Neben lobenden Worten für seine kühne Attacke erntete Titelverteidiger Evans in den Alpen vor allem eines: einen Zeitverlust von knapp anderthalb Minuten, der ihn zumindest vorübergehend auch einen Platz auf dem Podium kostet.
Angesichts der Überlegenheit, mit der das Team Sky schon in den vergangenen Tagen das Rennen kontrollierte, konnte man nicht davon ausgehen, dass eine frühe Attacke am Col du Glandon von Erfolg gekrönt sein würde.
Frühe Attacke "sinnlos"
Trotzdem forderten viele Experten einen Angriff, denn: Wer nichts probiert, der kann auch nichts herausfinden. Evans kam dem Wunsch nach, fand zunächst aber lediglich das heraus, was jeder längst wusste:
In den Australiern Michael Rogers und Richie Porte haben Wiggins und Froome zwei erstklassige Helfer am Berg, die in ihrer Fahrweise dem US-Postal-Zug aus Lance Armstrongs besten Tagen sehr nahe kommen - auch wenn Wiggins diesen Vergleich zuletzt vehement verbat: Wie Maschinen walzen die Schwarz-Blauen - selbst die Farbkombination kommt einem bekannt vor - in stoischer Ruhe alles platt.

"Das Tempo von Sky war höllisch, man musste den letzten Berg abwarten, um etwas zu versuchen. Vorher aktiv zu werden war sinnlos", bilanzierte Jürgen Van den Broeck daher nach der Etappe.
Doch Evans' Niederlage auf dem Weg nach La Toussuire hatte auch andere Gründe. Der BMC-Kapitän nahm sich mit der Attacke rund 66 Kilometer vor dem Ziel selbst zu viel vor - an einem Tag, an dem er ganz offensichtlich keine guten Beine hatte, wollte er einfach zu viel.
Evans bringt Van Garderen in Gefahr
Evans begann bereits kurz nach seinem Angriff zu leiden, konnte dem Tempo seines eigenen Edelhelfers Tejay Van Garderen mehrmals nicht folgen. "Es sah so aus, als könnten wir Sky unter Druck setzen, aber dann bekam Cadel Probleme, mein Rad zu halten", beschreibt Van Garderen die Situation. "Er hatte einen etwas schlechteren Tag."

Es wirkte sogar so, als würde der US-Amerikaner seinen Kapitän versehentlich selbst in den sogenannten 'roten Bereich' fahren, so platt war Evans nach dem misslungenen Angriff, von dem er sich bis zum Ziel nicht mehr richtig erholte. Angesichts dessen kann Evans mit seinem Zeitverlust von 1:26 Minuten sogar noch zufrieden sein. An einem 'Rollerberg' wie dem Anstieg von La Toussuire wäre mit schlechten Beinen ein noch viel größerer Zeitverlust möglich gewesen.
Nibali beeindruckt Wiggins
Dass es dazu nicht kam, darüber darf Van Garderen auch ganz persönlich froh sein. Denn durch Evans' Schwäche und die starke Fahrt des Franzosen Thibaut Pinot geriet auch sein Weißes Trikot in Gefahr. BMC-Teamchef John Lelangue wollte davon aber nichts wissen. "Tejay ist dafür da, Cadel zu beschützen", betonte er.
Und Van Garderen musste dazu gar nichts sagen, denn er verteidigte die Führung in der Nachwuchswertung trotzdem und blickte kurz nach der Zieldurchfahrt schon wieder optimistisch voraus: "Wir haben Wiggins heute zum ersten Mal isoliert gesehen", so der 23 Jahre alte treue Helfer. "Wenn wir das auf der nächsten Bergetappe noch mal schaffen und Cadel dann bessere Beine hat, dann ist noch alles möglich."

Und tatsächlich lief bei Sky auf dem Weg in den Ski-Ort nicht mehr alles so rund wie bislang gewohnt. Verantwortlich dafür zeichnete zunächst Vincenzo Nibali, der mit zwei herzhaften Attacken die Favoritengruppe sprengte und dafür sorgte, dass der Gesamtdritte Froome und zwischenzeitlich sogar Wiggins selbst die Nachführarbeit leisten mussten. "Er hat gezeigt, wie stark er ist. Das waren echte Attacken", bemerkte Wiggins ehrfürchtig.
Der Unterschied zu US Postal
Die größten Schwächen in den eigenen Reihen aber offenbarte der Vuelta-Zweite Froome höchstpersönlich, als er knapp fünf Kilometer vor dem Ziel antrat und dabei Wiggins in Probleme brachte - auch wenn der Mann in Gelb die Situation später herunterspielte: "Wir haben uns wegen des Lärms auf dem Funk nicht gehört. Aber wir hatten vor der Etappe besprochen, dass er in einer solchen Situation attackieren könnte, um Platz zwei von Evans zu übernehmen - solange ich bei Nibali und Evans bleiben könnte."
Dass Froome trotz dieser Abmachung zurückgepfiffen wurde, lag dann vermutlich daran, dass Wiggins in diesem Moment eben doch nicht mit Nibali mitfahren konnte. Das Bild des alleine hinterherfahrenden Wiggins werden sich Evans, Nibali und Van den Broeck in den kommenden Tagen jedenfalls zur Motivation immer wieder selbst vor Augen führen, denn es zeigte den größten Unterschied zwischen dem US Postal Service und Sky: Die Briten haben einen am Berg schlagbaren Kapitän.
VIDEO: Froomes Antritt bringt Wiggins in Schwierigkeiten
TV-Tipp:
Tour total: Eurosport präsentiert Ihnen die Tour de France 2012 von der Teampräsentation in Lüttich bis zum Finale der Schlussetappe in Paris in ausführlichen Live-Übertragungen sowie Zusammenfassungen auf Eurosport und Eurosport 2 - und natürlich auch im Eurosport Player!
