Frau Kostelic, fünf Jahre ist es jetzt schon her, dass Sie offiziell Ihre Karriere beendet haben. Seitdem begleiten Sie Ihren Bruder im Weltcup - und sonst?
Janica Kostelic: "Immer dabei zu sein, bedeutet ja schon einiges. Zeit für viel mehr bleibt da auch nicht. Alle Trainer im Team haben ihren Anteil am täglichen Training - und ich eben auch. Aber wenn ich frei habe, dann treibe ich etwas Sport, schaue Filme, gehe Kaffee trinken, lese oder kümmere mich um meine kleine Firma zuhause. Und ich liebe das Fotografieren."
Als Sie aufgehört haben waren Sie sehr jung: 25. Hatten Sie damals schon das Gefühl, nichts mehr zu erledigen zu haben in Ihrem Sport?
Kostelic: "Natürlich gibt es immer etwas zu tun im Sport. Aber ich hatte meine Ziele erreicht und es gab für mich keinen Grund, gierig auf irgendwelche Rekorde oder andere Ziele zu werden. Beim Skifahren geht es um den Genuss, wenn dabei ein gutes Resultat herausspringt, dann ist das toll. Aber auch wenn nicht, dann ist es eben noch immer Skifahren - man tut das, was man liebt."
Ihre größte Kontrahentin war lange Zeit Anja Pärson. Vermissen Sie sie?
Kostelic: "Ich habe schöne Erinnerungen an unsere Duelle, aber ich vermisse es nicht auf eine Art und Weise, die Grund sein könnte, zurückzukehren. Es war toll, solch eine Kontrahentin zu haben. Wir haben uns in all den Jahren gegenseitig mit Sicherheit zu besseren Skifahrerinnen gemacht, und auch dafür gesorgt, dass wir beide jeweils mehr über uns selbst lernten."
Lindsey Vonn ist nur noch fünf Siege vom Rekord von Annemarie Moser-Pröll entfernt. Wird sie diese Bestmarke in diesem Winter knacken?
Kostelic: "Sie war auf jeden Fall auf dem besten Weg dazu."
Was halten Sie von ihrer Idee, bei den Männern zu starten?
Kostelic: "Ich finde nicht, dass es einen Grund gibt, Äpfel mit Birnen zu vermischen..."
Haben Sie nie darüber nachgedacht, das auszuprobieren?
Kostelic: "Nein, wirklich nie. Die Leute haben mich immer komisch angeschaut und mir widersprochen oder waren mir sogar böse, wenn ich sagte, dass Frauen-Sport im Vergleich zum Männer-Sport eher lustig ist. Ich finde: Wir sind, was wir sind und sollten das auch bleiben. Es gibt keinen Grund, sich mit Männern zu messen, die von Natur aus schneller und stärker sind. Die Natur hat uns unterschiedliche physische Voraussetzungen geschenkt, warum sollten wir diese ignorieren?"
Sie verfolgen den Ski-Zirkus weiterhin sehr interessiert. Wer gefällt Ihnen bei den Frauen denn am besten?
Kostelic: "Tina Maze - nicht nur auf dem Ski, auch abseits der Piste. Ich bin mit ihr schon im Weltcup gefahren, und wir kennen uns schon seit langer, langer Zeit, als wir noch Kinder waren. Weil Kroatien nicht wirklich ein Ski-Land ist, sind wir damals mit den Slowenen in einer Liga angetreten. Sie war damals meine größte Kontrahentin - wir sind ja etwa gleich alt. Sie ist eine große Kämpferin und es ist nett, mit ihr abzuhängen. Sie ist clever und einfach eine interessante Person. Ich hoffe, sie holt sich den Gesamtweltcup in diesem Winter."
Und ansonsten?
Kostelic: "Marlies Schild würde ich noch hervorheben. Ihr Slalom-Stil ist großartig und sie ist auch eine sehr nette und angenehme Frau. Von den jungen Mädels wirken auch viele sehr nett, aber das kann ich nicht wirklich beurteilen, weil ich bisher nicht die Chance hatte, sie richtig kennenzulernen. Dominique Gisin ist zum Beispiel eine tolle Kämpferin - bei all den Verletzungen, von denen sie sich schon zurückgekämpft hat. Lotte Sejersted scheint einen ziemlich interessanten Charakter zu haben und Mikaela Shiffrin ist ein beeindruckendes Talent. Sie ist schon sehr erwachsen für ihre 17 Jahre, hat aber trotzdem noch eine angenehm kindliche Art an sich."
Man merkt, dass Sie sich mit dem Zirkus intensiv beschäftigen. Wie sieht es denn bei den Männern aus?
Kostelic: "Bei den Jungs gibt es in jeder Disziplin so viele tolle Skifahrer, dass es schwer ist, einzelne als 'besser' herauszupicken. Was das Persönliche angeht, muss ich sagen, dass die Weltcup-Jungs oft etwas komisch sind. Du weißt nie, ob sie dir 'Hallo' sagen, oder nicht. Trotzdem gibt es auch bei den Männern natürlich interessante Persönlichkeiten. Grundsätzlich glaube ich, dass die Norweger sehr cool sind. Sie haben immer viel Spaß, wenn man gerade nicht allzu ernst sein muss. Oder die Franzosen zum Beispiel sind sehr freundlich und scheinen einen tollen Teamgeist zu haben."


