Deutschland trifft in der WM-Qualifikation auf Irland und Schweden. Welche Mannschaft ist der schwerere Gegner?
Horst Hrubesch: Schweden spielt systemgeprägt und körperlich robust. Zudem haben sie mit Zlatan Ibrahimovic einen zentralen Stürmer, der die Mannschaft mit seiner Art und Weise prägt. Bei Irland muss Deutschland auf die Zähne beißen, weil die Spieler bis zur letzten Minute alles geben. Schweden und Irland sind nicht einfach zu spielen, aber beides sind lösbare Aufgaben.
Auf Grund einer Gelbsperre fehlt Philipp Lahm gegen Irland. Zudem plagen Löw viele Verletzungssorgen. Bleibt die Abwehr die wichtigste Baustelle im DFB-Team?
Hrubesch: Die Spiele gewinnt man grundsätzlich hinten, wenn man zu Null spielt. Wenn man dann noch nach vorne die entscheidenden Offensivakzente setzen kann, dann müsste Deutschland die beiden Spiele für sich entscheiden.
Wie schwer wiegt der Ausfall von Mats Hummels?
Hrubesch: Hummels fehlt der Mannschaft. Aber dann kann beispielsweise ein Per Mertesacker in die Innenverteidigung rücken. Wir brauchen nicht über die Alternativen und die Qualitäten von Per diskutieren. Er hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er diese Position spielen kann und ich denke auch, dass er wieder 100 Prozent fit ist. Die deutsche Mannschaft ist generell in der Lage, alle Spieler eins-zu-eins zu ersetzen.
Marcel Schmelzer schwächelte zuletzt gegen Österreich. Sehen Sie auf der linken Position Nachholbedarf?
Hrubesch: Man sollte die Beurteilung nicht von ein, zwei Spielen abhängig machen, die Schmelzer gemacht hat. Er braucht eine gewisse Sicherheit und ist einer, der sich immer wieder selber unter Druck setzt. Ich kenne ihn ja noch aus meiner Zeit bei der U21-Nationalmannschaft. Schmelzer hinterfragt sich selbst und will immer nur das Beste. Ich denke, er muss ein bisschen abgeklärter und ruhiger werden. Ich denke schon, dass Schmelzer auf dieser Position spielen kann.
Uli Hoeneß forderte zuletzt "mehr Druck" vom Bundestrainer. Ist die Kritik an Joachim Löw berechtigt?
Hrubesch: Die Nationalmannschaft ist natürlich das Lieblingskind der Nation. Das immer wieder Äußerungen kommen - wenn's mal nicht so rund läuft - ist klar. Aber unsere Jungs und Joachim Löw haben nachgewiesen, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Man muss auch mal ein oder zwei schlechtere Leistungen akzeptieren, zumal das Team ja dennoch beide Begegnungen zum Quali-Start gewonnen hat. Das DFB-Team hat so viel Potenzial, dass die Mannschaft gemeinsam mit Löw wieder ins richtige Fahrwasser kommt.
In Ihrer aktiven Zeit war Fußball für Sie auch Kampfsport. Haben sich die Zeiten mittlerweile geändert?
Hrubesch: Wenn ich mir die jungen Spieler anschaue, die hier im Jugendcamp in Duisburg spielen, dann bin ich heilfroh, mit welchem Engagement und mit welcher Mentalität die Jungs auftreten. Das ist schon faszinierend. Ich glaube, das macht den Fußball aus. Man muss bereit sein, über 90 Minuten alles zu geben. Hinzu kommt, dass man seine individuellen Fähigkeiten ins Spiel bringt. Und das ist es, was gute Mannschaften auszeichnet. Wir haben das Potenzial. Da sehe ich auch kein Problem in der Nationalmannschaft.
Aber nach dem Italien-Spiel kam Kritik auf...
Hrubesch: Vor diesem Spiel waren alle am Jubeln und zufrieden. Und dann reden wir von einem Spiel, was in die Hose gegangen ist. Ich habe 1982 eine Weltmeisterschaft gespielt, da haben alle nur rumgemault. Dann waren wir auf einmal im Finale, wo uns die Luft ausgegangen ist. Das war viel schlimmer. Man sollte nicht alles so hochkochen. Das hat es früher schon gegeben und das gibt es heute auch. Trotzdem wäre es natürlich wichtig für uns, irgendwann wieder in ein Endspiel zu kommen und einen Titel zu gewinnen. Denn letztendlich wird man an den Titeln gemessen.
Das EM-Halbfinale liegt drei Monate zurück. Ärgern Sie sich noch über diese Niederlage?
Hrubesch: Natürlich, denn ich bin auch davon ausgegangen, dass wir eine wirklich gute Chance haben. Die hatten wir auch, aber wir haben sie nicht genutzt. Das muss man eindeutig sagen. Man muss dann aber akzeptieren, dass die Italiener ins Finale gekommen sind. Bayern München wird auch nicht jedes Jahr Deutscher Meister.
