Do 09.Jul. 01:37
"Ouaaaaaiis!""- der Aufschrei der Fans im Ziel der 5. Etappe war auch unter dem Kopfhörer in der Kommentatoren-Kabine deutlich zu vernehmen: Gebannt verfolgten die Franzosen auf den großen Leinwänden, wie Thomas Voeckler wenige Kilometer vor dem Ziel die entscheidende Attacke setzte - und frenetisch bejubelten sie kurz darauf seinen Etappensieg in Perpignan.
Der Publikumsliebling hatte den Bann gebrochen: Erster Erfolg für die Gastgeber bei der 96. Frankreich-Rundfahrt und gleichzeitig Voecklers erster Sieg bei der Tour. Zum siebten Mal schon bestreitet der 30-Jährige nun die 'grande boucle', "ich bin diesem Moment lange hinterher gejagt", gestand er in einem der zahllosen Interviews nach der Ehrung auf der Tour-Tribüne.
"Genieße es", habe er sich auf den letzten Metern gesagt, so Voeckler, der sein Glück kaum fassen konnte. "Sonst glaube ich immer daran, dass meine Attacken Erfolg haben könnten - heute nicht. Zu nah war uns das Feld schon auf den Leib gerückt", gestand er offen ein.
Und freimütig bekannte er, „diesen Sieg habe ich nicht als Geburtstagsgeschenk für meinen Teammanager geholt" und "ich hatte keine Ahnung, dass ich auf den Tag fünf Jahre zuvor bei der Tour 2004 ins Gelbe Trikot gefahren war". Was er aber genau vor sich hatte, war das Debakel seines Teams tags zuvor beim Mannschaftszeitfahren - und dementsprechend groß war der Jubel schon im Ziel, als alle Mannschaftskameraden ihren Anführer beglückwünschten.
"Mein Sohn soll stolz auf mich sein"
Während sich die Journalisten um den Helden des Tages scharten, feierten hinter den Absperrungen die Fans ihren Liebling mit "Thomas, Thomas"-Sprechchören. Von wegen also, die Franzosen würden nur die Verlierer lieben, wie zuletzt häufig als Erklärung für die mäßige Beliebtheit von Lance Armstrong zu hören war.
Eines verbindet den Texaner und den Franzosen: Beide kämpften sich 2009 nach einem Schlüsselbeinbruch im März wieder zur Topform durch. Ansonsten aber ist Voeckler ein wohltuendes Kontrastprogramm zum Superstar. Nicht jede Äußerung wirkt perfekt auf ihre mediale Außenwirkung hin geplant, eigene Schwächen sind kein Tabuthema und auch die Doping-Problematik wird nicht wutschnaubend zur nestbeschmutzenden Nebensache kleingeredet.
"Ich weiß, dass ich keine großen Rundfahrten gewinnen kann. Ich muss mit meinen Möglichkeiten die Erfolge jagen, die in meiner Reichweite sind", betonte der gebürtige Elsässer auch heute. Damit nimmt er eine Vorbildfunktion ein in einem Sport, wo oft vorschnell junge Talente als zukünftige Anwärter auf das Tour-Podium gehandelt werden. Die eigenen Stärken erkennen, aber auch die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit akzeptieren.
Mit dieser Einstellung fällt es leichter, den Versuchungen des Dopings zu widerstehen. Voecklers Beispiel zeigt, dass mit Mut und taktischer Finesse auch saubere Fahrer nicht nur auf seltene Ehrenplätze hoffen müssen. Seine Siegesliste umfasst nun 22 Erfolge, darunter auch hochklassige Rennen und kleinere Rundfahrten.
"Ich will, dass mein kleiner Sohn stolz auf mich sein kann", hatte er im Frühjahr auch seine Motivation für saubern Sport begründet. Spätere Geständnisse möchte er, der seinen Vater mit 13 Jahren verlor, seinem Nachwuchs ersparen. Seit Jahren bezieht er deshalb klar Position gegen die Betrüger in seinem Sport - aber auch gegen jene, die alle Radprofis ohne Ausnahmen für Doper halten.
