Frau Steffen, Sie absolvieren gerade zum ersten Mal die komplette Tour im Kurzbahnweltcup, starten am Wochenende in Berlin. Vor der ersten Station in Dubai meinten Sie, Sie seien selbst gespannt, wie Ihr Körper auf die Strapazen reagiert. Wie reagiert er denn?
Britta Steffen: Da bin ich immer noch am probieren. Die ersten zwei Weltcups in Dubai und Doha waren ganz schön anstrengend, weil ich erst mal wieder in den Wettkampfrhythmus hineinfinden musste und man ja auch eine ganz neue Umgebung hat. Eigentlich habe ich auch Lust, ein bisschen was von den Städten zu sehen – aber das klappt so gut wie gar nicht. Da muss man wirklich die Busfahrten nutzen, um ein bisschen was zu sehen. Weil diese Tour stresst, den ganzen Körper. Und alles drumherum schleift natürlich auch.
Sie denken jetzt aber nicht: Boah, warum tu‘ ich mir das an?
Steffen: Nein. Ich bin selber von mir überrascht, weil ich sonst nicht so ein Typ bin, der viel Veränderung mag. Aber es ist halt wie… Wettkampfurlaub, ganz komisch. Und was ich feststelle: Man gewöhnt sich ganz schnell an so ein Nomadenleben. Paul [Biedermann, Steffens Lebensgefährte, d. Red.] sagt immer: Warum räumst du denn die ganze Tasche aus? Wir fahren doch eh‘ in zwei Tagen wieder. Aber ich find’s super: Ausräumen, einräumen, ausräumen, einräumen. Alles hat sein System, ich hab‘ alles minimalisiert. Zum Beispiel kleine Döschen gekauft, wo das Shampoo reinkommt. Und das wird immer, wenn ich mal zu Hause bin, aufgefüllt. Und dann geht’s wieder los. Was ich dabei ganz extrem festgestellt habe, ist dieses Gefühl von Tausendundeiner Nacht in Doha und Dubai. Alles so überdimensioniert, und das arabische Essen ist ein Traum. Und wenn du dann nach Stockholm kommst, ist alles Futurama. Unglaublich, wie modern dort alles ist. Aber auch die Düfte in den Hotels: Du hast überall eine andere Nase, ein anderes Gefühl.
Sprechen Sie jetzt wieder von Doha und Dubai?
Steffen: Dubai und Doha war halt dieses Tausendundeine Nacht und Aladin und die Wunderlampe. Dazu die Frauen in ihren Burkas – wie die Leute da halt rumlaufen, obwohl sie total modern eingestellt sind. Diese Mischung mit dem Traditionellen – das macht Lust auf mehr. Das sind Dinge, wo ich merke, ich werde jetzt so richtig zum Weltbürger. Und auch hungrig nach dem Wissen: Was macht die einzelne Nation eigentlich aus? Wie sieht’s wirtschaftlich bei denen aus? Wo kommen die her? Wie teuer ist dort das Benzin?
Zehn Cent der Liter vermutlich.
Steffen: 30 Cent waren’s, glaub‘ ich. Das fand ich schon extrem. Also es macht Spaß, wirklich diese Sinne spielen zu lassen. Oder zu sehen, wie sie in Abu Dhabi, wo ich im Februar 2010 für zwei Tage war, mal eben so eine Schneehalle mitten in der Mall haben.
Reizt Sie so etwas denn? Sie gelten ja eigentlich als sehr geerdet.
Steffen: Ich finde das schon wahnsinnig interessant. Vor allem, weil sich so innerlich etwas verändert. Man lernt seine eigene Umgebung viel mehr zu schätzen. Ich habe es nach Dubai und Doha total genossen, nach Hause zu kommen und die Berliner Luft zu atmen. Weil ich nur noch extrem klimatisierte Hotels gewohnt war, wo sich alles nur indoor abspielt. Das ist halt nicht groß mit rausgehen und mal Natur genießen. Und ich finde, Wüste hat was für sich. Aber ich mag’s doch eher grün und mit Wäldern.
Ist Ihnen die Entscheidung nach Olympia, mit dem Schwimmen weiterzumachen, sehr schwer gefallen?
