Das Interview führten Dirk Adam und Daniel Rathjen
Herr Matthäus, der FC Bayern ist in dieser Saison drei Mal Zweiter geworden. Ist das für Sie ein Erfolg?
Lothar Matthäus: Andere Vereine würden diese Platzierungen als Erfolg werten und wären froh, wenn sie Zweiter werden würden. Aber bei Bayern München zählt der zweite Platz nichts. Das ist ein Verliererplatz. Bayern München will Titel gewinnen, das ist es, was zählt.
Mit dem Sieg im Champions-League-Finale hätte der Verein vieles wettmachen können...
Matthäus: Das Dramatische ist, dass das Endspiel in München stattgefunden hat. Deswegen hatte es natürlich eine andere Bedeutung, als wenn das Finale in Istanbul, Athen oder in Rom stattgefunden hätte. Und ich glaube, dass man sich von Anfang an zu stark auf dieses Finale sowie diesen einen Titel fokussiert hat. Dadurch ging vielleicht die Konzentration im Pokalendspiel verloren und man hat auch im entscheidenden Moment in der Meisterschaft Punkte liegen gelassen.
Das Finale war Ihrer Meinung also eine Last?
Matthäus: Man konnte nicht davon ausgehen, dass Bayern das Champions-League-Finale gewinnt oder auch ins Finale kommt. Und ich glaube, dass man die Meisterschaft auch nicht verdient hat, weil Dortmund einfach eine tolle Saison gespielt hat. Aber man hätte dem BVB sicherlich anders Paroli bieten können, wenn man die Champions League nicht die ganze Zeit im Hinterkopf gehabt hätte.
Wo lagen für Sie die Ursachen für die Niederlage gegen Chelsea?
Matthäus: Im entscheidenden Moment konnten die Matchbälle nicht verwertet werden. Man konnte die Führung nicht über die Zeit retten, den Elfmeter in der Verlängerung nicht verwandeln und im Elfmeterschießen haben vielleicht auch die Nerven versagt. Vielleicht ist auch das nötige Quäntchen Glück nicht dagewesen. Und Chelsea hat aus dem Nichts im Endeffekt die Champions League gewonnen. Das ist das Traurige generell für den Fußball, aber wenn wir übers Endspiel reden, müssen wir auch nach hinten schauen. Denn Chelsea hätte es eigentlich nicht einmal verdient, ins Endspiel zu kommen, denn Barcelona war auch die stärkere Mannschaft im Halbfinale. So grausam kann Fußball sein.
Wie lange dauert es, bis diese Niederlage aus den Köpfen ist?
Matthäus: Die Spieler müssen dieses Finale abhaken. Einige Bayern haben jetzt mit der Nationalmannschaft die Möglichkeit, kurzfristig einen Erfolg zu verbuchen. Und die anderen Spieler sollten in der nächsten Saison erst die nationalen Titel in Angriff nehmen, die ihnen Dortmund abgeluchst hat. In der kommenden Saison wird der nationale Titelkampf wieder stärker im Fokus stehen.
Es gab zahlreiche Diskussionen um den verschossenen Elfmeter von Arjen Robben. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Matthäus: Das Problem in Deutschland generell ist, dass im Nachhinein jeder alles besser weiß. Ich habe schon öfter gesagt, dass Robben kein sicherer Elfmeterschütze ist. Die letzten Monate haben Robben mitgenommen, und das hat man auch an seiner Leistung gesehen, denn er hat auch im Finale gegen Chelsea nicht gut gespielt. Ich denke, dass es bessere Schützen bei Bayern München gibt. Und Robben ist ein Egoist, das weiß man. Einerseits ist das gut, weil ein bisschen Egoismus dazu gehört. Aber wenn man sieht, wie er sich den Ball beim Elfmeter nimmt - mit so einer Selbstverständlichkeit. Dann ist das nicht gut. Ich habe in meiner Karriere auch wichtige Elfmeter verschossen. Aber wenn sich Robben nicht gut fühlt und seit Monaten viele Nebengeräusche um sich herum hatte, dann muss man als Verantwortlicher auch mal einschreiten.
Im Freundschaftsspiel gegen die Niederlande wurde Robben dann von den eigenen Fans ausgepfiffen. Wie bewerten Sie das?
Matthäus: Der FC Bayern hat auch ohne Robben sehr erfolgreich gespielt. Natürlich kennt man seine individuellen Qualitäten, die hat er, aber die hat er leider viel zu wenig gezeigt. Bayern München hat auch ohne ihn funktioniert. Man weiß, dass das Verhältnis in der Mannschaft nicht so 100 Prozent ist, wie es vielleicht sein sollte. Robben ist jemand, der seinen Weg geht. Er ist nicht derjenige, der die Nähe zu seinen Mitspielern sucht. Das muss er auch nicht. Das ist nicht vertraglich festgeschrieben, aber trotzdem weiß man, dass Robben ein Einzelgänger ist. So kommt er mir auch häufig auf dem Platz vor.
Uli Hoeneß hat nach dem Spiel gesagt, dass er "Wadenbeißer-Typen" wie Jens Jeremies vermisst hat. Ging es Ihnen genauso?
Matthäus: Wir müssen nicht über Typen sprechen, die in diesem Endspiel gefehlt haben oder nicht. Im Champions-League-Finale hat auch das nötige Glück gefehlt. Natürlich hätte Uli Hoeneß zum Schluss erwartet, dass so ein Drecksack da ist, der den Ball fünf Mal auf die Tribüne haut. Bayern hat sich vielleicht nicht clever genug angestellt, sowohl nach dem 1:0 als auch in der Verlängerung. Aber man hätte schon vorher auf gewisse Dinge reagieren müssen. Der FC Bayern hat es ja in der Hand, solche Drecksäcke, die es im internationalen Fußball gibt, zu verpflichten.