Bei der EM fehlte ein echter Leitwolf. Hat das DFB-Team überhaupt die nötigen Charaktere, um eine Mannschaft zu führen?
Hrubesch: Auf der einen Seite war das Problem, dass Bastian Schweinsteiger angeschlagen war. Auf der anderen Seite denke ich, dass auch weitere Spieler Verantwortung übernehmen können. Das könnte Sami Khedira sein, der bei uns in der U21-Nationalmannschaft bereits bewiesen hat, dass er diese Aufgabe übernehmen kann. Khedira ist normalerweise für diese Position prädestiniert. Er muss nicht die Binde haben, um in der Mannschaft etwas bewegen zu können. Er wird es auch so tun. Man muss froh sein, wenn man zwei, drei Leute mit dieser Persönlichkeit hat.
Mit der Rückkehr von Bastian Schweinsteiger kehrt mehr Sicherheit ins defensive Mittelfeld zurück. Wie wichtig ist der Bayern-Profi für die Nationalmannschaft?
Hrubesch: Sicherlich hat Schweinsteiger über Jahre gute Leistungen gebracht. Er hat im Jugendbereich bereits im defensiven Mittelfeld gespielt und sich auf dieser Position festgesetzt, weil er ein Spiel lesen kann. Andererseits ist er in der Lage, mit einem Pass das Spiel schnell zu machen. Natürlich ist so ein Mann wichtig, aber die Kombination ist entscheidend. Darauf wird es ankommen, denn Schweinsteiger wird es alleine nicht richten können.
Bundestrainer Joachim Löw hat einen großen Kader, um alle Positionen gleichwertig zu besetzen...
Hrubesch: Richtig. Wir haben genügend Spieler, um viele Positionen variabel zu gestalten. Wir haben schnelle Spieler, die technisch sehr gut sind und eine Idee haben. Da fallen mir spontan Mesut Özil und Marco Reus ein. Selbst Miroslav Klose mit seinem gesunden Alter hat gezeigt, dass er seit zehn Jahren die optimale Besetzung in der Sturmspitze ist. Dann haben wir noch Mario Gomez. Worüber reden wir? Es wird entscheidend sein, wie Joachim Löw die Puzzleteile zusammensetzt. Wir müssen uns keine Gedanken machen, wer spielt. Die anderen müssen sich Gedanken machen, wie sie uns schlagen können.
Die Stürmerfrage ist neben den Problemzonen in der Abwehr eines der weiteren Themen. Was kommt nach Miroslav Klose und Mario Gomez?
Hrubesch: Das ist kein Problem, denn es kommen viele gute Spieler aus der Jugend nach. Die Frage ist nur, wie sie in den Vereinen nach vorne gebracht werden? Welches System wird künftig gespielt? Es wird teilweise mit nur einem Stürmer gespielt. Einige andere Trainer bevorzugen zwei Stürmer. Es ist immer abhängig, wie die Spieler durchkommen. Talente haben wir genügend.
Mit Manuel Neuer, Mesut Özil, Sami Khedira und Toni Kroos hatten Sie viele Nationalspieler bereits unter Ihren Fittichen. Wo liegen die Stärken und Schwächen dieser Spieler?
Hrubesch: In erster Linie sind wir Wegbegleiter. Wir können diesen Spielern nur helfen und sind dazu da, diesen jungen Leuten zu dienen. Letztendlich liegt die Entscheidung, ob sie oben ankommen, in ihren eigenen Händen. Die Frage ist, ob sie Typen sind und diesen Weg gehen wollen. Sie müssen bereit sein, alles dafür zu tun. Neuer, Özil, Khedira, Kroos und die anderen Jungs sind alles Typen, die genau wissen, wo sie hinwollen. Sie haben den großen Vorteil, dass sie mit José Mourinho, Jupp Heynckes oder Jürgen Klopp die richtigen Trainer bei ihren Vereinen haben. Der Tisch ist angerichtet und alle Spieler, die ihren Weg gehen wollen, auf etwas verzichten wollen und sich durchbeißen können, werden auch bestehen.
Bis zur WM 2014 ist es noch ein langer Weg. Kann Löw das deutsche Team so weit nach vorne bringen, dass es in zwei Jahren überhaupt um den Titel mitspielen kann?
Hrubesch: Was gibt es Schöneres, als in Brasilien um den Titel zu spielen? Mit diesem Ziel vor Augen muss man die Spieler eigentlich nicht motivieren. Und ich glaube, dass unsere Mannschaft dieses Ziel hat. Man muss sich immer Ziele setzen. Ob man den Titel erreicht oder nicht - der Weg ist klar. Zuerst die WM-Qualifikation, dann das Turnier in Brasilien und vielleicht das Finale. Es sind immer viele Schritte. Und dann muss man halt auch den letzten Schritt machen.
VIDEO - WM-Quali: DFB-Team mit Respekt vor Irland
TV-Tipp:
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