Der Blick schweift weit über London aus dem 4. Stock des Westfield-Einkaufszentrums, das direkt an den Olympic Park grenzt. Markus Weises Blick aber ist einzig und allein auf Montag ausgerichtet.
Dann nämlich nehmen die deutschen Hockey-Männer im ersten Spiel gegen Belgien die "Mission Titelverteidigung" in Angriff, wenngleich der Bundestrainer mit dieser Zielformulierung nicht einverstanden ist.
Dabei hätte er allen Grund, von Gold zu sprechen. 2004 gewann Weise mit dem Frauen-Team in Athen den Titel, 2008 vollbrachte er dasselbe Kunststück mit den Herren in Peking. Und nun geht es in London zur Sache…
Herr Weise, Ihr Kollege Michael Behrmann, der das deutsche Frauen-Team betreut, ist sehr enttäuscht darüber, dass die Trainer bei der Eröffnungsfeier nicht mit einlaufen dürfen. Wie geht es Ihnen damit?
Markus Weise: Ganz ehrlich, mir tut das überhaupt nicht weh.
Das ist nicht Ihr Ernst…
Weise: …aber sicher. 2004 in Athen konnten wir mit dem Team nicht einlaufen, weil das erste Spiel zu nah dran war an der Feier. Da kann ich als Trainer nicht zur Mannschaft sagen: Sorry, geht nicht, aber ich selbst gehe hin. 2008 in Peking war ich dann auch nicht auf der Eröffnungsfeier. Ich finde, als Athlet sollte man, wenn möglich, einlaufen. Aber sie merken ja, mein Ding ist das nicht. (lacht)
Bei der Einquartierung hier im Athleten-Dorf gab es ein kleines Platzproblem. Haben Sie das gelöst?
Weise: Wir haben drei Appartements mit insgesamt 22 Betten, sind aber 26 Leute. Wir mussten entsprechend improvisieren. Letztlich haben zwei der B-Nominierten und zwei aus dem Betreuer-Team Unterkünfte außerhalb des Dorfes bekommen.
Hatten Sie denn ausreichend Zeit mit der Mannschaft in der Vorbereitung auf die Spiele? In anderen Mannschafts-Sportarten bemängeln die Bundestrainer ja oft, dass ihnen eben diese fehlt.
Weise: Es ist wirklich eine Katastrophe, dass wir bei diesen Spielen zum Beispiel nicht ein Handball-Team dabei haben. Wenn ich höre, dass da teilweise nur acht Tage Vorbereitungszeit möglich war, dann kann das nicht funktionieren. Oder auch mein Kollege Jögi Low. Wenn der vor großen Turnieren noch aus Marketing-Gründen irgendwelche Spiele einschieben muss, ist das alles andere als optimal.
Aber Sie haben solche Probleme nicht.
Weise: Nein, das läuft im Hockey wirklich gut. Da gibt es ein tolles Miteinander zwischen Liga und Verband. Ich kann wirklich nicht klagen.
Aber Druck haben Sie schon, oder? Für einen Titelverteidiger kann es doch nur die Mission Titelverteidigung geben.
Weise: Nein, da muss ich Ihnen widersprechen. Ich bin ein Leistungstrainer, kein Ergebnistrainer. Mein Ziel ist es, alles aus meiner Mannschaft herauszuholen. Das ist eine enorm spannende Aufgabe und die nimmt 95 Prozent meiner Arbeit ein. Die übrigen fünf Prozent wende ich dann fürs Ergebnisdenken auf. Aber natürlich freuen wir uns riesig über eine Medaille, Gold wäre schon super.
Wie wichtig sind denn im Hockey die großen Erfolge für die Popularität in Deutschland?
Weise: Es gab weder nach 2004 noch nach 2008 einen Hype. Und das ist auch nicht unser Ziel, denn wir würden einen Hype nicht verkraften. Einfach deshalb, weil es gar nicht genug Trainer gäbe, wenn morgen bei einem Verein 200 Kinder anfangen wollen zu spielen. Was wir aber erreicht haben, ist ein langsames und stetiges Wachstum - und das halte ich für sehr viel wertvoller.
Herr Weise, ich bedanke mich für das Gespräch.
TV-Tipp:
Großer Sport und große Emotionen bei Eurosport: Verfolgen Sie die Olympischen Sommerspiele in London vom 27. Juli bis 12. August - 24 Stunden Olympia nonstop, bis zu 14 Stunden täglich live und wahlweise in HD!
