Seinen Sieg über Djokovic schien Federer erstaunlich gelassen zur Kenntnis zu nehmen. "Ich bin nicht in Tränen ausgebrochen oder auf die Knie gefallen und habe gedacht, das Turnier ist vorbei und ich habe alles erreicht, was ich will", erklärte er schmunzelnd. Dennoch war der Erfolg etwas Besonders für Federer, denn sein letztes Grand-Slam-Finale fand 2011 in Paris statt. Auf Sand standen die Siegchancen gegen Rafael Nadal damals aber nicht allzu hoch.
Das ist diesmal anders. Nach seiner beeindruckenden Vorstellung gegen Djokovic geht Federer als klarer Favorit ins Endspiel. Gegen den Weltranglisten-Ersten konnte sich der Schweizer immer auf seinen Aufschlag verlassen und es unterliefen ihm nur wenige unerzwungene Fehler.
Auch Federer weiß um die Bedeutung des Sieges: "Es ist immer schön, jemanden wie Novak zu schlagen, der letzten Jahr hier so stark war. Wir haben nie auf Rasen gespielt. Es war augenscheinliche eine besondere Sache. Solche Siege helfen meinem Selbstbewusstsein. Ich hoffe, ich kann das dann im Finale nutzen."
"Mein Gegner hat nichts zu verlieren"
Siegt er gegen Murray, würde Federer ein weiteres Mal Geschichten schreiben. Mit seinem siebten Wimbledon-Erfolg würde er nämlich zu seinen Idol Pete Sampras aufschließen. Selbst für einen Mann, der dutzendweise Rekorde hält, wäre das eine besondere Sache. "Ich bin sehr stolz eine Chance zu haben, mit Pete gleichzuziehen. Momentan liegt der Fokus aber auf Erholung und der Vorbereitung auf das nächste Match", sagte er nach seinem Sieg über Djokovic.
Für Federer wäre mit dem Sieg auch ein zweiter Rekord greifbar. Holt sich der Schweizer in Wimbledon seinen 17. Grand-Titel, würde er gleichzeitig zum ersten Mal seit Mai 2010 wieder auf den Tennis-Thron klettern. Mit dann 286 Wochen an der Spitze würde er dort ebenfalls mit dem bisherigen Rekord-Weltranglisten-Ersten Sampras gleichziehen. Deshalb gibt der 30-Jährige auch offen zu: "Natürlich habe ich jetzt auch viel Druck, weil für mich viel auf dem Spiel steht."
Gegen Murray erwartet Federer ein enges Match: "Es wird eine harte Aufgabe. Mein Gegner hat nichts zu verlieren." Auch Murray glaubt, dass auf den Schultern von Federer mehr Druck lastet. "Es wird eine große Herausforderung für mich. Eine, bei der von mir wahrscheinlich nicht erwartet wird, dass ich das Match gewinne. Aber wenn ich gut spiele, bin ich auch fähig zu siegen."
Murray trägt Hoffnung einer Nation
Federer dürfte ohnehin gewarnt sein, denn im direkten Vergleich führt Murray mit 8:7. Ein Duell auf Rasen gab es zwischen den beiden Akteuren allerdings noch nicht, da Murray meistens in die Hälfte von Nadal gelost wurde. Gegen den Spanier war für Murray 2008, 2010 und 2011 jeweils Endstation, sodass es nie zum Aufeinandertreffen mit Federer kam. Nach dem frühen Aus von Nadal war der Weg diesmal frei für Murray, der die Hoffnung einer ganzen Nation trägt.
Schließlich ist Murray der erste Brite seit Bunny Austin 1938, der ins Endspiel von Wimbledon einzieht. Der 25-Jährige könnte nun erster britischer Champion im All England Club seit Fred Perry 1936 werden. "Alle erwarten Unglaubliches von mir", sagte Murray zum Druck auf dem Platz und fügte mit Blick auf das Finale hinzu: "Es wird eines der größten Matches meines Lebens."
Murray ist sich im Klaren als Außenseiter in die Partie zu gehen. So zeigt sich der Schotte voll des Lobes über Federer: "Wenn man auf seine Bilanz in den letzten zehn Jahren hier schaut, das ist unglaublich. Deshalb denke ich, dass ich mehr Druck fühlen würde, wenn ich gegen jemanden anders spielen müsste. Es wird weniger Druck auf mir lasten im Finale, weil er mein Gegner ist."
Die Bilanz von Murray gibt allerdings wenig Anlass zur Hoffnung für die Briten. Für den Schützling von Ivan Lendl ist es das vierte Grand-Slam-Endspiel. Die vorigen drei hat er alle verloren: 2011 bei den Australian Open gegen Djokovic sowie bei den US Open 2008 und den Australian Open 2010 jeweils gegen Federer.
Doch Federer hat größten Respekt, wie Murray mit den hohen Erwartungen in der Heimat umgeht: "Ich denke, es ist sehr speziell in diesem Land, dass so viel Druck auf nur einen Spieler lastet, welcher Andy Murray ist. Lasst uns froh sein, dass er so ein großartiger Spieler ist, der diesem Hype standhält." Für den Schweizer wird es eine ungewohnte Situation sein, einmal nicht das Publikum im Rücken zu haben. Federer nimmt das aber gewohnt locker hin: "Ich spiele immer gern gegen den heimischen Helden."

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