Das Interview führte Christian Albrecht Barschel
Wie fühlt es sich an, der beste Tennisspieler im Einzel in der Geschichte von Kanada zu sein?
Milos Raonic: Das ist eine große Ehre und ein gutes Gefühl. Es ist schön, dass ich junge Leute in Kanada dazu inspirieren kann, Tennis zu spielen. Andererseits ist es nur ein Titel. Das ist ein Extrabonus. Aber ich möchte in meiner Karriere viel mehr erreichen als das. Es ist schade, dass Kanada keine größere Geschichte im Einzel hat. Das würde uns guttun. Wir hatten bislang nur starke Doppelspieler. Meine Eltern haben mir immer gesagt, als ich jung war: "Wenn du gut sein willst, vergleich' dich nicht mit anderen kanadischen Spielern. Vergleich dich mit den Besten."
Wie ist der Stellenwert von Tennis in Kanada verglichen mit dem Volkssport Eishockey?
Raonic: Es ist ein langer Weg für das kanadische Tennis, um mit Eishockey zu konkurrieren. Ich glaube nicht, dass Tennis jemals mit Eishockey konkurrieren kann. Eishockey fließt einfach durch das kanadische Blut. Jeder probiert es, wobei ich es noch nie ausprobiert habe. Ich habe nur Straßenhockey als Kind gespielt. Wintersportarten haben in Kanada einen hohen Stellenwert, vor allem durch die günstigen Begebenheiten und das Wetter. Tennis arbeitet sich derzeit weiter nach oben. Ich versuche, so gut es geht, die kanadischen Kinder dazu zu bewegen, den Tennisschläger in die Hand zu nehmen. Es wird sehr schwer für Tennis werden, um Eishockey einzuholen. Dafür gab es in der Vergangenheit einfach zu viele Erfolge von kanadischen Eishockeypielern und vom kanadischen Nationalteam.
Sie waren Anfang 2011 die Nummer 156 der Weltrangliste. Mittlerweile stehen Sie fast in den Top 20. Wie erklären Sie sich ihren Aufstieg?
Raonic: Der Einzug ins Achtelfinale der Australian Open im Vorjahr war der Durchbruch. Ich hatte die zwei Monate zuvor viel trainiert und investiert. Ich wusste, dass ich die richtige Arbeit getan hatte und besser wurde. Die Frage im Tennis ist aber immer, wann und bei welchem Turnier es sich auszahlt. Bei mir hat dann in Melbourne alles gepasst, ausgerechnet bei einem Grand Slam. Das hat mir enormen Respekt bei meinen Gegnern eingebracht. Das hat mir für die Monate danach sehr geholfen.
Sie haben Andy Murray in Barcelona bezwungen. War das der bislang größte Sieg für Sie?
Raonic: Ja, das war ein sehr großer Sieg. Zum ersten war es das erste Mal, dass ich gegen einen der Top-4-Spieler gewonnen habe. Zweitens war das Schöne am Sieg, dass es auf Sand war, wo ich bislang immer etwas Probleme hatte. Ich hatte dieses Jahr ein paar Matches gegen starke Spieler, die ich knapp verloren habe. Dieser Sieg gibt mir nun mehr Selbstvertrauen, wenn ich gegen die großen Spieler antrete.
Welches Turnier würden Sie am liebsten gewinnen, wenn Sie wählen könnten?
Raonic: Definitiv Wimbledon. Es ist das prestigeträchtigste Turnier und steht auf einem eigenen Level, noch etwas über den anderen Grand Slams. Ich habe meine Idole in Wimbledon so oft spielen sehen und das Turnier intensiv verfolgt. Deshalb ist es sehr speziell für mich.
Mit ihrem starken Aufschlag könnten Sie ein sehr guter Spieler auf Rasen sein. Wie gut passt ihre Spielweise zum Rasen?
Raonic: Ich finde, dass mein Spiel gut zum Rasen passt. Ich muss immer noch ein paar Dinge lernen, um auf Rasen noch besser zu spielen. Das sind aber auch Dinge, die dann aus mir einen besseren Hartplatzspieler machen. Meinen Return kann ich noch weiter verbessern. Um so mehr Spiele ich habe, um so mehr Spiele ich gewinne, um so besser werde ich auch auf Rasen werden.

Ihr Aufschlag ist ihre größte Waffe. Wie haben Sie es geschafft, so ein guter Aufschläger zu werden? Und an welchen Schwächen auf dem Platz müssen Sie noch arbeiten?
Raonic: Ein Grund, warum ich so gut aufschlage, ist, dass ich als Kind sehr viel Zeit in meinen Aufschlag investiert habe. Es gab Tage, an denen ich nur meinen Aufschlag trainiert habe. Ich habe einen Korb genommen und für eine Stunde nur aufgeschlagen. Ich habe nicht immer mit dem vollen Tempo aufgeschlagen, sondern viel auf die Technik und auf die Platzierung der Aufschläge geachtet. So wurde mein Aufschlag mit der Zeit immer besser. Ich weiß, dass es mir sehr hilft und den Druck auf meinen Gegner erhöht, wenn ich gut aufschlage. Ich kann mich überall noch verbessern. Mein Aufschlag kann noch stärker werden. Mein Return, mein Grundlinienspiel und meine Bewegung kann ich auch noch verbessern. Ich will zudem noch häufiger ans Netz kommen, um meine Gegner mehr unter Druck zu setzen.
Ihr Markenzeichen ist die herausgestreckte Zunge während der Ballwechsel. Sind Sie sich dessen im Spiel bewusst?
Raonic: Ich bin mir dessen während des Spiels nicht bewusst. Aber ich sehe die herausgestreckte Zunge bei 80 Prozent meiner Bilder. Das ist nicht die schönste Sache. Man kann aber darüber schmunzeln.
Auch Pete Sampras und Boris Becker haben bei ihren Matches immer Zunge gezeigt. Sind die beiden Vorbilder gewesen für Sie als Tennisspieler?
Raonic: Ja, das waren schon Vorbilder. Die Spielweisen von Sampras und Becker passen zu meiner, wenn man die Zeiten von früher mit heute überhaupt vergleichen kann. Auch wenn sie vor meiner Zeit gespielt haben, versuche ich möglichst viele Dinge zu adaptieren, die sie so ausgezeichnet haben.
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