In 108 Metern Höhe thront sie glänzend in vergoldetem Kupfer auf einer der Spitzen des Mailänder Doms, "la Madonnina". Die "kleine Madonna" also nennen sie sie liebevoll in der Hauptstadt der Lombardei. Sogar in der offiziellen Hymne der Stadt "Oh mia bela Madonnina" wird sie, die Jungfrau Maria, besungen, und kaum ein Handyklingelton ist in Mailand beliebter als dieser.
Eine Stadt, zwei Vereine, viele Konflikte
Die Statue ist von weitem überall sichtbar, doch was sie mitunter so von oben zu Gesicht bekommt, dürfte sie wohl grämen. Schließlich kommt "Madonnina" dem Wortursprung nach von "Gemeinschaft", aber spätestens, wenn wie am Sonntag Inter und der AC Mailand zum Derby della Madonnina antreten (ab 20:45 Uhr im Liveticker), dann ist es vorbei mit dem Miteinander und die Stadt zerrissen in zwei verfeindete Lager.
Eine Stadt, zwei Vereine - die Konflikte sind vorprogrammiert, und die gegenseitige, tiefe Abneigung währt nun schon länger als ein Jahrhundert. Dabei gehörten sie mal zusammen: 1899 gründete der englische Geschäftsmann Alfred Edwards den "Football and Cricket Club AC Milan", aber nur neun Jahre später gab es einen so heftigen, internen Disput darüber, dass es zu viele englische und andere auswärtige Spieler im Verein gäbe. 1908 spalteten sich diese Unzufriedenen daher vom AC Milan ab und gründeten ihre eigenen, weltoffeneren Klub "FC Internazionale Milano". Die Rivalität zwischen Milan und Inter, den so genannten Rossoneri und Nerazzurri, nahm ihren Lauf.
Abneigung mit der Muttermilch aufgesogen
Kein Stadtderby elektrisiert die Italiener so sehr wie dieses, keines sonst begleiten sie mit ähnlicher Leidenschaft und Hingabe. Doch mittlerweile kippt diese Stimmung oft genug auf die Schattenseite. Beim letzten Treffen im Mai mussten beide Vereine hinterher Geldstrafen zahlen für rassistische und beleidigende Gesänge und Spruchbänder ihrer Fans. Es gab Zeiten, in denen man noch die jeweiligen Anhänger beider Lager nach politischer Gesinnung und ihrem Stadtviertel zuordnen konnte. Inzwischen sind diese Linien längst verwischt. Milan galt traditionell als Klub der Arbeiterklasse mit eher links ausgerichteten Fans, während Inter bei der Oberschicht beliebt war und bei denen mit rechter Gesinnung. Seit Silvio Berlusconi aber die Aktienmehrheit am AC Milan besitzt, zog er auch Fans aus dem rechten Lager an.
Die Abscheu füreinander saugten die Fans schon mit der Muttermilch auf, und mit jedem neuen Derby, jedem weiteren Spieler, der es wagt, zum Feind zu wechseln, bekommt sie neue Nahrung. Wie Guiseppe Meazza, der für beide Vereine spielte, und nach dem das Stadion benannt ist, das sich beide Mannschaften teilen müssen. Es geht um Stolz, Vereinstreue, sportliche Höhen und Tiefen, um Anekdoten aus grauer Vorzeit - und etliche spektakuläre Begegnungen, die in die Geschichte eingingen.
Derby ohne Meisterglanz
Ob es auch am Sonntag wieder eines dieser Spiele für die Annalen wird, ist zumindest fraglich. Gewöhnlich kabbelten sich beide Vereine auch um die Meisterschaft, dass Juventus Turin jedoch schon lange in einer eigenen Liga spielt, trifft die beiden Rivalen hart. Inter ist Dritter der Serie A, der AC gar nur Elfter. Dass Milan im Sommer seine Juwele Thiago Silva und Zlatan Ibrahimovic an Paris verlor, konnten sie bisher nicht kompensieren. Dass sie Cassano ausgerechnet an Inter abgaben und Muntari und Pazzini vom Erzfeind zum AC wechselten, heizt die Stimmung unter den Fans zusätzlich an. Beide Teams kämpfen um Stabilität in der Abwehr, und während Milan dringend einen guten linken Verteidiger bräuchte, stellte Inter auf eine noch nicht sattelfeste Dreierkette um.
Es gab Jahrzehnte, die nur von einem Mailänder Klub dominiert wurden, doch mittlerweile hat sich die Bilanz angenähert und auch dieses Derby ist offen. Nach 210 Partien gab es 75 Siege mit 289 Toren für den AC und 74 Siege mit 288 Treffern für Inter - die Feinde haben sich nach über 100 Jahren angenähert, wenn auch nur in der Statistik. Daran kann nicht einmal die Madonnina etwas ändern.
TV-Tipp:
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