Als Bundestrainer Joachim Löw zu Ihnen sagte, dass Sie gegen Griechenland nicht spielen würden – wie war Ihre Reaktion?
Mario Gomez: Es ist doch keine Frage, dass man enttäuscht ist. Das hält ein, zwei Stunden, dann sagt man sich: Es war die letzten fünf, sechs Jahre schon so, dass Miroslav Klose gerade bei Turnieren die erste Rolle gespielt hat. Ich war und bin froh, erst einmal einen wichtigen Teil des Turniers absolviert zu haben. Ich habe es immer gesagt, es wird nur nie richtig geglaubt: Zwischen Miro und mir gibt es keine Rivalität. Wir sind beide Top-Stürmer, können beide spielen. Diesen Wettbewerb wird es geben, solange wir in einer Mannschaft sind. In den ersten drei Spielen hat der Trainer sich für mich entschieden, im vierten für Miro. Also hat er alles richtig gemacht. Das Wichtigste ist, dass wir nach Kiew zum Finale fahren.
Wie hat der Trainer den Wechsel Ihnen gegenüber begründet?
Gomez: So, wie er es auch öffentlich gesagt hat. Dass die Spiele der Vorrunde kräftezehrend waren und er für die Offensive Spieler braucht, deren Akku zu 100 Prozent geladen ist.
Versucht man dagegen zu argumentieren? Dass man sich fit fühlt, einen Lauf hat?
Gomez: Das wusste der Trainer. Er hat auch gesagt, dass es ihm schwergefallen ist. Das muss man akzeptieren. Und so schwer das in dem Moment fällt, muss ich mir vor Augen führen: Bei der WM vor zwei Jahren, da war ich noch Nummer 17, 18 oder 19 und habe mich für die Spieler gefreut, die spielen durften. Letztendlich lebt eine Mannschaft auch davon. Ist man erfolgreich und es partizipieren mehr als elf Spieler, ist es doch traumhaft. Es ist für mich kein Rückschritt, kein Weltuntergang. Und ich habe die Hoffnung, dass ich noch einmal spielen darf.
Das hängt bei Joachim Löw auch stark vom Gegner ab, wen er einsetzt. Wie ist Ihr Gefühl?
Gomez: Ich glaube nicht, dass eine Entscheidung schon gefallen ist.
War es wichtig, dass Sie gegen Griechenland die letzten zehn Minuten noch spielen durften?
Gomez: Es hat nichts an meiner Gemütslage geändert. Mit dem Tor zum 4:1 waren wir einfach nur glücklich, im Halbfinale zu sein.
Welchen Eindruck hatten Sie von Italien?
Gomez: Italien war aktiver, hätte das Spiel schon früher entscheiden müssen und ist hochverdient weitergekommen. Es hat mich am Fernseher an unser Spiel mit den Bayern gegen Chelsea erinnert. So war diesmal England ein Gegner, der nur noch verteidigte und vom Spiel nichts mehr wissen wollte.
Italien spielt mit zwei Spitzen, mit Balotelli und Cassano...
Gomez: Ich habe diese Mannschaft vor dem Turnier hoch eingeschätzt, weil sie nicht mehr das typische Italien ist, das nur verteidigt. Pirlo im Mittelfeld ist nach wie vor überragend, er gibt den Takt vor, die beiden Stürmer sind gefährlich – aber ich glaube, unsere Defensive wird diese beiden in Schach halten.
Erleben die Mittelstürmer eine Renaissance bei diesem Turnier?
Gomez: Ich habe das Gefühl, es wird immer nur mit mir über dieses Thema gesprochen. Ich weiß, was ich kann und dass ich der Mannschaft helfen kann. Ob es dann in zehn Jahren noch einen Mittelstürmer gibt, ist mir vollkommen schnuppe.
Haben Sie den Eindruck, dass es für Stürmer immer schwerer wird?
Gomez: Bei einem Turnier wie diesem spielst du gegen die besten Verteidiger der Welt, hast meist zwei Gegenspieler und stehst mit dem Rücken zu ihnen. Dadurch, dass ich eine gute Saison hinter mir und in der Champions League oft getroffen habe, sind die Gegner noch extra motiviert. Wie Pepe von Real Madrid, den ich mit Bayern rausgekickt habe, und der nun mit Portugal wieder gegen mich gespielt hat. Es ist nicht einfach, aber nach wie vor das Schönste, Stürmer zu sein.
