"Das ist natürlich etwas anderes, als ein Sieg im Zeitfahren", freute sich Tagessieger Millar. "Es war ähnlich wie 2002, worauf ich bislang am meisten stolz war."
Vor zehn Jahren gewann der auf Malta geborene Schotte in Beziers ebenfalls aus einer Spitzengruppe heraus, der am Ende nur noch fünf Mann angehörten.
Im Gegensatz zu seinem WM-Titel im Zeitfahren von 2003 wurde ihm dieser Erfolg nach seinem Doping-Geständnis aus dem Jahr 2004 nicht aberkannt, weil Millar nur bestimmte Rennen nannte, in denen er gedopt gewesen sei. Die Tour-Etappe gehörte nicht dazu.
Diesen offenen Umgang mit seiner Vergangenheit setzte Millar auch in Annonay fort: "Hört nicht auf, mich einen Ex-Doper zu nennen", sagte er nach der Zielankunft. "Ich war gedopt, jetzt bin ich clean. Aber wir sollten die Vergangenheit niemals vergessen. Sie ist wichtig!" Nun hat der 35-Jährige nach seinem Comeback als radikaler Doping-Gegner wieder Etappen bei allen drei großen Landesrundfahrten gewonnen.
Millar befreit Garmin
Der 35-Jährige sorgte durch seinen Sieg für das erste, lang ersehnte Erfolgserlebnis der Garmin-Mannschaft im Verlauf der 99. Tour de France. "Ich bin voller Ehrfurcht", freute sich Teamchef Jonathan Vaughters daher. "Toll, wie sich diese Mannschaft am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen hat." Das Team war vor allem in der ersten Tour-Woche durch viele Stürze zurückgeworfen, stark dezimiert und um alle Ambitionen im Gesamtklassement gebracht worden.
Im hügeligen Etappenfinale von Annonay Davezieux parierte Millar zunächst einige Antritte seiner Begleiter Egoi Martinez (Euskaltel) und Robert Kiserlovski (Astana), um sich anschließend mit Jean-Christophe Peraud (Ag2r) abzusetzen.
Der Franzose ließ ihn auf den letzten zwei Kilometern die meiste Arbeit machen, konnte auf der Zielgerade aber trotzdem aus dem Windschatten nicht mehr vorbeisprinten.
Sky schlägt Höllentempo an
Von Saint-Jean-de-Maurienne nach Annonay waren noch einmal zwei schwere Alpengipfel zu bewältigen, die zu Beginn der Etappe auch dafür sorgten, dass das Hauptfeld auseinanderfiel. Das Team Sky des Gesamtführenden Bradley Wiggins schlug dort ein sehr hohes Tempo an, um die ersten großen Ausreißergruppen nicht weit weg zu lassen. Damit taten die Briten auch ihrem eigenen Sprinter weh: "Auch wenn die Etappe am Ende gemütlich aussah, der Start war so nah an der Hölle, wie man an sie herankommen kann", twitterte Mark Cavendish im Ziel.

Der Auftritt der Sky-Mannen ließ auch Titelverteidiger Cadel Evans (BMC), der nach seinem Zeitverlust von La Toussuire keine Stellungnahme abgab, wieder zu Worten finden. "Diese ersten 100 Kilometer waren von der etwas intensiveren Art", scherzte er.
Erst nach der ersten Rennhälfte, als sich die fünfköpfige Spitzengruppe um Millar, Martinez, Kiserlovski, Peraud und Cyril Gautier (Europcar) gebildet hatte und alle anderen Ausreißer gestellt waren, beruhigte sich das Hauptfeld. Abgehängte Fahrer wie der junge Überraschungsmann aus Frankreich, Thibaut Pinot von FDJ-BigMat, konnten wieder aufschließen, und der Vorsprung der Ausreißer wuchs auf mehr als zwölf Minuten an.
Goss für harten Sprint bestraft
Im Ziel hatten Wiggins, der kurz vor der zweiten Bergwertung des Tages am Col du Granier die Muskeln spielen ließ und einen Angriff wagte, der aber in der Abfahrt vereitelt wurde, und die anderen Favoriten auf den Gesamtsieg immer noch knapp acht Minuten Rückstand. Sie wurden von den Sprintern Matthew Goss (Orica-Greenedge) und Peter Sagan (Liquigas) ins Ziel geführt, die in Annonay erneut um Punkte für das Grüne Trikot kämpften. Weil Goss im Spurt eine Welle fuhr, überquerte er den Zielstrich zwar vor seinem Kontrahenten aus der Slowakei, wurde letztlich aber dennoch um einen Platz hinter Sagan zurückgestuft.
Die größten Probleme mit der schnellen Startphase hatten die Niederländer Robert Gesink (Rabobank) und Tom Veelers (Argos-Shimano). Beide gaben das Rennen genauso auf, wie David Moncoutie (Cofidis). Der Franzose war in der Abfahrt vom Col du Grand Cucheron zu Fall gekommen.
VIDEO: Das Finale der 12. Etappe
TV-Tipp:
Tour total: Eurosport präsentiert Ihnen die Tour de France 2012 von der Teampräsentation in Lüttich bis zum Finale der Schlussetappe in Paris in ausführlichen Live-Übertragungen sowie Zusammenfassungen auf Eurosport und Eurosport 2 - und natürlich auch im Eurosport Player!
