"Nachwuchs wäre mal nett", sagte die Olympia-Zweite und bog sich vor Lachen: "Das Kind kommt dann mit Speer auf die Welt." Ihr Lebensgefährte Boris Henry, Bundestrainer und WM-Dritter von 2003 in der gleichen Wurfdisziplin, habe ihr allerdings noch keinen Antrag gemacht. Die 30-jährige Offenburgerin strahlte und scherzte und es sprudelte nur so aus ihr heraus. Am Donnerstagabend um 22.11 Uhr London-Time hat die 30-jährige Offenburgerin Frieden mit sich und ihrem Sport geschlossen - und mit Silber.
Auch ohne internationalen Titel sieht Obergföll ihre Karriere nicht mehr als unvollendet an. 2008 in Peking holte sie mit Bronze die einzige Medaille überhaupt für die deutschen Leichtathleten. Zweimal war sie Vize-Weltmeisterin, zweimal Vize-Europameisterin. Zuletzt im Juni in Helsinki, wo sie litt ohne Ende, als ihr die Ukrainerin Wira Rebryk noch Gold wegschnappte. Doch diesmal war Obergföll trunken vor Glück.
"Silber, Silber, Silber, Silber - scheiß egal, ich habe eine olympische Silbermedaille geholt", meinte Obergföll am Freitag nach nur eineinhalb Stunden Schlaf. Mit eher mäßigen 65,16 Metern musste sich die deutsche Rekordhalterin nur Barbora Spotakova geschlagen geben: Die Weltrekordlerin aus Tschechien holte Gold wie schon vor vier Jahren und war mit 69,55 Metern unantastbar. Spotakova zeigte auf der Ehrenrunde eine bemerkenswerte Geste: Sie als die Gefeierte verbeugte sich zweimal vor ihrem Trainer Jan Zelezny. Der dreifache Olympiasieger, dreifache Weltmeister und Weltrekordler hatte Tränen in den Augen.
"Aus Stahl Bronze machen"
Bevor Spotakovas Speer sich zum letzten Mal auf den Rasen senkte, waren sich Obergföll und Linda Stahl mit Freudenschreien in die Arme gefallen. "Alle haben mal Glück gehabt. Ich habe seit 2005 nie Glück gehabt. Heute war es mal auf meiner Seite", erklärte die Silbermedaillengewinnerin später. Ex-Europameisterin Stahl (Leverkusen) freute sich riesig über 64,91 Meter und die unerwartete Bronzemedaille. Beide profitierten auch davon, dass Weltmeisterin Maria Abakumowa aus Russland auf Platz zehn abgestürzt war. "Linda kann aus Stahl Bronze machen" twitterte ein Fan. "Aus Wasser kann ich noch keinen Wein machen. Aber aus meiner Weite konnte ich gestern eine Bronzemedaille machen", meinte die angehende Ärztin lächelnd.
"Es gibt doch einen Speerwurf-Gott"
Mit dem Heidelberger Psychologen Hans Eberspächer arbeitet Obergföll seit ihrem WM-Debakel von Daegu zusammen: Bei der WM im Vorjahr war sie als Favoritin nur Vierte geworden - "das war ganz übel, da war ich ganz, ganz unten". 2009 bei der Heim-WM in Berlin hatte ihre langjährige Rivalin Steffi Nerius einen Sensationssieg gelandet und Obergföll war als Fünfte am Boden zerstört. Und bei der EM 2010 in Barcelona gewann Stahl überraschend Gold. Nach dem verpassten EM-Titel in diesem Jahr in Helsinki war die Badenerin so weit, "dass ich gesagt habe: Ich schmeiß alles hin."
Ihrem Freund Boris Henry hatte sie schon vor dieser Saison erklärt: "Wenn ich in London wieder schlecht werfe, dann kann ich einfach nicht mehr. Dann hätte ich mir schwer überlegt, ein Jahr auszusteigen." Sie habe ja als fast 31-Jährige auch noch andere Pläne, "familiär und so". Aber das Olympia-Silber werde ihr jetzt einen Schub geben. "Ich glaube seit heute, dass es einen Speerwurf- Gott gibt", sagte Obergföll und ihre blaue Augen leuchteten.
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