Das Interview führte Michael Wollny
(Twitter: @Michael_Wollny)
Hallo Herr Hecking, bei Ihnen war aber ganz schön lange besetzt. Haben Sie noch Transfer-Geschäfte abgewickelt?
Dieter Hecking: (lacht) Nein, nein, das ist meine Bürozeit. Ich bin gerade auf dem Weg von Hannover nach Nürnberg und das sind einige Stunden Autofahrt. Da lege ich mir immer einige Anfragen rein, dann habe ich unter der Woche etwas mehr Ruhe.
Die Ruhe vor dem Sturm ist wie jedes Jahr die Saisonvorbereitung. Das Trainingslager steht noch an, fünf Testspiele sind aber schon absolviert. Wie ist der aktuelle Leistungsstand?
Hecking: Wir haben bisher nur an den Grundlagen gearbeitet. Wir haben ja eine sehr lange Vorbereitung mit dem ganzen Kader, da nur ein Spieler bei der EM war. In diesen acht Wochen müssen wir jetzt irgendwie den richtigen Spannungsbogen erwischen, um zu den ersten Spielen mental und körperlich voll da zu sein. Eigentlich geht es erst jetzt so richtig los mit dem Feinschliff.
Wie erwischt man denn den Spannungsbogen richtig?
Hecking: Tja, das ist auch für mich eine neue Situation. Acht Wochen Vorbereitung hatte ich auch noch nie. Es war wichtig, dass wir jetzt noch mal eine Pause hatten, in der die Spieler zu Hause waren, um ein paar Tage mal etwas anderes machen zu können und damit keine Langeweile aufkommt. Diesen Mix zwischen Belastung und Freiräumen müssen wir jetzt auch in den nächsten fünfeinhalb Wochen hinbekommen.
Mit Dominic Maroh und Philipp Wollscheid hat Ihre Innenverteidigung den Klub verlassen. Sie schwärmen von Marcos Antonio. Was zeichnet den Neuzugang aus?
Hecking: Es ist ein Unterschied, ob man schwärmt oder überzeugt ist. Ich bin von ihm überzeugt. Er strahlt Ruhe aus, hat eine gute Spieleröffnung und ist körperlich präsent. Wenn er das in der Bundesliga bringen kann, dann ist das ein ordentlicher Transfer gewesen. Aber er muss das in der Bundesliga beweisen, nicht nur in den Vorbereitungsspielen.
Und wer wird neben ihm im Zentrum verteidigen?
Hecking: Wir haben mit Tim Klose und Per Nilsson zwei Spieler, die zuletzt viel Pech gehabt haben. Da wird es zu einem Zweikampf kommen. Vielleicht rutscht da auch Marcos Antonio selbst mit rein, denn zu sicher darf er sich auch nicht sein. Die anderen beiden legen sich mächtig ins Zeug. Man muss also abwarten, wer letztlich in der Innenverteidigung aufläuft.
Wie schnell wird Hiroshi Kiyotake in die Rolle des kreativen Spielmachers schlüpfen können? Oder haben Sie mit ihm andere Pläne?
Hecking: Hiroshi ist ein Spieler, der eigentlich alle Offensivpositionen besetzen kann. Er ist also nicht zwingend an die Zehner-Position gebunden. Wir müssen jetzt einfach sehen, wie weit Japan bei den Olympischen Spielen kommt – und sie können weit kommen. Dementsprechend kann es sein, dass er erst am 14. August in Nürnberg aufschlägt. Da muss man bei der Eingewöhnungszeit also etwas Geduld mitbringen.
Für welche Positionen sondiert der "Club" noch den Transfermarkt?
Hecking: Im Moment für gar keine.
Sie sind mit dem bestehenden Kader also ausreichend zufrieden?
Hecking: Absolut, ja.
Für das Team gibt es jetzt am Samstag im Abschiedsspiel von Marek Mintal gegen Meister Borussia Dortmund den ersten echten Härtetest. Wie ist da das Verhältnis zwischen Show und tatsächlichem Erkenntnisgewinn?
Hecking: Genau das ist der schmale Grat, den wir hinbekommen müssen. Ich glaube nicht, dass es ein typisches Abschiedsspiel wird und am Ende ein 5:5 als Ergebnis steht. Es wird ein ernst zu nehmender Test, als diesen wollen beide Trainer das Spiel auch sehen. Es soll eben nicht nur Show sein, das will der Marek auch gar nicht, denn dafür ist er gar nicht der Typ. Aber wir wollen dem Ganzen dennoch gerecht werden.
Alle paar Jahre löst ein neues taktisches System das etablierte ab. Aktuell setzen auch Sie auf ein 4-2-3-1 als Grundformation. Glauben Sie, dass sich daran absehbar etwas ändern wird, eventuell eine Rückkehr zum 2-Mann-Sturm?