Wie Kahn - und doch ganz anders
Entschieden fordert er aber auch Gleichbehandlung anderer Sportler im Kampf gegen das Doping, wo oft der Radsport als eines der angeblich wenigen schwarzen Schafe präsentiert wird. In einem Streitgespräch im März mit Mickael Landreau erklärte der Torhüter von Paris Saint-Germain, dass auch Fußball-Stars mit überraschenden Kontrollen leben müssen: "Wir leben vom Sport und das bedeutet auch Pflichten."
Da kommt einem direkt ein anderer großartiger Keeper in den Sinn: Einerseits ist der bedingungslose Siegeswille und Kampf bis zum letzten Augenblick, auch in aussichtslosen Situationen, ein Charakterzug, der Thomas Voeckler und Oliver "immer weiter!" Kahn verbindet. Doch ebenso wichtig ist es, danach auch im Frust den Pipi-Becher bei der Doping-Kontrolle nicht durch die Kabine zu pfeffern. Jeder kann sich die Schlagzeilen ausmalen, wenn ein Radprofi zu einem solchen Wurf ausgeholt hätte.
Schöne Grüße von der Costa Brava,
Andreas Schulz
Klasse Artikel,spricht mir 100% aus der Seele.
Dieser Thomas Vöckler ist für mich als jemanden der die französischen Radfahrer nicht gerade mag,eine lobende Ausnahme,mit einer Bescheidenheit und Ehrlichkeit gesegnet die im Radzirkus so selten zutage tritt,ist er ein lobendes Vorbild für zukünftige Generationen und eben auch ein Musterbeispiel für sauberen Sport.
Auf dass du noch viele Erfolge feierst.
Der Artikel gefällt mir auch. Als halber Elsässer finde ich es toll, dass Vöckler gewonnen hat. Weniger gefällt mir eure Tabelle (Wertung) auf der Tour de France Frontseite. Statt der 5. Etappe der aktuellen Tour, findet man dort die Rangliste der 22. Etappe der Tour von 2008. Ebenso wenn man den Link nimmt. Ein bisschen Peinlich....
Bescheidenheit kommt immer gut an, oder?
Ich muss aber auch sagen, dass dieser Thomas Voeckler auch sympathisch rüber kommt. Gerade die Szene nach seiner Ziel-Ankunft: Er steigt sofort vom Rad, dreht sich um und läuft mit emporgestreckten Armen seinen Kollegen entgegen. Große (Mannschafts-)sportliche Geste!
Da zeigt er in solch einem kurzen Augenblick doch viel mehr Emotion, als das Lance Armstrong zu zeigen vermag. Wenn Lance Armstrong sowas auch könnte und nicht immer den harten Cowboy geben müsste?
was ist mit der Gesamtwertung? Die ist nirgends abrufbar. Wie gewohnt eigentlich schon völlig unübersichtlich die Geschichte bei Eurosport; Hintergrundinfos nicht schlecht aber warum wird immer der zweite Schritt vor dem ersten gemacht; leider zu viel Infotainment a la Kerner; schade
Liebe User,
wir haben leider einen schweren Crash in unserer Datenbank. Die Folge: Das Ergebnis der 21. Etappe der TdF des Vorjahres hat sich "reingefroren". Unsre Techniker sind an der Sache dran und arbeiten fieberhaft an einer Lösung des Problems. Wir bitten diese Störung zu entschuldigen.
Mit sportlichen Grüßen,
die Eurosport-Redaktion
ich als 1/6 elsässer will natürlich auch was vom kuchen abbekommen. weiter so!
Muss jetzt euch eurosportlern doch mal ein Lob aussprechen auch wenn ich mich oftmals über euch aufrege,die Informationspolitik stimmt einmal
bitte öfter solche bekanntgaben wenn technische probleme da sind,wird euch sicherlich auch von weiteren Usern gedankt.
Mfg
Warum gewinnen die Franzosen schon seit Jahren kaum was, abgesehen von Ausreissern wie heute? Weil sie, wenn überhaupt, nicht so voll gedopt sind wie Spanier, Italiener und Amerikaner.
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