Die Lehren:
Angeführt von einem bärenstarken Andrea Pirlo beherrschte Italien den Gegner über weite Strecken der Partie. England zog sich tief zurück und mauerte sich mit zwei Vierketten im eigenen Strafraum ein.
Trotz Geduld und zahlreicher guter Chancen gelang es der “Squadra Azzurra“ nicht, ihr spielerisches Übergewicht in Tore umzumünzen. Auch ein Plus an Ballbesitz und Torschüssen änderte daran nichts.
England spielte so, wie man es einst von Italien gewohnt war. In bester "Catenaccio"-Manier igelte sich die Mannschaft ein und lauerte auf Konter. Durch den Ausfall von Frank Lampard fehlte es den Männern von der Insel aber an der kreativen Durchschlagskraft, um für Entlastung zu sorgen.
Für England setzte sich ein Trauma fort: Zum sechsten Mal in den vergangenen 22 Jahren bei einer Welt- oder Europameisterschaft scheiterten die Insel-Kicker nach Elfmeterschießen. Nur bei der Heim-EM 1996 kamen die "Three Lions" einmal weiter.
Sechs Jahre nach dem Sieg in der Verlängerung bei der WM 2006 stehen sich Italien und Deutschland damit wieder in einem Halbfinale gegenüber. Während sich die DFB-Elf den Gegner von der Couch aus anschauen konnte, mussten die Italiener über 120 Minuten gehen und ließen dabei Kräfte.
Die Stimmen:
Cesare Prandelli (Trainer Italien): "Wir haben ein großartiges Spiel hingelegt und den Sieg gegen eine großartige Mannschaft verdient. Wir hatten viele Chancen und viel Glück, das braucht man im Elfmeterschießen, und sind verdient als Sieger vom Platz gegangen. Wir haben gezeigt, was wir können und werden den Sieg genießen, dann erst denken wir an Deutschland."
Steven Gerrard (England): "Wir haben heute wirklich geglaubt, das nötige Quäntchen Glück auch mal auf unserer Seite zu haben. Dem war nicht so, darum Glückwunsch an Italien. Jeder von uns hat heute Alles gegeben und die Taktik umgesetzt. Es ist schwer zu sagen, warum es nicht gereicht hat."
Alessandro Diamanti (Italien): "Das Halbfinale gegen Deutschland wird ein großes Spiel, und darauf müssen wir uns vorbereiten. Sie haben bisher von allen Mannschaften am besten gespielt bei dieser EURO, aber wir werden Alles geben."
Die Höhepunkte:
3. Pfosten! Was für ein Auftakt: Marchisio legt von der Grundlinie zurück auf De Rossi, der den Ball über den Schlappen rutschen lässt und nur knapp am Aluminium scheitert! Technisch ganz stark gemacht!
5. Klasse diese Anfangsphase! Am Fünfer fällt Johnson der Ball vor die Füße, mit rechts schießt er - aber Buffon rettet mit einem Wahnsinns-Reflex!
14. Gute Flanke von Johnson in den Lauf von Rooney, der den Flugkopfball aus wenigen Metern deutlich über das Tor setzt. Da wäre mehr drin gewesen.
32. Doppelpass von Rooney und Welbeck, aber der Youngster entscheidet sich für den Schieber und gegen den Vollspann! Schade, mit einem Geschoss aus rund 15 Metern hätte er Buffon wahrlich prüfen können. So geht sein Kunstschuss über die Querlatte.
41. Wieder ist ein Sahnepass von Pirlo der Ausgangspunkt, Marchisio lässt per Kopf auf Balotelli abtropfen. Der ist im Fünfer von zwei Engländern umringt und kann den Ball nicht im Tor unterbringen.
48. Hart boxt Pirlos Eckstoß aus dem 16er auf Marchisio, der das Spielgerät per Kopf postwendend zurückschickt. Die Engländer schlafen und De Rossi kommt zum Abschluss, vollbringt aber das Kunststück, das Tor aus kürzester Distanz zu verfehlen!
77. Rooney spielt auch noch mit! Der Angreifer lässt Gerrards Freistoß aus dem Halbfeld über den Scheitel ziehen, aber Buffon ist hellwach und pariert.
90.+3 Young nimmt Cole mit, dessen Flanke kann der baumlange Carroll auf Rooney ablegen. Der steht mit dem Rücken zum Tor und schließt artistisch per Fallrückzieher ab, zielt aber eine Etage zu hoch und lässt so die Chance zum Last-Minute-Sieg liegen.
101. Diamantis Flanke ist für Nocerino gedacht, wird aber lang und länger und klatscht schließlich an den rechten Pfosten. Glück für Hart, der sich zwar streckte, aber geschlagen gewesen wäre.
Elfmeterschießen 2:3 Cole entscheidet sich für dieselbe Ecke wie im Champions-League-Finale - doch Buffon hält die Kugel fest.
Elfmeterschießen 2:4 Diamanti schiebt ganz lässig ein und schießt Italien damit ins Viertelfinale!
Der Kracher: Andrea Pirlo
Der Lenker und Denker des italienischen Spiels war wieder einmal der beste Spieler auf dem Platz. Trotz seiner 33 Jahre kurbelte er das Spiel unermüdlich an, suchte immer wieder den tödlichen Pass in die Spitze und war an allen gefährlichen Aktionen beteiligt. Höhepunkt war sein Elfmeter, den er wie einst Zinedine Zidane ganz abgezockt in die Mitte chippte.
Im Abseits: De Rossis linker Unterarm
Beim Trikot des Mittelfeld-Abräumers drängte sich eine Frage auf: Warum trägt er rechts kurz- und links langarm? Hintergrund ist eine Tätowierung auf dem linken Unterarm, die er sich aus Liebe zu seiner Tochter stechen ließ. Dort lachen ihn ihre Lieblings-Fernsehhelden an, die Teletubbies. Auf dem Rasen bedeckt er das Tattoo, um nicht ins Fadenkreuz spöttischer Gegenspieler zu geraten.
Die Statistik: 80, 90, 2012?
Nur bei der EM 1980 und der WM 1990 war es vor diesem Turnier zum Duell England gegen Italien gekommen. Der lachende Sieger war Deutschland, der von beiden Turnieren den Titel mit nach Hause nahm. Ein gutes Omen, das der DFB-Elf Mut machen wird.
DIE ZAHLEN ZUM SPIEL:

TV-Tipp:
Die EURO 2012 Show - die EM-Expertenrunde mit Patrick Kluivert, Thomas Berthold, Fredi Bobic, Rafa Benitez und Arsène Wenger analysiert vom 7. Juni bis 2. Juli immer um 20:00 Uhr LIVE die Geschehnisse in Polen und der Ukraine.

