Etappe doch versöhnt. Dauerte es hinauf nach Arcalis auf den 224 Kilometern bis 1800 Meter vor dem Ziel, bevor es endlich eine Attacke aus dem Kreis der Favoriten gab, war das auf dem 8. Teilstück ganz anders.
Schon kurz nach dem Start schlichen sich Cadel Evans und Andy Schleck mit in eine große Ausreißergruppe - und der Australier zog wenig später durch und versuchte sich in einer langen Flucht. "Ich hatte nicht viel zu verlieren und wenn man im Gesamtklassement schon zum Außenseiter geworden ist, muss man etwas riskieren", erklärte er sein 'Himmelfahrtskommando'.
Die Chancen standen von Beginn an nicht besonders gut, schließlich waren noch über 150 Kilometer zu fahren - und Evans fand aus teilweise verständlichen Gründen keine Hilfe bei seinen Fluchtgefährten. Niemand unterstützte den zweifachen Tour-Zweiten in der Tempoarbeit bergan. Und es sollte noch schlimmer kommen.
"Energieverschwendung"
"Immer wird mir vorgeworfen, ich würde nicht angreifen. Dauernd heißt es: Warum gehst Du nicht in eine frühe Ausreißergruppe? Aber wenn ich das dann tue, sagen mir die Jungs dort: Schieb ab, sonst jagt uns das Feld", schilderte Evans sein Dilemma. Fluchtgefährte George Hincapie bestätigte diese Sicht und warf dem Mit-Favoriten vor, durch seine Aktion die Chancen der anderen Angreifer verringert zu haben. "Cadel war ein Problem für die Gruppe, wir haben viel Kraft eingesetzt, um ihn los zu werden. Diese Kraft fehlte mir dann später", beschwerte sich der Columbia-Profi.
Schweren Herzens und mit Wut im Bauch resignierte Evans schließlich und zog nach der Etappe eine verbitterte Bilanz: "Es war eine große Energieverschendung."
Damit hatte er nüchtern gesehen nicht Unrecht, doch bei mir hat der Silence-Kapitän mit seiner Aktion eine Menge Punkte gemacht. Endlich einmal wird eben nicht gewartet, bis das Ziel fast schon in Sichtweite ist, sondern auf Risiko gesetzt. Ohne solchen Mut wird der Gesamtsieg eines Astana-Fahrers kaum zu verhindern sein. Und für die Fans ist es so viel attraktiver, wenn die Asse von Beginn an richtig Rennen fahren und die Tour lange offen bleibt.
Deshalb gibt's ein Fleißkärtchen für Cadel Evans - und auch für Andy Schleck. Er wagte sich am letzten Anstieg nochmals aus der Deckung und zeigte, dass auch Saxo Bank sich nicht mit einer Statistenrolle begnügen wird.
"Bei Astana war man zu aufmerksam. Aber wenn man es nie versucht, wird man es auch nie schaffen", gab sich der Luxemburger auch für den weiteren Tour-Verlauf kämpferisch. Zumindest dieses Duo also hat noch mehr vor, als sich nur noch um die Plätze hinter Contador, Armstrong, Leipheimer und Klöden zu bemühen.
Taub in Tarbes
Zum Schluss noch einer der versprochenen Blicke hinter die Kulissen des ach so elitären und komfortablen Kommentatoren-Alltags. Der alte Spruch, dass sich Geschichte nicht wiederholt, ist heute einmal mehr als hohle Phrase enttarnt worden. Schon der Name unseres Hotels im Zielort Tarbes kam uns gleich verdächtig bekannt vor. Doch mit Rosentapeten und Kerzenlampen wollten wir es gerne erneut aufnehmen, ist ja schließlich kein Urlaub. Und im Unterschied zum Vorjahr stand uns wenigstens nicht der Nationalfeiertag bevor, in den 2008 direkt auf dem Platz vor dem Hotel halb Tarbes mit großer Party hineinfeierte.
Aber zu früh gefreut: Bei der Ankunft sahen wir mit Schrecken die Bühne in alter Frische keine 50 Meter vor dem Zimmerfenster stehen. Die vage Hoffnung, dass sie vielleicht heute noch nicht zum Einsatz käme, erwies sich als schrecklich naiv. Bei der Rückkehr vom Abendessen empfing uns schon der lange schmerzlich vermisste Welthit "Cotton Eye Joe" und brachte uns abrupt auf den Boden der Tatsachen zurück.