Hecking: Das 4-2-3-1 ist momentan einfach ein bewährtes System. Aber auch da wird im taktischen Bereich immer mal wieder dran gefeilt, wenn sich beispielsweise ein Sechser zwischen die Innenverteidiger fallen lässt und eine Dreierkette bildet oder die Außenverteidiger höher stehen. Aber wir Trainer sind da auch gefordert Variationen zu finden, um dann doch mal wieder etwas Überraschendes zu machen. Denn wenn alle immer das Gleiche spielen, dann wird es zum taktischen Einheitsbrei und sehr ausrechenbar.
Eine Frage zum jüngsten Sicherheitsgipfel in Berlin. Dort wurden für Fans Beschlüsse gefasst, ohne dass Fan-Vertreter am Tisch saßen. Nürnberg hat eine sehr lebendige Fanszene. Wie bewerten Sie die aktuelle Diskussion?
Hecking: Es ist schade, dass diese Diskussion überhaupt wieder geführt werden muss. Da hat ein kleiner Teil der Fans auch dazu beigetragen, dass so ein Gipfel überhaupt nötig ist. Da sind die Fangruppierungen in der Pflicht, mögliche Störer in ihrem Umfeld ausfindig zu machen und denen Einhalt zu gebieten. Wenn sich jetzt die Politik einschaltet und den Vereinen verschärfte Maßnahmen auferlegt, dann wird das kritisch. Denn da gibt es dann immer auch eine Gegenreaktion und somit Konfrontationen.
Sie haben das Saisonziel für den Club schon ausgegeben: Klassenerhalt. Ist es unrealistisch, die Latte höher zu legen?
Hecking: Wir machen das ja. Wenn wir sagen, dass wir so schnell wie möglich 40 Punkte haben wollen, dann war das in den letzten Jahren am Ende immer ein gesicherter Mittelfeldplatz. Aber wenn man sieht, welche Möglichkeiten andere Vereine haben, dann besteht da im Vergleich zu Nürnberg, Freiburg, Mainz, Fürth, Düsseldorf oder Augsburg eben ein Unterschied. Das muss nicht immer besser sein. Deshalb besteht genau darin die Herausforderung, mit deutlich geringeren Mitteln mal Sechster oder Zehnter zu werden. Aber dauerhaft braucht man dafür auch viel Glück und Selbstvertrauen. Und hier kann man als 1. FC Nürnberg keine Garantie abgeben. Für Nürnberg ist es das Ziel der kleinen Schritte, sich dauerhaft in der Bundesliga zu etablieren.
Zuletzt hat sich in der Bundesliga das Kräfteverhältnis etwas verschoben. Dortmund räumt die Titel ab, Gladbach qualifiziert sich eventuell für die Königsklasse und hat jetzt massiv aufgerüstet. Bremen und Hamburg hatten große Probleme mit Anspruch und Wirklichkeit. Hannover hat sich erneut für die Europa League qualifiziert. Ist das eine Momentaufnahme, oder ordnet sich die Bundesliga neu?
Hecking: Ich glaube tatsächlich, dass gerade eine Neuordnung stattfindet. Bremen und Hamburg fehlen die Einnahmen durch die Europapokal-Teilnahme, trotzdem hatten sie einen teuren Kader. Da muss man jetzt Kosten reduzieren. Ähnliches gilt für den VfB Stuttgart, die das letztes Jahr durch eine klasse Rückrunde fantastisch hinbekommen haben. Wenn dann Hannover das zweite Jahr hintereinander die Europa League schafft, Schalke Champions League spielt und Dortmund als Meister dabei ist, dann ordnet sich da etwas neu, auch wirtschaftlich. Andere fallen hinten runter und müssen wieder neu aufbauen. Ob das von Dauer ist, müssen diese Vereine jetzt beweisen.
Wie Gladbach. Ist die Borussia auf dem Weg zurück zu neuem Glanz?
Hecking: Gladbach hat im letzten Jahr eine fantastische Saison erwischt. Max Eberl hat den Anspruch jetzt treffend formuliert: wenn man besser als Platz 8 ist, dann ist das schon hervorragend. Damit nimmt er auch den Druck aus dem Kessel, das ist in Gladbach trotz der Millionentransfers jetzt auch wichtig. Denn die neuen Spieler müssen auch erst mal das Niveau erreichen, das die Borussia in der vergangenen Saison gehabt hat.
Und wer wird Meister?
Hecking: Das haben mich jetzt schon viele gefragt. Ich musste mich dann also doch irgendwann mal festlegen. Es gibt ja eigentlich nur die beiden, denen man es zutraut. Deshalb habe ich gesagt, dass es Dortmund wieder schafft.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
TV-Tipp:
Die Bundesliga im Fernen Osten: Der FC Bayern München im Testspiel gegen den VfL Wolfsburg. Am 26. Juli um 14 Uhr aus dem Tianhe Stadium im chinesischen Guangzhou. LIVE auf Eurosport 2 und im Eurosport Player.
