Das Thermometer zeigte 15 Grad unter Null, der Wind blies eiskalt, doch Severin Freund hüpfte unbekümmert durch die Polarnacht. "Das ist ein Traum-Start für uns", sagte Bundestrainer Werner Schuster und lobte besonders seinen Überflieger aus dem 300-Einwohner-Örtchen Rastbüchl: "Ich habe immer an Severin geglaubt, er war in der Vorbereitung unser bester Springer.
Er hat es verdient, hier zu gewinnen." Zwei Triumphe bei den ersten drei Springen - das war seit Martin Schmitt im Jahr 2002 keinem DSV-Adler mehr gelungen. Ob Freund will oder nicht: Spätestens seit Kuusamo ist aus dem Niederbayern einer der Topfavoriten für die Vierschanzentournee geworden.
In Hannawalds Fußstapfen treten
Am 30. Dezember beginnt das Spektakel, das seit Sven Hannawalds historischem Vierfach-Triumph 2001/2002 kein Deutscher mehr gewonnen hat. Freund, die Frohnatur mit der rosa-orangen Wollmütze, könnte in seine Fußstapfen treten. Glaubt auch "Hanni": "Mit ihm hat der DSV endlich wieder einen Siegspringer im Team, bei dem man weiß, wohin die Reise gehen muss", schreibt der inzwischen 38 Jahre alte Hannawald in seinem Eurosport-Blog über die "Boygroup mit der Lizenz zum Siegen."
Denn es ist nicht nur Freund, der für den Höhenrausch der deutschen Adler sorgt. Auch der erst 17 Jahre alte Andreas Wellinger, in Kuusamo bei seinem dritten Weltcup zum zweiten Mal auf Platz fünf, verblüfft die Fachwelt. "Das ist einfach nur grandios. Allen so um die Ohren zu fliegen, das ist fast schon frech, was der Andi macht", sagt Michael Neumayer, mit 33 der Oldie im deutschen Team. Wellinger fühlt sich seit Tagen wie in einem Film. "Und dieser Film wird immer mehr Realität", sagt der Teenager.
Überragend präsentiert
Die Konkurrenz ist bereits gewarnt. Denn in Richard Freitag und Andreas Wank hat das DSV-Team zwei weitere Ässe im Ärmel, in Kuusamo lagen nach dem ersten Durchgang vier deutsche Springer in den Top 10. "Das deutsche Team hat sich überragend präsentiert", sagte Österreichs Cheftrainer Alexander Pointner. In der Nationenwertung belegt das erfolgsverwöhnte Team mit Stars wie Gregor Schlierenzauer und Thomas Morgenstern den ungewohnten zweiten Platz - hinter Deutschland.
Bundestrainer Schuster erlaubte sich sogar den Luxus, den Sommer-Grand-Prix-Sieger Wank nicht für den Teamwettbewerb zu nominieren. "Ich habe die Wahl, nicht die Qual", sagt der Österreicher. Den Vorzug erhielt Wellinger. Schuster: "Man muss das Eisen schmieden, so lange es heiß ist. Er hat nicht nur den Bonus der Jugend, er hat auch den Bonus der Qualität."
Schmitt vor Weltcup-Rückkehr
Zwei Argumente, die ein Martin Schmitt derzeit nicht mehr bieten kann. Der 34-Jährige, derzeit im zweitklassigen Continental Cup unterwegs, wird wohl bei den deutschen Tournee-Springen in das vergrößerte Weltcup-Team zurückkehren. Sollte er dann "weit weg von der Spitze" sein, so Schmitt in der Bild am Sonntag, werde er sich Gedanken machen: "Ich muss mir dann überlegen, ob es noch Sinn macht".
In Schmitts große Fußstapfen, das ist spätestens seit Kuusamo klar, sind längst andere getreten.

