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    DFB 2012: Wie stark sind wir wirklich?

    Deutschland hat in Polen und der Ukraine eine Mission zu erfüllen. Schluss mit zweiten und dritten Plätzen, jetzt muss der Titel her! Diesen Rucksack voller Ansprüche, den Joachim Löw und seine Mannschaft für die "Mission 2012" schultern, den gibt's eben nur in XXL.

    Von Michael Wollny

    (Twitter: @Michael_Wollny)

    Unter Löws Amts-Vorgänger Berti Vogts konnte Deutschland letztmals einen Titel gewinnen, die EM 1996. Löw, meint Vogts, sei nun zwingend an der Reihe, es ihm nachzumachen. "Das ist die Pflicht eines Nationaltrainers in Deutschland, einen Titel zu holen."

    Wenn nicht jetzt, wann dann: "Der Zeitpunkt ist gekommen, dass wir wirklich wieder den Titel nach Deutschland holen."

    Vogts spricht aus, wovon Fans und Spieler träumen. Es ist vor Polen und der Ukraine die simple Ausgangslage für Joachim Löw und seine "Adler-Träger". Kleiner geht's nun mal nicht. WM-Dritter im eigenen Land, EM-Zweiter 2008 und erneut WM-Dritter am Kap. Der DFB und seine sportlichen Protagonisten wollen es endlich selbst: den Finalsieg in Kiew, Europas Fußball-Krone.

    Wirklich reif für den Titel?

    Aber ist diese deutsche Nationalmannschaft tatsächlich reif für den Titel oder wird sie auf dem falschen Fuß erwischt? Zuletzt, nach der WM 2010 in Südafrika, wurde das Team aus allen Richtungen mit Lob überhäuft.

    Der Respekt war erspielt, nicht erarbeitet. Überfallartiger Kombinationsfußball, Spielwitz und Kreativität, die freche Unbekümmertheit der Jugend und eine Kaltschnäuzigkeit, die nur in Spanien ihren Meister fand. Die Fußball-Welt war sich einig: Hier wächst etwas heran, hier greift eine Generation nach Lorbeeren.

    Doch jetzt, rund eine Woche für Anpfiff der EURO 2012, werden erste Zweifel laut. Nicht nur bei Fußball-Experten, auch unter Fans. In einer nicht repräsentativen Umfrage auf eurosport.yahoo.de glauben nur 18 Prozent an den Titel. 26 Prozent halten das aktuelle Team für gut, aber nicht gut genug. 23 Prozent vertrauen auf die stereotype Tradition: Turniermannschaft Deutschland steigert sich von Spiel zu Spiel zum Titel.

    Etwas fehlt...

    Eines ist klar, die Qualität zum Coup wäre da. Wohl nie zuvor hat ein deutsches Team über so viel technische Klasse verfügt wie die aktuelle Nationalmannschaft. Speziell das kreative Potenzial rund um den wieder genesenen Bastian Schweinsteiger im Mittelfeld sucht in Europa seinesgleichen.

    Und doch scheint etwas zu fehlen, was das Team von 2010 noch entscheidend geprägt und angetrieben hatte. Die nonchalante Selbstsicherheit nämlich, der kleine Schuss Arroganz, der nötig ist, um das große Ziel zu erreichen. Aus dem Weg! Schluss mit zweiten Plätzen!

    Löw hatte darauf gesetzt, dass sich das Selbstbewusstsein und die Euphorie eines frisch gekürten Champions-League-Siegers aus München hochansteckend im Team ausbreiten würden. Stattdessen musste er seine geknickten Säulen mühsam wieder aufbauen. Ein Prozess der zweifellos auch zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen ist.

    "Wir spielen nicht gegen Hoffenheim..."

    Die Meister und Pokalsieger aus Dortmund sitzen dagegen mit breiter Brust wartend auf der Bank. National top, aber international eben unerfahren, begründet Löw seine Entscheidung: "Wir spielen - bei allem Respekt - nicht gegen Hoffenheim, Nürnberg und so weiter." Das Argument ist nachvollziehbar, die überspitze Aussage hingegen ist fragwürdig. Sie dürfte den Dortmunder Double-Siegern wohl schwer verdaulich im Magen liegen.

    Neben diesem psychologischen Aspekt bleibt auch die Kadernominierung ein heißes Thema. Angesichts der offensiven Durchschlagskraft im Mittelfeld, wo Reus, Schürrle, Müller oder Podolski über die Außen in die Spitze ziehen und abschließen, gibt es Argumente für die Beschränkung auf zwei nominelle Stürmer mit Miroslav Klose und Mario Gomez.

    Die tatsächlichen Fragezeichen stehen viel weiter hinten. Der zuletzt lange verletzte Per Mertesacker erhält bei Löw neben dem konstant starken Holger Badstuber den Vorzug vor Mats Hummels, obwohl sich dieser in einer fantastischen Form befindet und den Typus des modernen, spieleröffnenden Innenverteidiger weitaus besser verkörpert.

    Fragenzeichen in der Viererkette

    Auf den Außenpositionen setzt der Bundestrainer zudem mit Benedikt Höwedes und Jerome Boateng auf gelernte Innenverteidiger und somit auf ein gerüttelt Maß an Improvisation. Allein Philipp Lahm und Marcel Schmelzer fühlen sich dort von Natur aus zuhause, wobei bei Letzterem trotz nationaler Erfolge der Beweis für die internationale Befähigung noch aussteht.

    Deutschland ist einer der Topfavoriten, doch letzte Zweifel bleiben - und damit verbunden die Hoffnung auf die viel zitierte Qualität einer Turniermannschaft. Vogts selbst erkennt "die beste Mannschaft der Welt", was mit Blick auf Spanien, Holland und auch das wiedererstarkte Frankreich hochgegriffen sein dürfte.

    "Die Spieler müssen es jetzt einfach nur beweisen", begründet Vogts stoisch seine Einschätung. "Sie müssen einfach nur da hinfahren, den Pott holen und nach Hause kommen."

    Und genau das ist der Denkfehler einer jeden Hybris. Denn so einfach wird es niemals werden.

    TV-Tipp:

    Die EURO 2012 Show - die EM-Expertenrunde mit Patrick Kluivert, Thomas Berthold, Fredi Bobic, Rafa Benitez und Arsène Wenger analysiert vom 7. Juni bis 2. Juli immer um 20:00 Uhr LIVE die Geschehnisse in Polen und der Ukraine.

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