Ein kurzer Antritt, ein Pass, dann der Griff an den Oberschenkel.
Jupp Heynckes spricht nicht gerne über die Szene vom Sonntag, in der er sich gleich in der ersten Einheit einen Muskelfaserriss zuzog, weil sie in seinen Augen ein Zeichen von Schwäche bedeutet.
Doch das wirft den 67-Jährigen nicht zurück. Im Gegenteil: Der Trainer des FC Bayern beißt auf die Zähne, demonstriert Stärke, blüht dadurch im Trainingslager im Trentino auf und geht vorbildlich an seine Grenzen. "Es ist schon besser", sagte er zwei Tage später und lächelte die Blessur weg.
Wer den Altmeister dieser Tage auf dem Platz in Arco sieht, erlebt einen völlig neuen Jupp Heynckes.
In der vergangenen Saison fungierte er mehr als Beobachter, stand oft weiter weg und ließ viel Arbeit von seinem "Co" Peter Hermann übernehmen. Das ist nun anders. Heynckes unterbricht oft, spricht permanent, kontrolliert und machte bis Sonntag eben auch mal eine Übung vor. Beim Trainingsspiel am Mittwochmorgen befand er sich mitten im Geschehen auf dem Feld, gestikulierte, animierte, klatschte in die Hände.
Im Sommer 2013 läuft sein Vertrag aus, es ist davon auszugehen, dass der Fußballlehrer dann in Ruhestand geht. Auch wenn Präsident Uli Hoeneß zuletzt betonte: "Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen."
Das Feuer lodert noch
Fakt ist: Das Feuer lodert noch in Heynckes, sein Ego ist noch nicht satt und es scheint, als wolle auch er - nach dem unglücklichen Ende der vergangenen Saison mit drei zweiten Plätzen - es allen beweisen, dass er noch Titel gewinnen kann.
Die Rückendeckung des neuen Sport-Vorstands Matthias Sammer ist ihm dabei sicher. Der neue starke Mann beim deutschen Rekordmeister schwärmt in höchsten Tönen von Heynckes. "Der Trainer ist die wichtigste Person, dem muss man den Rücken frei halten", sagte er. Ihr Verhältnis sei "überragend. Die Zusammenarbeit macht mir eine große Freude. Ich habe eine Persönlichkeit kennen und schätzen gelernt. Die Basis ist wunderbar."
Sammer habe Heynckes sogar schon gefragt, ob es eventuell "zu gut" laufen würde, ergänzte er mit einem Schmunzeln. Auch der Coach schätzt die Gespräche mit seinem Vorgesetzten. Was genau zwischen ihnen besprochen wird, möchte er nicht verraten.
"Wir tauschen uns aus über Fußball, über das alltägliche Geschehen auf dem Trainingsplatz, das, was uns bewegt. Matthias ist ein interessanter Gesprächspartner, er war ein großer Fußballspieler und liegt mit mir auf einer Wellenlänge", hob er lobend hervor.
Was passiert bei "Reibung" mit Sammer?
Allerdings ist das immer noch die Beschnupperungsphase. Sammer hat angekündigt, auch mal "Reibung" erzeugen zu wollen. Es bleibt abzuwarten, ob sich alle Beteiligten dann weiterhin gut verstehen. Fest steht jedoch, dass der Bereich des Trainers dessen Bereich bleibt. In Taktik und Aufstellung wolle Sammer ihm "nicht reinreden".
Das würde der erfahrene Heynckes wohl auch nicht zulassen. Zum Thema Sammer fügte er noch an: "Man muss erst noch eine längere Zeit zusammen arbeiten. Die interessante Zeit kommt erst dann, wenn die Saison beginnt oder dann nächste Woche, wenn die deutschen Nationalspieler ins Training einsteigen, wenn wir die nächste Phase der Vorbereitung beginnen."
Bis dahin hält die "Beschnupperungsphase" noch an. Bis zum Saisonstart konzentriert sich Heynckes voll darauf, das Team wieder "wettbewerbsfähig" zu machen. "Es ist wichtig, dass sich zum Start die Stammelf herauskristallisiert und Automatismen zu sehen sind", weiß er.
Der Ehrgeiz hat ihn weiterhin fest im Griff. Und Spekulationen um einen Rücktritt sind aktuell so weit weg wie Gerüchte um Pep Guardiola.
Video - Sammer spricht Klartext
TV-Tipp:
Die Bundesliga im Fernen Osten: Der FC Bayern München im Testspiel gegen den VfL Wolfsburg. Am 26. Juli um 14 Uhr aus dem Tianhe Stadium im chinesischen Guangzhou. LIVE auf Eurosport 2 und im Eurosport Player.

