Deutschland ist wieder im Jogi-Fieber: Bekommen Sie hier in Polen etwas von der Löw-Begeisterung mit?
Joachim Löw: Nein, gar nicht. Ich sage Ihnen etwas: Ich habe hier noch nicht ein einziges Mal den Fernseher angemacht. Außer zum Fußball schauen, aber das schaue ich auch nur die EM-Spiele, die der Konkurrenz und natürlich unsere Spiele in der Nachbetrachtung, die schauen wir auf dem Computer an. Ansonsten bekomme ich nichts mit.
Wollen Sie etwa sagen, dass es Sie nicht interessiert, was die Menschen in Deutschland über Sie denken?
Löw: Ich denke nur an das Turnier und an unsere Spieler.
Sollen wir sie ein wenig informieren?
Löw: Ja, sehr gerne.
Also: Deutschland redet über ihren Jubel, man nennt ihn schon den Jogi-Dance. Hat ihnen das niemand erzählt?
Löw: Nein. Gestern hat mir jemand die Sache mit dem Balljungen erzählt. Dass das ein wenig Wellen schlägt und die Frage ist, wann das passiert ist. Aber ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung mehr, ob das vor dem Spiel war oder währenddessen. Das sind ja spontane Aktionen, genauso wie der Jubel. Das ist spontan, das ist nicht geplant. Das sind Emotionen, die raus kommen. Das ist völlig unkontrolliert.
Sie haben also keinen Tanz eingeübt?
Löw: Nein, natürlich nicht. Ich bin ja auch überhaupt kein Tänzer, das ist gar nicht mein Ding. Ich habe auch noch nie einen Tanzkurs gemacht und würde mich da auch immer gegen sträuben. Und zwar mit aller Macht.
Auf der Internetplattform youtube hatte der Jogi-Dance 250.000 Klicks am ersten Tag…
Löw: Wirklich? Das ist ja unglaublich.
Die Kritik von Mehmet Scholl haben Sie mitbekommen. Er sagte, Ihr Spieler Mario Gomez habe sich in der Partie gegen Portugal wundgelegen. Hat er da die Grenze des guten Geschmacks überschritten?
Löw: Ich sage der Mannschaft immer, dass das was aus Deutschland von verschiedenen Menschen gesagt wird, uns nicht beschäftigen darf. Davon dürfen wir uns nicht ablenken lassen. Ich habe zu Mario gesagt, dass ich mit seinem Spiel zufrieden war, dass er gut gearbeitet hat. Klar, gibt es immer Steigerungspotential, aber er hat das entscheidende Tor gemacht. Und das ist für mich und für ihn das Entscheidende.
Aber die Art und Weise der Kritik kann Ihnen als Trainer doch nicht egal sein…
Löw: Ja, da haben sie Recht. Aber Mehmet Scholl hat ja auch schon gesagt, dass seine Wortwahl falsch war.
Gomez hat erklärt, dass ihn das sehr beschäftigt habe während des Holland-Spiels. Scholl hat somit einen ihrer Spieler stark beeinflusst.
Löw: Ich habe Mario gesagt: Was der Trainer sagt, ist das Wichtige. Darauf soll er sich verlassen. Und ich habe ihm gesagt: Ich vertraue dir. Und er hat ja die Kritik positiv genutzt.
Haben sie Scholl mal angerufen, um sich vor den Spieler zu stellen?
Löw: Ich kann ja die Spieler nicht immer und überall verteidigen und ich kann ja nicht auf alles reagieren, was so passiert. Nochmals: Meine Kraft gilt allein unserem Team.
Gomez´ Aufstellung kam überraschend. Haben Sie das mit Miroslav Klose gemeinsam entschieden?
Löw: Ich habe zwei Tage vorher mit ihm gesprochen, ihm gesagt: Du bist noch nicht bei 100 Prozent, jetzt müssen wir schauen, dass wir dich da hinbekommen. Der Mario beginnt, das musst du jetzt irgendwie auch mittragen. Er hatte in der Woche vor dem Spiel ein paar Probleme mit dem Rücken, konnte nicht trainieren. Daher war die Entscheidung folgerichtig. Miro weiß auch, dass er ein bisschen mehr tun muss. Er hat zuletzt ein paar zusätzliche Einheiten gemacht. Und jetzt kommt die Spritzigkeit und Dynamik wieder zurück. Ich bin mir sicher, dass wir ihn noch brauchen werden. Er wird für uns noch ganz wichtig werden!
War das einer Ihrer schwersten Entscheidungen? Immerhin hat Klose nun seine Position als Nummer eins eingebüßt.
Löw: Nein, er hat diese Position nicht eingebüßt. Er ist jetzt zwölf Jahre in der Nationalmannschaft und hat über 100 Länderspiele. Und er wird noch einige machen. Denn wenn er fit ist, kann er locker weitere zwei Jahre spielen.
