Um Reifenbreite

Andreas Schulz

Play hard, party hard

Mo 28.Jul. 10:21

Hallo aus Paris,

nach über 3500 Kilometern und drei Wochen Schwerstarbeit ist klar, dass die Fahrer es am Sonntagabend richtig krachen lassen wollen. Nett, wenn man das mal hautnah verfolgen kann. Also auf ins Hardrock Cafe, wo das Team Silence um Cadel Evans feiert. Stilgerecht ist die belgische Truppe um ihren australischen Kapitän in Stretch-Limousinen und begleitet von schweren Motorrädern vorgefahren.

Drinnen geht es dann schnell richtig zur Sache: Die Liveband gibt Vollgas, die Unterhaltung beschränkt sich auf Sprachfetzen aus nächster Nähe: Passt irgendwie nicht zum Teamnamen "Silence", haut aber ordentlich rein. Die Fahrer und Betreuer wirken wie etwas altgewordene Abiturienten auf Abschlussfahrt in ihren T-Shirts, auf denen vorne das Logo der weltumspannenden Restaurantkette steht und hinten der Schriftzug "Silence-Lotto Rock'n Roll Team" prangt. Die Freigetränke finden reißenden Absatz, Wasserholer werden hier nicht gebraucht.

Getantzt wird ohne Rücksicht auf Verluste, was leider Evans gegen Mitternacht am ärgsten zu spüren bekommt: Der Teamsprecher stürzt mit und auf den Tour-Zweiten - ausgerechnet als dieser seine Zurückhaltung gerade aufgegeben und sich zu seinen Teamkollegen Leif Hoste, Christophe Brandt und Yaroslav Popovych ins Getümmel gewagt hatte. Den Rest des Abends hinkt Evans durch den Raum und wirkt nicht mehr so richtig glücklich.

Die Party stört das komischerweise kein bisschen, man amüsiert sich prächtig: Popovych beeindruckt mit extremem Körpereinsatz, sehr ausdrucksstark und mit leichten Anleihen bei Limbo und Breakdance. Besonders glänzt der Ukrainer daneben an der Luftgitarre, bei "Smoke on the water", "Thunderstruck" oder "Satisfaction" ist er schlichtweg ein Erlebnis. Schön auch zu sehen, wie sich die Vertreter der Sponsoren lockermachen: Manager außer Rand und Band, allerdings bezüglich Körperbeherrschung und Rhythmusgefühl nicht ganz auf dem Niveau von Popovych, dafür aber mit edlen Mannschettenknöpfen ausgestattet.

Als sich die Veranstaltung langsam dem Ende nähert, wird einmal mehr deutlich, dass auch Radprofis nur Menschen sind. Es spielen sich genau jene Szenen ab, die man von manch anderer Festitivität bestens kennt: Paare in mehr oder minder gepflegter Diskussion über das weitere Vorgehen. Mal will die Dame noch bleiben, doch der Herr drängt zum Aufbuch - mal zeigt der Mann noch kein Anzeichen von Müdigkeit, seine Frau jedoch beobachtet das Geschehen bereits seit längerer Zeit erst gelangweilt, dann genervt.

Ist die Entscheidung zum Aufbruch erst einmal gefallen, steht einem jedoch noch eine große Hürde bevor: Die Suche nach einem Taxi, fast jedem Paris-Besucher als große Herausforderung bekannt. Gerade Popovych und seine charmante blonde Begleitung haben eine richtig schlechte Phase erwischt: Fahrzeug um Fahrzeug rauscht vorbei, die bereits leicht angespannte Stimmung wird minütlich kritischer. Wie im Film sitzt dann die Dame im schwarzen Abendkleid irgendwann auf dem Bordstein und würdigt den verzweifelt winkenden Mann kaum noch eines Blickes...

Doch nicht jede Beziehung gerät an diesem Abend in eine kurze Krise. Die schönsten Minuten sind jene, in denen plötzlich Chiara, die Ehefrau von Cadel Evans, auf die Bühne kommt (und zwar nicht nur, weil es kurz mal weniger als gefühlte 312 Dezibel laut ist). Die Italienerin singt "Your Song" von Elton John - und das nicht nur wirklich gut, sondern auch so, dass es nicht kitschig ist, sondern einen echt bewegt. Evans steht neben ihr, leicht angeknockt von den körperlichen Strapazen der letzten Wochen und wohl auch einigen Drinks. Gerade deshalb wirkt er zwar einerseits leicht linkisch, vor allem aber kann er seine Rührung über diese öffentliche Liebeserklärung kaum verbergen. "Er wird immer meine Nummer 1 sein, egal ob er die Tour gewinnt oder nicht", hatte Konzertpianistin Chiara zuvor auf den Champs Elysées zu Eurosport gesagt. Ein schöneres Schlusswort kann es nicht geben.

  • Bemerkung1 - 4 von 4
  1. Vielen Dank für drei Wochen intimer Einblicke in die Tour und die Arbeit bei Eurosport. Ihr drei aus der Box werdet auch immer meine Nummer eins sein.
    Bis zum nächsten Jahr - oder im Sinne des Silence-Abends: Party on...

    whitey_whitemanVon whitey_whiteman, am Mo 28.Jul. 10:40

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  2. Hallo Andreas! Ihr drei wart am Mikrofon echt super! Habt mir viele schöne Momente bei der Tour beschert, obwohl ich jetzt nicht der große Radsport-Fan bin. Schade, hätte gestern Abend auch gern ein wenig mit euch gefeiert, aber wer weiß: Vielleicht läuft man sich ja früher oder später mal über den Weg...

    monkishbuddhaVon monkishbuddha, am Mo 28.Jul. 11:08

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  3. der tour-blog hat in den letzten drei wochen zu meiner täglichen pflichtlektüre gehört. das wird mir nun glatt fehlen. hat echt spaß gemacht, den blog zu lesen.
    liebe grüße aus wien

    birgit_rieVon birgit_rie, am Mo 28.Jul. 11:35

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  4. Danke an Eurosport und seine Kommentatoren. Die Tour bleibt eben Herzensangelegenheit!

    velvetrobertVon velvetrobert, am Mo 28.Jul. 18:54

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