Also hauen wir bis weit nach Mitternacht im Rhythmus der wackelnden Fenster in die Tasten, denn an Schlaf ist gerade eh nicht zu denken - werden aber bei dieser Feldstudie durch die Fetenhits Frankreichs mit einer überraschenden Erkenntnis belohnt: "Griechischer Wein" ist auch am Fuße der Pyrenäen eine todsichere Nummer.
Gute Nacht aus Tarbes,
Andreas Schulz
Fand den Artikel gut.
Hoffe auch das noch jemand mit Astana mithalten kann.
Wäre ja schlimm wenn am Ende drei Fahrer aus dem selben Team an der Spitze stehen.
Seh es genauso wie Andreas Schulz. Wie langweilig wäre das denn, wenn alle immer nur auf Sicherheit fahren? Da verlangen wir immmer Action und beschweren uns über das Auf-Nummer-Sicher-fahren, seien wir also froh, dass Jungs wie Evans, Schleck und aber auch Casar was probieren! Guter Blog, btw!
Schon dumm, dass sich Cancellara und co schon verloren geben und Astana erst gar nicht angreifen. Evans Flesskaertchen, Cancellara und co sollen nach Hause gehen.
schade das es heute nicht mehr so wird-.- der berg ist nun wirklich zu weit weg um ne spannende etappe zu erleben wie gestern!!!!
Sicher, der Angriff von Evans war mutig und hat der Spannung der Etappe gut getan, aber am Ende ist doch wichtig, was zählbares rauskommt. Was nutzt die schönste Attacke, wenn sie nicht sticht. Insofern kam der Zeitpunkt für mich zu früh. Vielleicht wäre es besser gewesen, die Konkurrenz bis zum letzten Anstieg einzuschläfern und dann einen Versuch zu starten. Aber wie auch immer, wenn Astana weiter so zusammenfährt, wird es für jeden schwer. Dann bleibt nur der vorletzte Tag und jeder der die Dauphiné gesehen hat weiss, dass dann der Sieger nur AC heissen kann.
Ist schon ein Dilemma: Wenn man nicht attackiert, maulen alle: Die Fahrer trauen sich nix, die Etappe ist langweilig.
Falls dann angegriffen wird, eine Attacke aber nicht funktioniert, maulen wieder alle: Taktisch schwach gemacht, am Ende nur Kraft vergeudet.
Da kann ich den Frust von Evans schon verstehen.
Trotzdem hoffe ich, dass am Tourmalet jemand die Konkurrenz zumindest mal testet. Denn einen schwarzen Tag kann jeder mal haben- doch wenn die Gegner ihm dann nicht auf den Zahn fühlen, verstreicht diese Chance unbemerkt und ungenutzt.
Schöne Grüße aus Tarbes,
Andreas Schulz
Danke Andreas für den herrlichen letzten Teil Deines Artikels, wie man sieht, gibts auch noch intelligente Kommentatoren denen der Schalk im Nacken sitzt und die alles nicht so verdammt bierernst sehen!
Ausser Spesen nichts gewesen, auch am Tourmalet.
Die weit verbreitete defensive, berechnende Fahrweise kommt auch durch den Funk zustande, der dem Rennen jede Überraschung und Dynamik nimmt. Deshalb gut, dass der Mist wenigstens auf zwei Etappen abgeschafft wird, u.a auf der mittelschweren Vogesenetappe wo eventl. auch was gehen könnte. Evans, Schleck, Menchov und Sastre sollten sich mal zusammentun, sonst haben sie doch alleine keine Chanche gegen die rollende Apotheke aus Kazakstan. Am besten wäre es gewesen, diese wie 2008 schon völlig zu Recht auszuladen. In jedem anderen seriösen Team wäre ein des Blutdoping überführter Andreas Klöden längst suspendiert worden. EPO- Lance hätte sich ja auch ein anderes (amerikanisches) Team wie Garmin oder Columbia suchen können, aber da kann man halt nicht mehr so gut dopen.
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