Steffen: Ich bin ein absoluter Gefühlsmensch und lasse mich schon von meinem Herzen leiten. Es war halt so, dass ich mich gefragt habe: Willst du das noch mal alles? Denn der Leistungssport ist stressig, und bedeutet auch für meinen Körper Stress. Aber ich wollte es jetzt einfach noch mal wissen. Und das war dann schon eine Bauchentscheidung, wo ich mir gesagt habe: Jetzt noch mal ganz.
Eine Gefühlsentscheidung war es sicher auch, nach Halle zu Ihrem Freund Paul Biedermann zu ziehen.
Steffen: Hier auf der Tour sind wir zwar auch zusammen. Aber da kann man nicht von Beziehungspflege sprechen. Denn ich bin mit Theresa Michalak auf dem Zimmer, und er mit Marco Koch. Da macht jeder professionell seine Arbeit. Wenn wir die letzten vier Wochen betrachten, dann haben wir uns da von Samstag auf Sonntag mal 24 Stunden gesehen. Ansonsten war ich mal ein Wochenende krank, da konnten wir uns nicht sehen. Dann war ich in Dubai und Doha. Und ich hatte irgendwann dann auch das Gefühl: Entweder ich versuch‘ das jetzt noch mal komplett mit ihm, oder das wird sich irgendwann auseinander dividieren. Weil nach zweieinhalb Jahren muss man sich schon irgendwie zueinander bekennen. Und vielleicht will man irgendwann Kinder miteinander – aber dann sollte man vorher vielleicht auch getestet haben, wie man zusammen wohnt. Das sind Sachen, die im letzten halben Jahr innerlich oft ein bisschen schwierig waren.

Jetzt werden Sie in Halle trainieren – und Ihren langjährigen Heimcoach Norbert Warnatzsch in Berlin zurücklassen. Es wäre Ihnen vermutlich lieb gewesen, wenn er mitgekommen wäre oder gependelt hätte?
Steffen: Absolut. Ich habe schon gedacht – weil Norbert auch sehr am Schwimmen hängt –, dass er sich das überlegen würde. Aber er war da sehr klar. Doch ich hab‘ jetzt auch die Zeit gehabt, wieder zu spüren, wie es ist, ohne Paul zu sein. Andererseits war es sehr schwer, zu sagen: Okay, ich beende die Arbeit mit Norbert Warnatzsch. Denn er ist derjenige, der mich zu den größten Erfolgen meines Lebens geführt hat. Und nach zehn Jahren ist das nicht einfach. Aber es gibt eben nicht nur den Sport, ich möchte irgendwann mal ’ne Mama werden. Dann muss man halt auch andere Wege gehen. Und dann heißt eine Entscheidung für etwas auch eine Entscheidung gegen etwas. Was schmerzhaft ist, aber da schafft man es dann auch durch.
Australiens Schwimm-Ikone Ian Thorpe hat gerade von schweren Depressionen und Suizidgedanken auf dem Höhepunkt seiner Karriere berichtet. Haben Sie in Ihrer Laufbahn ähnliche Tiefen erlebt wie er?
Steffen: Ich glaube, dass das sehr individuell ist und dass jeder seine Tiefen anders verwindet. Das hat dann auch sehr viel mit dem Umfeld zu tun. Da muss ich auch sagen, dass ich wahnsinnig Glück habe mit einem ganz stabilen Familiennetz. Mit meinen zwei Brüdern, mit Norbert Warnatzsch und natürlich mit meinen Eltern. Ich habe diesen Artikel gelesen, den es von Ian gab – und ich würde mir auch gern seine Autobiografie mal zu Gemüte führen. Weil ich finde, dass er ein wahnsinnig toller Sportler ist. Mich hat der schon immer fasziniert. Für mich war er wie ein Fisch im Wasser, seit ich 2000 zum ersten Mal bei den Spielen war. Da hab‘ ich gedacht: Wow, das ist wirklich ein Schwimmer! Aber wenn er sagt, dass er seine Probleme selbst vor seinem Umfeld geheim halten musste, dann hab‘ ich schon Mitleid – ohne ihn jetzt irgendwie zu deklassieren. Oder zu denken: Ach, das arme Würstchen. So mein‘ ich’s nicht. Ich meine wirklich: Schade, dass er niemanden hatte, mit dem er darüber sprechen konnte. Weil er ja selber sagt, es wäre schön gewesen, eine Karriere zu planen, die langfristig angelegt ist. Und das sollte auch jedem so passieren.

