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    Seeler exklusiv: "... dann hat sich alles überschlagen"

    Uwe Seeler erlebte mit Deutschland eines der berühmtesten Spiele der Fußballgeschichte: das legendäre Jahrhundertspiel am 17. Juni 1970 im Halbfinale der WM in Mexiko. Im Eurosport-Interview spicht die lebende Fußball-Legende über die unvergessene 3:4-Niederlage gegen Italien in der Verlängerung.

    Das Interview führte Michael Wollny

    (Twitter: @Michael_Wollny)

    Uwe Seeler, Franz Beckenbauer hat gestern getwittert: "17. Juni 1970, ich habe die Bilder noch vor Augen". Was für Erinnerungen haben Sie noch an diesen Wahnsinn in Mexiko?

    Uwe Seeler: Das war natürlich schon ein sehr hektisches Spiel. Ich kritisiere ja ungern die Schiedsrichter, aber wenn man sich an Arturo Yamasaki erinnert und wie das Spiel gelaufen ist, dann war das schon bitter. Wenn er uns die Elfmeter gibt, die wir auch verdient gehabt hätten, dann wäre es gar nicht erst zu diesem legendären Spiel gekommen.

    Das verrückteste Spiel Ihrer Karriere?

    Seeler: Ja, mitunter schon. Obwohl es in meiner Karriere schon viele verrückte Spiele gegeben hat. Aber das war schon ein Highlight, weil es hin und her ging.

    Hatten Sie danach noch Kontakt zu den italienischen Spielern?

    Seeler: Ja, wir hatten ohnehin einen guten Kontakt zu ihnen. Es waren ja alles klasse Spieler. Sie waren ja auch nicht schuld an der Sache. Wenn wir hadern mussten, dann mit dem Schiedsrichter. Aber so ist das eben im Fußball, das ist eben das Glück, das man hat, oder eben nicht hat.

    Sie hatten eine Art Heimvorteil im Azteken-Stadion.

    Seeler: Ja, richtig. Die Mexikaner lieben ja die Deutschen und wir hatten dort auch eine wirklich tolle Zeit. Wir waren dort sehr beliebt und haben das auch beim Spiel gemerkt. Die Zuschauer waren auch richtig wütend auf den Schiedsrichter, das haben wir alles mitbekommen.

    Wie war es, als Karl-Heinz Schnellinger in der Nachspielzeit zum Ausgleich traf?

    Seeler: Ach ja, da kann ich mich noch gut dran erinnern. Das war in einer Drangphase, in der wir ohnehin einige Chancen hatten. Es war auch die Phase, in der Yamasaki nicht das gepfiffen hat, was man hätte erwarten können. Deshalb war es gut, dass Schnellinger dann doch noch das Tor geschossen hat. Und danach hat sich ja alles überschlagen.

    Führung durch Müller, Ausgleich Burgnich. Rückstand durch Riva, Ausgleich von Müller. Dann das entscheidende 4:3 für Italien durch Rivera. Wann dachten Sie, Sie sind im falschen Film?

    Seeler: (lacht) Da hatte man keine Zeit, an irgend etwas zu denken. Das ging ja hin und her. Man darf auch nicht die Hitze und die Höhe vergessen - und dann noch Verlängerung. Wir haben alle drei Tage gespielt, der Verschleiß war also auch da. Am Ende waren die Italiener einfach die Glücklicheren.

    Und bei Deutschland kam ja auch noch viel Pech dazu. Legendär ist das Bild von Franz Beckenbauer, den Arm in der Schlinge, die Schulter verletzt, schleppende Schritte...

    Seeler: Ich kann mich noch gut dran erinnern, wie der Franz durchgehalten hat, weil er davon überzeugt war, dass wir das Ding noch drehen. Es war ja auch ein Foul an ihm, was ebenfalls nicht gepfiffen worden war. Wenn wir ins Endspiel gekommen wären, dann hätte der Franz aber auf alle Fälle gespielt. Und wenn er sich dafür hätte fitspritzen lassen müssen.

    Soweit kam es dann nicht. Wie war denn die Stimmung nach dem Schlusspfiff?

    Seeler: Ich finde, dass man als Sportler damit nicht lange hadern soll. Wenn es passiert ist, dann ist es eben passiert. Natürlich haben wir uns über den Schiedsrichter geärgert, weil das schon sehr krass war. Aber auch das machte ja keinen Sinn mehr. Wir haben das dann doch recht schnell abgehakt, weil wir zumindest das Spiel um Platz 3 gegen Uruguay gewinnen und einen guten Abschluss schaffen wollten.

    Das hat ja dann auch geklappt. Hat sich danach die Mannschaft einfach aufgelöst, oder hat man noch zusammen einen auf den Schreck getrunken?

    Seeler: Wir haben uns ja eh immer nach allen Spielen zusammengesetzt und auch Sachen zusammen unternommen. Später haben wir noch zusammen angestoßen, denn die WM war unter diesen Bedingungen schon eine sehr gute WM.

    Bei der EM trifft Deutschland jetzt erneut auf Italien. Wie bewerten Sie beide Teams?

    Seeler: Ehrlich gesagt haben mich die Italiener überrascht. Es gab bei ihnen zuletzt ja auch eine Menge Unruhe. Das erste Spiel gegen Spanien war dann schon sehr gut, da hat Italien schon als Mannschaft überrascht. Ich denke aber, dass unsere Mannschaft gereift, ausgeglichen und stark ist. Sie will Europameister werden. Und obwohl Italien bislang gut gespielt hat, sind wir stärker und werden sie auch schlagen.

    Und dann den Titel holen?

    Seeler: Ja. Wenn Deutschland es ins Endspiel schafft, dann werden wir Europameister!

    Uwe Seeler, herzlichen Dank für das Gespräch.

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