Die britischen Mannschaft holte die erste olympische Dressur-Medaille überhaupt für das Königreich. Für die deutsche Dressur war es die insgesamt 39. Medaille bei Olympia.
Die deutsche Equipe war in London mit drei Neulingen angetreten. Zuletzt hatte es für Deutschland 1972 in München kein Gold gegeben, sondern Silber hinter dem Team der damaligen UdSSR.
"Das war zu emotional"
Als die Medaille sicher war, dachten die Silber-Gewinner auch an ihren toten Trainer. "Ich glaube", sagte Helen Langehanenberg und schaute kurz in den Himmel, "er kriegt das da oben mit." Das deutsche Dressur-Team widmete den olympischen Erfolg Holger Schmezer, der im April plötzlich verstorben war. "Holger darf man heute nicht vergessen", sagte die 30 Jahre alte Reiterin. Und Schmezers Freund und Nachfolger Jonny Hilberath gestand: "Vorher habe ich das immer ein bisschen weggedrückt. Das war zu emotional." Es waren stille Momente in großer Freude. Die drei Olympia-Neulinge feierten ihren zweiten Platz ansonsten vergnügt, zunächst in der "Greenwich Tavern" um die Ecke. Dass die Siegesserie mit acht deutschen Olympia-Siegen bei acht Starts seit 1976 endete, störte in London keinen. "Das ist für uns wie Gold", sagte Hilberath, der im April notgedrungen den Job des Cheftrainers übernehmen musste.
"Nicht Gold verloren" "Wenn man sieht, wo wir vor zwei, drei Jahren standen und jetzt mit einer so jungen Truppe Silber holen, ist das klasse", schwärmte Verbandspräsident Breido Graf zu Rantzau und verwies auf die enttäuschenden dritten Plätze bei WM und EM: "Ich freue mich mit unserer Super-Truppe." Der Chef der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) war voll des Lobes für das Debütantinnen-Trio. "Das ist Silber gewonnen und nicht Gold verloren", kommentierte der Dressurausschuss-Vorsitzende Klaus Roeser: "Das ist das jüngste Team, das wir je hatten. Das ist eine richtig starke Leistung." Zuvor hatten deutsche Teams nach dem Silber von München 1972 bei jedem Olympia-Start Gold gewonnen. Bundestrainer Hilberath gab zu: "Es bisschen haben wir von Gold geträumt. Aber das war nicht realistisch. Die Briten sind einfach stark." Die siegreichen Gastgeber, von 23.000 Zuschauern gefeiert, sammelten durchschnittlich 79,979 Prozentpunkte und lagen klar vor der deutschen Equipe (78,216) und den Niederlanden (77,124).
"Das hat reingehauen"
Die Anspannung des Bundestrainers löste sich schon nach der Startreiterin Dorothee Schneider, die mit Diva Royal 77,571 Prozentpunkte erzielte. "Ein Felsmassiv - plumps", umschrieb Jonny Hilberath den Druck, "der bei mir drin war." Nach der fehlerfreien Vorstellung der 43-jährigen Schneider lobte der Coach: "Sie hat alles zur aller vollsten Zufriedenheit gelöst." Die erst vor wenigen Wochen in die Weltspitze vorgestoßene Reiterin sagte: "Ich bin superzufrieden. Auch die kleinen Fehler sind ausgeblieben."
Dass makellose Leistungen keine Selbstverständlichkeit sind, erlebte Kristina Sprehe (76,254 Prozentpunkte). In der Passage sprang ihr Hengst Desperados einmal weg. "Schade, dieser eine Klops war teuer", kommentierte ihr persönlicher Trainer Jürgen Koschel. "Danach ist sie ein bisschen aus dem Konzept gekommen." Die 25-Jährige selbst meinte zu ihrem Fehler: "Das hat reingehauen. Das ärgert einen schon." Ihr Hengst sei von Anfang an "ein bisschen nervös gewesen".
Das beste Ergebnis steuerte Schlussreiterin Helen Langehanenberg bei, die mit Damon Hill Nervenstärke bewies und trotz eines kleinen Fehlers nach der ersten Piaffe auf 78,937 Prozent. "Helen hat alles versucht, leider hatte sie eine kleine Unsicherheit", kommentierte Bundestrainer Hilberath. Das Silber-Trio qualifizierte sich auch für das Einzelfinale mit der Kür.
"Totilas-Frage" stellt sich nicht
Ob es mit dem als Wunderpferd bezeichneten Hengst Totilas, der wegen der Erkrankung seines Reiters Matthias Rath ausgefallen ist, wieder zu Gold gereicht hätte? "Das ist rein hypothetisch", antwortete Funktionär Roeser: "Was wäre wenn - das ist jetzt müßig." Mit der Form der EM 2011 in Rotterdam, so viel ist klar, hätten Rath und Totilas in London den Sieg auch nicht retten können.
Das verpasste Gold kam nicht wirklich überraschend. Die Zeiten der deutschen Dominanz sind schon länger vorbei. Nach mehr als 30 Championats-Siegen in Folge gab es bei der EM 2007 erstmals wieder eine Niederlage. "Die anderen haben aufgeholt", erklärte FN-Präsident Breido Graf zu Ranzau. Nach den jahrelangen Zweikämpfen mit den Niederlanden sind nun die Briten vorbeigezogen.
Als erste deutsche Reiterin war Einzelstarterin Anabel Balkenhol aus Rosendahl ins Viereck geritten. Die 40-Jährige erhielt für die Vorstellung mit Dablino 73,032 Prozentpunkte. Die sichtlich enttäuschte Reiterin hatte mit "mehr Punkten gerechnet. Das Glück war mir in London nicht hold", klagte Balkenhol nach ihrem Ausscheiden. Das Silber-Trio hingegen qualifizierte sich zudem für das Einzelfinale mit der Kür.
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