WAS IHRE FREUNDE LESEN

    Golf - Kaymer: "Es gibt nichts Schöneres!"

    Im Interview der Woche mit eurosport.yahoo.de spricht Europas Golf-Held Martin Kaymer exklusiv über die Sekunden vor seinem entscheidenen Putt zum Ryder-Cup-Triumph, seine Pläne für Olympia 2016 in Rio de Janeiro und sein tägliches Trainingspensum. Zudem beantwortet der 27-Jährige die immer spannende "Meister-Frage" und verrät, was er sich vom FC Köln erhofft.

    Herr Kaymer, Sie haben wenige Tage nach Ihrem großen Triumph in den USA schon wieder ein Turnier in Schottland gespielt, direkt danach in Portugal und Schanghai. Warum nicht einfach mal die Schläger ein paar Tage in die Ecke stellen?

    Kaymer: Das Turnier in Schottland ist eines meiner absoluten Lieblingsturniere - das wollte ich auf keinen Fall verpassen. Den Schläger in die Ecke stellen? Das passt einfach nicht zu meinem Naturell, nicht nach so einem Ryder Cup und schon gar nicht mitten in der Saison.

    Natürlich müssen wir ausführlich über Ihren Putt zum Ryder-Cup-Sieg sprechen. War das die für Sie größtmögliche Drucksituation als Golf-Profi?

    Kaymer: Ja! Definitiv - eine größere Anspannung kann man sich als Golfer nicht vorstellen! Um mich herum waren 30, 40, 50.000 Zuschauer, 500 Millionen Menschen haben weltweit vor den TV-Bildschirmen mitgefiebert - und ich hatte einen 2-Meter-Putt! Meine Gedanken waren aber positiv. Ich hatte einfach stets vor Augen, wie der Ball reingeht. Ich wusste, dass ich das kann. Dafür habe ich Jahre lang trainiert.

    Was ging Ihnen in den Sekunden vor dem Putt durch den Kopf?

    Kaymer: Mir schossen die Bilder von Bernhard Langers Putt beim Ryder Cup 1991 durch den Kopf (Langer hatte den entscheidenden Putt verfehlt, d.Red.). “Diesmal wird es nicht passieren”, sagte ich mir. Ich war getrieben von einem einzigen Gedanken: Der Putt muss fallen!

    Wie würden Sie die Putt-Linie beschreiben?

    Kaymer: Es war eigentlich kein sehr schwerer Putt. Aus knapp 2 Meter leicht bergauf. So einen Putt habe ich schon tausende Male versenkt. Es war die spezielle Drucksituation, die diesen Putt so besonders gemacht hat.

    Eine solche Chance wird sich in Ihrer Karriere wohl nie wieder bieten. Was wäre heute, hätten Sie den Putt vorbeigeschoben?

    Kaymer: Klar, darüber habe ich auch schon nachgedacht. Es sind immerhin nur Zentimeter, die entscheiden, ob man der gefeierte Held oder der tragische Verlierer ist. Solche Momente können Karrieren beeinflussen - definitiv - positiv oder auch negativ. Ich habe den Moment aber glücklicherweise für mich nutzen können!

    Ihr Caddie Craig Connelly war der erste Gratulant. Sie waren einige Zeit getrennt, arbeiten jetzt wieder zusammen. Beschreiben Sie uns Ihr Verhältnis. Was macht einen guten Caddie für Sie aus? 

    Kaymer: Ein Caddie sollte in erster Linie perfekte fachliche Kenntnisse haben und die nötige Erfahrung mitbringen. Außerdem muss er auch über gute zwischenmenschliche Fähigkeiten verfügen. Craig Connelly bringt all diese Attribute mit. Ich kenne ihn gut und er kennt mich gut. Wir verstehen uns auf beiden Ebenen sehr gut - was mir persönlich enorm wichtig ist.

    Sie haben als zweiter deutscher Golfer ein Major-Turnier gewonnen. Im Finale der PGA Championship kam es 2010 zu einem denkwürdigen Stechen gegen Bubba Watson. Was für Erinnerungen sind geblieben?

    Kaymer: Das war in meiner Karriere eindeutig der bisher wichtigste und großartigste Einzeltriumph. Ich werde diese Momente für immer in Erinnerung behalten, auch wenn seitdem wahnsinnig viel passiert ist.

    Nach dem Sieg, sagten Sie: "Es gibt nichts Größeres für einen Golfer, als ein Major-Turnier zu gewinnen." Würden Sie das heute so wiederholen?

    Kaymer: Seit dem Ryder Cup 2012 würde ich das sicher ein wenig anders formulieren. Als Einzelwettbewerb ist ein Major-Sieg sicher herausragend, aber für eine Mannschaft, Europa und Deutschland in dieser Art und Weise zu gewinnen, war ein Gefühl auf einer anderen, viel emotionaleren Ebene.

    Sie haben zahlreiche Turniere gewonnen, darunter ein Major, waren die Nummer 1 der Welt und haben den Ryder Cup verteidigt. Welche Ziele haben Sie noch?

    Kaymer: Ich bin mir bewusst, dass ich in meiner Karriere schon viel erreicht habe und darauf bin ich stolz. Trotzdem bin ich erst 27 Jahre alt und möchte noch viel mehr gewinnen. Allein der Gedanke an weitere Turniersiege bei Majors oder Teilnahmen am Ryder Cup motiviert mich ungemein.

    Golf wird nach mehr als 100 Jahren wieder bei Olympia in Rio de Janeiro vertreten sein. Werden Sie dort für Deutschland an den Start gehen?

    Kaymer: 2016 bei Olympia in Rio de Janeiro dabei zu sein, wäre großartig und ist ein großes Ziel von mir. Das eigene Land als Sportler bei diesem Event zu vertreten – was gibt es Schöneres?