Vor einem Jahr, als Sie oft trafen und Miroslav Klose verletzt war, hat Löw gesagt, Deutschland könne auch mit zwei Spitzen agieren. Davon hat man lange nichts gehört. Ist das noch ein Modell?
Gomez: Ja, aber es wurde noch nicht gebraucht. Es gab keinen Grund, unsere taktische Ausrichtung zu ändern. Es passt ja alles.
Es gibt Fan-Umfragen, wonach Miroslav Klose spielen soll.
Gomez: Das ist doch menschlich. Wenn zwei zur Auswahl stehen, hat jeder den einen, der ihm besser gefällt. Es ist das Los des Leistungssportlers, damit klarzukommen. Damit setze ich mich auseinander, seit ich 18 bin. Man lernt mit der Zeit auch, die Dinge einzuschätzen, und man weiß, dass das, was man geleistet hat, schnell nichts mehr zählt, weil man sich immer neu beweisen muss. Und vor dem ersten Spiel war es noch so, dass ganz Deutschland davon ausging, dass Miro spielt – dann hat der Bundestrainer mich aufgestellt. Er hat bewiesen, dass er seinen eigenen Kopf hat. Das zeichnet ihn aus, damit hat er Erfolg seit Jahren, davon wird er auch nicht abweichen – unabhängig von der öffentlichen Meinung.
Löw hat am Freitag wirklich alle überrascht, nicht nur mit der Entscheidung, Ihnen Klose vorzuziehen, sondern auch damit, Reus und Schürrle für Müller und Podolski zu bringen.
Gomez: Marco Reus hat die ganze Vorrunde nicht gespielt, dann aber überragend gegen Griechenland. Das zeigt doch, dass der Trainer in einer unheimlich schönen Situation ist. Und das zeigt die Mentalität in unserer Mannschaft. Ich habe Spanien gegen Frankreich gesehen, bei den Ein- und Auswechslungen hat man den Gesichtern angesehen, was da gerade abgeht im Team. Das ist bei uns nicht zu sehen. Miro und ich sind doch das beste Beispiel: Da stellt jeder sein Ego in den Dienst der Mannschaft, und bei anderen ist es auch so. Andere Teams haben nicht diese Struktur wie wir mit einem gewachsenen Kern und talentierten Spielern, die dazugekommen sind. Andere haben viele Superstars, die alle viel erlebt haben und ihre eigenen Interessen nicht zurückstellen können. Die Trainer haben sich bei der Nominierung sicher auch gedacht: Was sind wir für Typen?
Hat die "Maulwurf"-Affäre auf den Teamgeist gedrückt?
Gomez: Das Lustige ist, dass die Zeitungen, die die Aufstellung exklusiv bekommen von jemandem, nun versuchen, den Maulwurf zu finden.
Wenn wir beim Thema Medien sind: Haben Sie noch was von Ihrem Kritiker Mehmet Scholl gehört?
Gomez: Nein. Die Sache ist längst vorbei. Für uns beide.
Wie reagieren Sie auf Marco Reus, der in der Pressekonferenz sagte, er habe die schönere Frisur als Sie?
Gomez: Ich habe gelacht. Er hat es mir selber erzählt. Schön – es zeugt von seinem Selbstbewusstsein.
Reus sagt auch: "Der Titel führt nur über uns."
Gomez: Das ist keine vermessene Aussage, denn die ganze Welt sagt, dass es über Deutschland und Spanien geht. Warum soll man es nicht sagen? Wir haben schon einen guten Weg zurückgelegt.
Wann ist die EM für Sie ein Erfolg?
Gomez: Wenn wir als Mannschaft nach dem Turnier sagen können, dass wir alles für den Erfolg getan haben, und wenn es dann nicht der Titel geworden ist, war es Pech. Und sollte es so sein, dass wir Europameister werden – wunderbar.
Wie muss es laufen, dass es auch für Mario Gomez ein ganz persönlicher Erfolg ist?
Gomez: Ich bin mit mir völlig im Reinen. Wenn ich spielen darf, versuche ich, gute Spiele zu liefern. Das ist alles.
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