Knapp eineinhalb Monate nach dem EM-Aus hat Sami Khedira die Niederlage gegen Italien noch immer nicht vollständig verkraftet. Hinzu kommt die harsche Kritik, die nach dem Ausscheiden teilweise weit unter die Gürtellinie ging.
"Nach dem Spiel wurden wir hart kritisiert, was nichts mit dem Sport zu tun hatte. Das war schon beleidigend", erklärte der 25-Jährige vor dem Testspiel gegen Argentinien. Neben einigen anderen Spielern wurde Khedira vorgeworfen, dass er die deutsche Hymne nicht mitgesungen hatte.
"Es ist ein gutes Zeichen, wenn man die Nationalhymne singt. Aber man wird dadurch kein guter Deutscher. Ein guter Deutscher wird man, wenn man die Sprache gut spricht und die Werte lebt. Und das ist bei uns allen der Fall", fügte Khedria an.
Löw: "Gute Führungsqualitäten“
Tatsächlich gehörte der Real-Profi bei der EURO zu den besten Akteuren. Allein Khedira und Schlussmann Manuel Neuer agierten konstant als Antreiber und Führungsspieler. Die etatmäßigen Leader mit Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose und Philipp Lahm waren dazu nicht in der Lage.
Einer der Gründe, warum es wieder nicht mit einem Titel geklappt hat. "Ich muss sagen, dass wir nach dem verlorenen Halbfinale sehr enttäuscht waren. Wir müssen mit der sportlichen Kritik leben und damit zurechtkommen", so Khedira. "Natürlich fehlt der Titel, aber wir werden weiter hart daran arbeiten."
Der erste Grundstein in Richtung WM 2014 soll beim Freundschaftsspiel gegen die "Albiceleste“" gelegt werden, bei dem Schweinsteiger (Rehabilitation) und Lahm (Kind) fehlen. Für Khedira die Chance, sich im Mittelfeld als neuer Boss zu etablieren. Das Vertrauen von Löw hat er, der große Stücke auf den Mittelfeldstrategen von Real Madrid hält. "Er hat gute Führungsqualitäten", erklärte der Bundestrainer.
Leitwolf-Prinzip in den Genen
Bei seiner ungewohnt lautstarken Brand-Rede in Frankfurt unterstrich Löw, dass die deutsche Nationalmannschaft "keine flache Hierarchie" besitze - nur eben keinen echter Leitwolf hat. "Mit dieser Mannschaft, dieser Struktur der Mannschaft und mit diesen Führungsspielern haben wir in den letzten zwei Jahren enorme Fortschritte gemacht."
Dennoch fehlten in den entscheidenden Situationen Kleinigkeiten - der letzte Wille, Tore zu erzielen und das Spiel zu gewinnen. Mit seiner Kraft, seinem Willen und seiner Dynamik drängt sich Khedira im Zentrum regelrecht auf, Verantwortung zu übernehmen und die Mannschaft nach vorne zu treiben. Wie beim EM-Sieg der deutschen U21 in Schweden, als er 2009 die Kapitänsbinde trug.
"Ich bin jetzt drei Jahre bei der Nationalmannschaft. Und unabhängig davon, ob Schweinsteiger oder Lahm dabei sind oder nicht. Ich versuche nach vorne zu marschieren", stellte Khedria klar, der das Leitwolf-Prinzip in seinen Genen trägt. "Wir haben eine sehr junge Mannschaft und ich sehe mich in der Pflicht, Verantwortung zu übernehmen."
Für alle Herausforderungen gerüstet
Der Glaube an den Trainer hat trotz der EM-Enttäuschung nicht gelitten. Der Ex-Stuttgarter sieht in Löw noch immer einen absoluten Fachmann, der Deutschland erfolgreich zum nächsten Turnier führen kann. "Wir vertrauen ihm auch in Zukunft", so Khedira. "Und ich denke, dass wir auf diesem nächsten Abschnitt bis zur WM 2014 sogar noch besser werden."
Angst vor einer erneuten Hymnen-Diskussion hat er nicht. "Dieses Thema ist für mich nicht relevant. Ich singe seit zehn Jahren nicht mit und dabei bleibt es auch." Khedira konzentriert sich viel mehr auf seine neue Aufgabe, den Chefposten in der Nationalmannschaft zu besetzen. Nach dem starken EM-Auftritt kann er ein weiteres Bewerbungsschreiben beim Bundestrainer einreichen.
Khedira steht bereit, ist für alle Herausforderungen gerüstet – auch dafür, dass schmerzhafte Italien-Trauma mit einem Sieg gegen Messi & Co. vergessen zu machen. "Ganz klar, wir wollen von Anfang an da sein und die Fans begeistern. Wir haben große Lust auf das Spiel. Wir wollen das Spiel gewinnen und wieder guten Fußball zeigen."

VIDEO - Vorschau: Deutschland-Argentinien
TV-Tipp:
Die U 21 zaubert jetzt bei Eurosport! Begleiten Sie das deutsche Elite-Nachwuchsteam von Trainer Rainer Adrion auf dem Weg zur Europameisterschaft nach Israel. Das Freundschaftsspiel gegen Argentinien in Offenbach: Dienstag, 14. August, 20:15 Uhr.