    Wie sieht ein normaler Tag bei Ihnen aus? Was für ein Trainingspensum absolvieren Sie?

    Kaymer: In den Trainingsphasen habe ich Routinen in meinem Tagesablauf, die sich von denen eines ganz normalen Angestellten gar nicht so sehr unterscheiden. In der Regel gehe ich direkt nach dem Aufstehen joggen. Im Anschluss schlage ich auf der Driving Range zwei bis drei Stunden Bälle und spiele dann noch neun oder 18 Loch. Spät nachmittags gehe ich oftmals noch ins Fitnessstudio – das gehört zum modernen Golf-Profi-Dasein einfach mit dazu.

    Woran arbeiten Sie derzeit in Bezug auf Ihr Spiel?

    Kaymer: Ein fertiger Spieler ist man nie und es gibt immer Dinge, die man perfektionieren kann. Das kommt meinem ehrgeizigen und trainingsfleißigen Naturell eigentlich sehr entgegen.

    Die Abläufe für einen Profi-Golfer ähneln sich oftmals. Flughafen, Hotel, Golfplatz, Hotel, Flughafen. Gibt es Momente in denen Sie sich ein "geregeltes Leben" wünschen?

    Kaymer: Klar gibt es Tage, an denen ich gerne auf den nächsten 10-Stunden Flug verzichten würde. Das ist aber ganz normal. Ich liebe meinen Job jedenfalls und bin glücklich, dass ich Golf zu meinem Beruf machen konnte. Ich spiele auf tollen Golfplätzen, lerne viele spannende Leute und verschiedene Kulturen kennen.

    Man sagt, Golf mache süchtig. Was macht für Sie die Faszination aus?

    Kaymer: Ich habe aktuell vor allem noch die frischen Ryder-Cup-Bilder im Kopf: Diese Spannung, die Emotionen und die Herausforderung. Das war für Spieler und Fans Faszination pur!

    In Deutschland hat Golf immer noch ein elitäres Image. Was muss passieren, damit der Sport populärer wird?

    Kaymer: Der elitäre Charakter ist längst überholt. In Deutschland gibt es inzwischen viele begeisterte Golf-Fans, das merke ich immer wieder. Viele Fans haben mir zum Beispiel via Facebook geschildert, wie sie die letzten Momente des Ryder Cups erlebt und verfolgt haben. Ich freue mich sehr, wenn der Funke überspringt! Um den Sport in Deutschland noch gesellschaftsfähiger zu machen, bräuchten wir in erster Linie mehr öffentliche Plätze.

    Der Ryder Cup wurde ausschließlich im Privat-Fernsehen gezeigt. Auch das ist mit Sicherheit nicht förderlich. Was wäre eine Lösung, mit der Sie leben könnten?

    Kaymer: Es wäre natürlich super, wenn man in Deutschland zumindest die Major-Turniere und den Ryder Cup noch mehr TV-Zuschauern zugänglich machen würde. Das scheint aber aufgrund der Rechteproblematik nicht möglich. Insofern bin ich momentan noch jedem TV-Sender dankbar, der wenigstens ein paar Spielbilder zeigt.

    Das liebste Kind der Medien ist nach wie vor der Fußball. Auch Sie gelten als “fußballverrückt”. Wer wird Ihrer Meinung nach Bundesliga-Meister 2012/2013? Wer sind Ihre potentiellen Absteiger?

    Kaymer: Ich glaube die Bayern machen in diesem Jahr das Rennen. Im Tabellenkeller sieht es aus meiner Sicht viel enger aus, da will ich mich aus Fairnessgründen heute aber noch nicht festlegen. Hauptsache für mich ist, dass der 1. FC Köln langfristig guten Fußball spielt und wieder in die Bundesliga aufsteigt.

    Sie galten als Jugendlicher selbst als talentierter Fußballer. Was hat den Ausschlag für den Golfsport gegeben?

    Kaymer: Ich habe immer gerne Fußball gespielt und kicke auch heute noch ab und zu mit Freunden. Aber als ich 15 Jahre alt war, sah ich im Golf einfach mehr Chancen auf Erfolg. Ich habe die Verantwortung früh übernommen und nie daran gezweifelt, dass ich mit der richtigen Einstellung im Golf sehr gut werden kann.

    Wie steht es um den deutschen Golf-Nachwuchs? Rücken talentierte Spieler nach?

    Kaymer: Das kann ich nicht wirklich beurteilen, dafür bin ich zu weit weg und zu viel um den Globus unterwegs. Gerade bei Kindern halte ich es aber für wichtig, dass nicht zu sehr auf Perfektion geachtet wird, sondern dass sie in Ruhe ein Gefühl für den Sport entwickeln können. Sonst geht ganz schnell der Spaß verloren – Golf ist ja schließlich ein Spiel.

    Sie leben auf der anderen Seite des großen Teiches. Würden Sie sich inzwischen als „halben Amerikaner“ bezeichnen?

    Kaymer: Nein, ich fühle mich ganz klar als Deutscher und habe ja auch weiterhin meinen Wohnsitz in Mettmann. In Arizona befindet sich lediglich meine Trainingsbasis, aber ich komme so oft es geht nach Hause. So wie vergangene Woche!

    Herr Kaymer, vielen Dank für das Gespräch!

    Video: Traumschlag von Darren Clarke

    TV-Tipp:

    Mittwoch ist bei Eurosport der Tag für alle Pferde-, Golf- und Segel-Freunde. Die "Wednesday Selection" bietet feinsten Sport zur besten Sendezeit - immer Mittwochabend.

    Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen

    Meistgelesene Artikel

    Aktuelle Nachrichten