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    Sammer: "Es liegt im Detail"

    Im Pressegespräch äußert sich Sportvorstand Matthias Sammer zu den Problemen beim FC Bayern und dem Transfer von Bilbao-Star Javi Martinez.

    Herr Sammer, was war in den ersten Wochen beim FC Bayern Ihre Hauptaufgabe?

    Matthias Sammer: Grundsätzlich bin ich sehr froh, dass ich hier bin. Wichtig ist, dass man Dinge nur dann im Detail beurteilen kann, wenn man die Details auch sieht. Mich wundert beispielsweise die Frage, warum ich mir jedes Training anschaue. Ich halte das für selbstverständlich. Wenn die Probleme in der Basis liegen würden, dann müssten wir uns grundsätzliche Sorgen um den Klub machen. Aber an der Basis liegt es nicht, Bayern ist ein Riesen-Klub. Ich denke, es liegt am Detail. Das Detail hängt aber nicht damit zusammen, dass ich den Trainer in seiner täglichen Arbeit kritisieren will. Jupp Heynckes ist mein Partner und er kriegt immer eine Antwort auf eine Frage. Was mich strategisch interessiert, ist das Drumherum im Verein. Wenn ich in kritischen Situationen das Detail nicht mit bekomme, wie soll ich es dann bewerten?

    Nach dem Supercup sollte eine Entscheidung getroffen werden, ob der Verein mit dem aktuellen Kader in die Saison geht oder nicht. Wie lautet sie?

    Sammer: Punkt eins: Wir vertrauen unserer Mannschaft. Punkt zwei: Wenn wir das Gefühl haben, dass etwas unter sportlich-wirtschaftlichen Gesichtspunkten Sinn macht, dann kann es passieren, dass wir noch etwas tun. Wir sehen unglaubliches Entwicklungspotenzial in dieser Mannschaft. Schauen Sie sich die Spieler, die noch Großes vor sich haben, an: Manuel Neuer ist durch ein Stahlbad gegangen, Alaba, selbst Contento, Badstuber, Boateng, Kroos ist sogar ein 90er Jahrgang, Müller, Shaqiri. Da ist genug. Aber: Im zentralen Bereich würde uns Javi Martinez noch gut zu Gesicht stehen. Das ist ein Spielertypus, den wir so in seiner Gänze nicht haben.

    Treffen Sie generell die Entscheidung über Transfers?

    Sammer: Ich werde keinen Spieler verpflichten, den ich verpflichten möchte, ohne dass das eine Gemeinschaftsentscheidung ist. Erstens bin ich nicht größenwahnsinnig und zweitens bin ich nicht eitel. Der FC Bayern ist ein großer Klub, da komme ich jetzt als Sportvorstand hierher und ich werde alle Überlegungen, die ich habe, immer besprechen.

    Gibt es beim FC Bayern nicht zu viele "Entscheider" in der Chefetage, gerade bei Transfers?

    Sammer: Wenn Sie wüssten, wie viele Spieler wir in den letzten Tagen und Wochen diskutiert haben! Es heißt immer, dass verschiedene Köpfe theoretisch gar nicht zusammenarbeiten können, trotzdem gehört der FC Bayern zu den Top-Fünf in Europa.

    Nun sagt man: Jetzt kommt der Sammer dazu, geht das denn gut? Ja, wenn es nicht gut geht, muss ich wieder gehen. Es geht um Bayern München. Wenn ich nicht in der Lage bin, mich in diesen Klub zu integrieren, anzuerkennen, was hier organisch über Jahre hinweg gewachsen ist, dann habe ich auch keine Berechtigung, hier zu sein. Deshalb: Ob der Müller, Maier, Schulze oder Lehmann kommt, ist keine Sammer-Entscheidung, sondern eine Entscheidung von Bayern München.

    Ist Ihnen der Trubel um Ihre Person zu viel?

    Sammer: Nein, ich finde es ja gut. Ich habe zu meiner Frau gesagt, dass das eigentlich hilft. Am Anfang war es keine stabile Mitte, sondern jeder wollte etwas von mir - noch und nöcher.  Aber irgendwann kommen wir von diesem Übertriebenen in die Mitte, zur Normalität. Der Trubel um meine Person war mir also nicht Unrecht.

    Warum sind Sie der perfekte Mann, das "Mia san-mia"-Motto wieder zu reanimieren?