Aber er ist nicht mehr in der Startelf…
Löw: Das würde ich so gar nicht sagen. Im Moment sieht es für Mario besser aus, ja. Aber ich habe großes Vertrauen in beide. Und genau das ist es, was wir brauchen und wo wir besser sind als vor zwei Jahren: Die Bank ist gut besetzt, jeder könnte sofort ohne Probleme spielen.
Wieso haben Sie sich für Mats Hummels statt für Per Mertesacker entschieden?
Löw: Das war auch eine schwere Entscheidung. Per hat sechs, sieben Jahre hervorragende Leistungen vor allem bei den Turnieren gezeigt. Aber vor dem Portugal-Spiel hatte ich irgendwie das Gefühl, wichtig ist der Spielrhythmus der Saison. Gegen so gefährliche Mannschaften, wo es vielleicht nur auf eine Situation im Spiel ankommt. Da dürfen wir keinen Fehler machen! Bei Per wusste man zwei Monate vorher ja gar nicht, ob er überhaupt das Turnier bestreiten könnte. Und Mats kam mit einem gewissen Schwung aus der Saison. Das hat jetzt zwei Spiele gut gegriffen, da gibt es natürlich erst einmal keinen Grund, etwas zu ändern.
Also hat Bastian Schweinsteiger gespielt, weil er Rhythmus hatte?
Löw: Ja, er hatte ja Bundesliga, DFB-Pokal, Champions-League-Halbfinale und Finale. Aber Miro und Per haben kaum gespielt in diesem Jahr.
Jerome Boateng wurde in der Nacht vor der Abreise nach Danzig mit Freunden und einer Dame in einer Berliner Kneipe gesehen. Warum haben Sie ihn trotzdem spielen lassen?
Löw: Weil ich gesehen habe, dass er dem Druck standhält und er sich für seinen Fehler entschuldigt hat. Er bekam ja nicht nur Druck von außen, ich habe ihm ja auch Druck gemacht, intern und im Training. Weil ich es einfach nicht in Ordnung fand, was er gemacht hat. Dass da eine Frau dabei war, das interessiert mich nicht. Aber am Tag bevor wir nach Polen fahren nachts in der Stadt unterwegs zu sein, das geht nicht. Das ist nicht in Ordnung. Und das habe ich ihm auch gesagt. Deswegen hat er jetzt eine gewisse Bringschuld. Die wichtigste Frage nach unserem Einzelgespräch war für mich: Hält er dem Druck stand? Und das hat er mir am Freitag gezeigt.
Haben Sie beim Turnier neue Entwicklungen erkannt? Wo geht der Fußball hin?
Löw: Ich denke, die Tendenz geht dahin, dass gegen uns viele Mannschaften mittlerweile ganz konsequent hinter der Mittellinie stehen. Portugal und Holland attackieren normalerweise immer sehr früh. Gegen uns haben sie sich sofort zurückgezogen. Damit wurden wir aber schon seit 2010 konfrontiert. So spielen die meisten Mannschaften gegen uns.
Was ist Ihnen sonst noch aufgefallen?
Löw: Mannschaften, die technisch stark und ballsicher sind, haben Vorteile. Russland hat beispielsweise gute Ansätze im schnellen technischen Fußball, Spanien, wir oder auch Frankreich.
Wie hat sich Ihre Mannschaft entwickelt?
Löw: Wir sind erwachsener geworden. Wir sind jetzt auch in der Lage, unser Spiel gegen Widerstände durchzusetzen. Und ich habe in der Halbzeit vom Holland-Spiel gesagt: Ihr müsst jetzt den Ball laufen lassen und damit den Gegner totmüde spielen bei der Hitze. Mittlerweile gelingt uns so etwas auch.
Es gibt Trainer, die nach einem Erfolg wie ein EM-Titel sagen: Mehr geht nicht. Ich höre auf. Was machen Sie, wenn der große Triumph gelingen sollte? Ist dann Schluss?
Löw: Dann ist für mich was den Juli betrifft erst einmal Schluss, ja. Dann gehe ich nämlich auf jeden Fall mal ganz entspannt in den Urlaub.
Und was ihre Arbeit als Bundestrainer angeht?
Löw: Ich habe einen Vertrag bis 2014, und das nächste große Ziel ist die WM in Brasilien. Ich lebe aber gerade nur im Jetzt und Hier und schaue auf Dänemark. Zu mehr bin ich nicht in der Lage.
Sie stehen gerade enorm unter Druck - und haben vor kurzem das Rauchen aufgegeben. Ist die Versuchung gerade besonders groß?
Löw: Wenn sie mich nicht daran erinnert hätten, hätte ich nicht mehr daran gedacht. Aber ich kann Sie beruhigen: Ich bin gerade ganz weit weg vom Rauchen.
EURO Show: Niederlande in der Klemme
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