Dortmund hat in Deutschland zunächst die Vormachtstellung übernommen. Wo muss Bayern ansetzen, um wieder die Nummer eins zu werden?

Matthäus: Da mache ich mir natürlich auch Gedanken. Nicht nur als ehemaliger Fußball-Profi, sondern als Trainer. Ich werde versuchen, die Verantwortlichen zu erreichen und mit ihnen zu sprechen. Denn mir sind schon einige Dinge aufgefallen, die der FC Bayern meiner Meinung nach besser machen könnte. Man kann sich mal unter ehemaligen Kollegen austauschen, um vielleicht den ein oder anderen Tipp zu geben.
Welche Tipps wären das?
Matthäus: Der Charakter der Mannschaft war in Madrid in Ordnung. Aber er muss so häufig wie möglich stimmen und nicht nur bei einem Spiel wie gegen Real, wo man weiß, dass es nur miteinander geht. Das habe ich beim FC Bayern sehr häufig vermisst. Ich habe bereits nach dem Pokalendspiel gesagt, es gibt zu viele Ich-AGs auf dem Platz. Jeder denkt nur an sich. Und das ist der Vorteil von Dortmund. Beim BVB gewinnt die Mannschaft und bei Bayern gewinnt immer nur der Einzelne, der die Tore macht. Die Presse macht um Namen wie Robben, Ribéry, Gomez oder Schweinsteiger immer einen Hype. Und beim BVB schießt Lewandowski drei Tore und die Mannschaft Dortmund hat gewonnen. Auch das ist ein Problem, was von außen hereingetragen wird.
Nun ist der Medienrummel in München aber nicht neu...
Matthäus: Ich kenne die Eifersüchteleien der Spieler. Das war früher nicht anders. Da hat man auch seinen Namen auf der ersten Seite gelesen. Und auch die Manager arbeiten im Hintergrund an ihren Spielern. Da spielen viele Faktoren eine Rolle und das muss man ein bisschen runterfahren, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren - nämlich den Fußball. Und Fußball ist ein Mannschaftsspiel. Wenn das Team wie in Madrid funktioniert, kann der FC Bayern gegen jede Mannschaft der Welt gewinnen.
Worauf muss Bayern im Sommer bei den Transfers achten?
Matthäus: Meiner Meinung nach hat man in den letzten Jahren den einen oder anderen Transfer versäumt. Seit Lucio und Demichelis den Verein verlassen haben, weiß man, dass in der defensiven Zentrale die Qualität nicht so vorhanden ist, um die Champions League zu gewinnen. Es sind gute Talente da, aber auf einmal muss ein Mittelfeldspieler in der Viererkette spielen. Und ein Linksverteidiger, der international noch nicht die Erfahrung hat, ist in einem Champions-League-Endspiel dabei. Man muss sich nur mal die Spielerliste ansehen. Wenn zwei, drei Spieler ausfallen, hat man bereits ein Problem. Im Endspiel war die Ersatzbank nicht stark besetzt. Usami saß auf der Bank, Olic hat das Selbstvertrauen gefehlt und Pranjic war für mich noch nie ein Bayern-Spieler. Wenn ich sehe, dass Chelsea einen Torres bringen kann, da ist Respekt vorhanden.
Glauben Sie, dass die Niederlage Einfluss auf die Zukunft von Jupp Heynckes hat?
Matthäus: Nein, denn Jupp Heynckes hat einen tollen Job gemacht. Letztendlich hat es zwar nicht gelangt und der Druck wird nächste Saison nicht geringer werden, aber er ist ein erfahrener Trainer. Heynckes kennt die Mechanismen und er wird mit seinem Freund Uli Hoeneß mit Sicherheit längere Gespräche führen, um in Zukunft aus dem Vollen schöpfen zu können. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass alle Spieler über das ganze Jahr gesund sind. In der Bundesliga ist es zu kompliziert und auf höchstem Niveau braucht Bayern auch Möglichkeiten, wo man weiß, man wechselt einen Spieler ein, welcher der Mannschaft helfen kann. Es tut mir leid, wenn ich das sage, aber diesen Eindruck hatte ich von den Spielern, die zuletzt auf der Bank gesessen haben, nicht.
Irgendwann wird sich die Frage nach Heynckes' Nachfolger stellen. Welchen Trainertyp braucht der FC Bayern in der Zukunft?
Matthäus: Die meisten Trainer sitzen nicht zehn oder zwanzig Jahre wie ein Schaaf in Bremen auf der Bank. Ich gehe davon aus, dass Jupp Heynckes noch das eine oder andere Jahr weitermacht. Die Ausstrahlung hat er nach wie vor, deshalb denke ich, dass er noch wichtig sein kann. Er war der Trainer, der nach van Gaal Ruhe in den Verein gebracht hat. Heynckes hat auch Ribéry den Spaß am Fußball zurückgebracht. Er hat seine Qualitäten - das Alter spielt keine Rolle. Letztendlich zählt der Erfolg. Der ganz große Erfolg ist diese Saison zwar ausgeblieben, aber er hat viel geschafft. Deshalb sehe ich keinen Grund, über den Trainer nachzudenken.
Video: Podolski mit Klartext
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