    Sammer: Ich bin ja nicht der perfekte Mann. Es ist wieder klar definiert worden, was auch wichtig ist. Die Definition an sich ist die Grundlage des Lebens. Und wir müssen einfach dazu kommen, dass wir nicht so viel darüber reden, sondern es nachweisen, beweisen, bearbeiten, erarbeiten und geistig sichtbar machen.

    Wie erleben Sie die Mannschaft?

    Sammer: Wir stehen ganz am Anfang, es ist noch kein Punktspiel absolviert, noch kein Pokalspiel gespielt - da muss man vorsichtig sein. Es werden Schwierigkeiten kommen. Ich erlebe aber eine Mannschaft, die Freude bereitet, das spürt man. Ich meine aber auch zu erkennen, dass es gelingen muss, ein Paar Erfolgsformeln generationsunabhängig weiter zu besprechen und zu vertiefen.

    Sie haben als Spieler einige Titel geholt. Ist die Erfolgsformel, die Sie kennen, die gleiche geblieben?

    Sammer: Dass sich Themen und Sichtweisen im Laufe der Zeit nicht verändern, sieht man wunderbar an den Helden von Bern. Wenn Sie sehen, wie 1954 nach dem Finalsieg gegen Ungarn der WM-Pokal an Fritz Walter überreicht wird, und sich dieser Fritz Walter unwohl fühlt, weil er ihn nicht alleine halten will. Und dann geschieht das gleiche mit Sepp Herberger, der sich ebenfalls unbehaglich fühlt. Es waren die beiden wichtigsten Protagonisten - und beide wollen den Pokal nicht haben. Das ist ein Geist, wo du spürst, dass sie den Pokal haben wollen, ihn aber gar nicht brauchen. Der Geist, Weltmeister zu sein, reichte ihnen. Sie wollten persönlich gar nicht im Mittelpunkt stehen.

    Was leiten Sie daraus ab?

    Sammer: Solche Konstellationen gilt es weiter zu transportieren, daran zu arbeiten, gewisse Strukturen zu erarbeiten - das müssen wir auch beim FC Bayern tun. Oder denken Sie an die deutschen Tugenden, die jahrelang verschrien waren. Wenn es danach ginge, waren Franz Beckenbauer oder Günter Netzer Rumpelfußballer. Ebenso wie später Thomas Häßler oder Mehmet Scholl - alles Rumpelfußballer. In der deutschen Definition hatten wir also nur Rumpelfußballer! Die haben gebissen, gekratzt, gespuckt und sich gegenseitig in den Hintern getreten. Wenn ich mich dann beim DFB als Traditionalist hingestellt habe, wurde ich fast beschimpft, ich würde in der Vergangenheit leben.

    Wo liegt Ihrer Meinung nach das Hauptproblem im deutschen Fußball?

    Sammer: Haben wir aktuell eine Identität? Außer dass man sagt, es kommen ein paar junge Spieler nach? Ich kann keine erkennen! Ich kann unseren Fußball - Stand heute - nicht richtig definieren. Du kannst Spanien definieren, auch Italien oder andere Nationen. Mit Deutschland habe ich aber Schwierigkeiten, uns in der Gänze und Komplexität zu analysieren. Für was stehen wir? Im Moment stehen wir für gute junge Spieler. Aber was haben die für Eigenschaften? Gute Technik - aber sonst? Wir haben immer nur Teilanalysen. Warum schaffen wir es nicht, Stärken aus der Vergangenheit mehr in den Mittelpunkt zu stellen, ohne die Offenheit für eine bessere Zukunft aus den Augen zu verlieren? Warum haben wir solche Schwierigkeiten, das zu definieren? Das verstehe ich nicht. Denn das eine steht nicht konträr zum anderen.

    Können Sie den FC Bayern definieren?

    Sammer: Wir müssen bei uns - wir reden von absolutem Topniveau - am Geist arbeiten, weil wir immer der Realität ins Auge sehen müssen. Ich glaube, dass wir auf einem ganz guten Weg sind. Jetzt müssen wir auf diesem ordentlichen Weg trotzdem den Mut haben, Inhalte zu definieren, Inhalte zu benennen und weiter daran zu arbeiten. Weil es natürlich auch ein paar Fakten gibt. Es ist in Deutschland eine Weile her - außer im Nachwuchsbereich -, dass wir einen internationalen Titel geholt haben.

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