Steffen schaute ohne große Regung auf die Anzeigetafel. Dann kletterte sie als Erste aus dem Becken und gratulierte fair dem Medaillen-Trio - sie selbst hatte über 50 Meter Freistil eine Medaille nur um sieben Hundertstelsekunden verpasst.
Nach 24,46 schlug die Doppel-Olympiasiegerin am Schlusstag der olympischen Beckenwettbewerb in London als Vierte an. "Es ist schade, ich hätte mir wirklich sehr gewünscht, dass ich eine Medaille holen kann für unsere Mannschaft", sagte Steffen. Anders als vor vier Jahren konnte sie die Bilanz nicht mehr aufbessern. Der Sieg ging wie über 100 Meter an die Niederländerin Ranomi Kromowidjojo. Ihre 24,05 Sekunden bedeuten olympischen Rekord.
"Gestärkt aus Niederlagen"
Nach dem Rennen hatte Steffen am ARD-Mikrofon schnell das Lächeln wiedergefunden. "Vielleicht hat nur das Quäntchen Glück ein bisschen gefehlt", meinte die Berlinerin. Die Zukunft ihrer großen Karriere ließ sie offen. "Ich werde erstmal in die Pause gehen, dann ganz genau überlegen. Die Leidenschaft für das Schwimmen habe ich immer noch. Bisher bin ich immer gestärkt aus Niederlagen hervorgegangen."
"Dafür spricht, dass ich noch große Lust habe, und die EM 2014 in Berlin ist. Dagegen spricht vielleicht, dass das Umfeld, die deutschen Medien sehr hart mit mir ins Gericht gehen und dass gewisse Experten nicht wirklich von der Sache sprechen, sondern ihre Meinung kundtun", sagte Steffen, die auf Nachfrage dazu nicht ins Detail gehen wollte.
Falls Steffen weiter schwimmt, dann wohl eher über die 50 Meter Freistil. "Die 50 haben mir bewiesen, dass ich es noch kann", sagte sie. "Für die 100 würde wahrscheinlich noch enorm viel Arbeit anstehen. Da müsste ich über meine Grenzen trainieren, und müsste beruflich kürzertreten, deswegen weiß ich nicht genau, wie die Entscheidung aussehen wird."
Die Weltrekordlerin würde gerne mit ihrem langjährigen Trainer und Vertrauten Norbert Warnatzsch weiterarbeiten, "oder mit einem jüngeren Trainer, der von ihm lernen kann. Ob das zukunftsmäßig passt, entscheiden andere, da habe ich kein Wörtchen mitzureden, und mit der Leistung noch weniger".
In London musste die 28-Jährige gleich mehrere Niederlagen verkraften. Mit der deutschen Freistil- und der Lagen-Staffel war sie ebenso wie im Einzel über 100 Meter Freistil mit Platz zwölf vorzeitig ausgeschieden. "Vielleicht ist meine Zeit einfach vorbei, was die 100 Meter betrifft", hatte die Berlinerin gesagt.
Weiter Weltspitze
Über die halbe Distanz gehört sie weiter zur Weltspitze, wenn sie auch nicht in der Liga der Doppel-Olympiasiegerin Kromowidjojo mitschwimmen kann. Über diese Strecke, das hatte Steffen wiederholt gesagt, könne sie sich auch Spiele in Rio 2016 vorstellen. Auch die Heim-EM 2014 in Berlin war vor Olympia immer wieder als lohnendes Ziel genannt worden. Wie lange es wirklich weitergeht, ist offen.
Viele große Jahre in seiner Karriere kann der 20-jährige Chinese Sun Yang dagegen wohl noch erleben. Über 1500 Meter Freistil holte er sich in 14:31,02 Minuten sein zweites Gold in London und verbesserte den eigenen, ein Jahr alten Weltrekord um 3,12 Sekunden. Es war der insgesamt achte Weltrekord im Londoner Olympia-Becken.
Steffen konnte nicht für die ersehnte erste Medaille für das deutsche Team sorgen. Zuletzt hatte es 1932 in Los Angeles Spiele ohne deutsche Medaille gegeben, damals wurde allerdings nur in elf statt wie heute in 32 Wettbewerben um Edelmetall gekämpft. 1952 brachten deutsche Schwimmer aus Helsinki wenigstens eine Bronzemedaille heim. Immerhin: In London gab es mit acht Finalplatzierungen doppelt so viele wie in Peking - aber in der öffentlichen Wahrnehmung zählen eben nur Medaillen.
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