Wie bereitet sich ein Schiedsrichter auf ein solches Finale vor?
Pierluigi Collina: Eigentlich wie auf jedes Spiel, denn jedes Spiel ist wichtig. Aber natürlich ist die Aufmerksamkeit für ein Finale der Champions League noch viel größer. Da gibt man sich viel Mühe in der Vorbereitung - denn diese ist komplex: Es geht nämlich nicht nur um die Regeln, ihre Interpretation und die körperliche Fitness, es gibt daneben auch einen taktischen Aspekt.
Der Schiedsrichter muss die beiden Teams kennen, sowohl in taktischer Hinsicht als auch die einzelnen Spieler. Er muss wissen, wie sich das Spiel entwickeln wird, muss immer einen Schritt voraus sein. In dieser Hinsicht ist so ein Finale etwas einfacher, denn der Schiedsrichter könnte bereits zuvor Partien einer der Mannschaften geleitet haben, die schließlich sehr bekannt sind. Es ist nicht schwierig, die nötigen Informationen zu finden um das Spiel "lesen" zu können. Dazu bereitet die UEFA das richtige Material vor, um den Blickwinkel zu vervollständigen.
Schließlich bleibt noch die mentale Vorbereitung, aber das ist ein Bereich, den jeder Schiedsrichter auf seine ganz persönliche Art angeht.
Es werden viele Emotionen im Spiel sein, es geht um Ruhm und sehr viel Geld: Wie geht ein Schiedsrichter mit diesem enormen Druck um?
Collina: Fußball auf dem höchsten Leistungsniveau ist ein Sport für "Super-Profis", da spielen so viele Interessen eine Rolle - natürlich auch wirtschaftliche. Der Schiedsrichter trägt eine große Verantwortung und muss sich dessen auch bewusst sein. Aber Vorbereitung und Erfahrung helfen, um mit solcher Verantwortung umzugehen. Die Vorbereitung ist der Schlüssel, denn wenn der Schiedsrichter gut vorbereitet ist, ist er bereit, der Aufgabe gerecht zu werden und es ist einfacher für ihn, mit dem Druck umzugehen.
Wie stellt man sich im Vorfeld auf die einzelnen Spieler und ihre Eigenheiten ein?
Collina: Der psychologische Aspekt ist der entscheidende Faktor in solchen wichtigen Spielen. Der Schiedsrichter muss intelligent sein und die Psychologie der Spieler auf dem Platz verstehen, um die Partie perfekt leiten zu können. Aber die Aufgabe ist es, für die Einhaltung der Regeln zu sorgen, also muss er auch bereit sein, unpopuläre Entscheidungen zu treffen wenn er denkt, dass sie richtig sind.
Sie waren der Schiedsrichter im denkwürdigen Endspiel 1999 zwischen München und Manchester: Wie waren die letzten zwei Minuten aus Ihrer Sicht?
Collina: Ich denke, ich habe da die beiden spannendsten Minuten in der Geschichte der Champions League erlebt, mit diesen beiden Treffern in der Nachspielzeit, die das Ergebnis noch drehten. Diese Momente waren Emotion pur, in verschiedener Hinsicht: Glückseligkeit auf der einen Seite, das extreme Gegenteil auf der anderen Seite. Und selbst für eine neutrale Person wie mich waren es wirklich unvergessliche Gefühle.
Wie wichtig ist die Erfahrung des Schiedsrichters für das Finale?
Collina: Sie ist ein wichtiges Element. Das ist etwas, was ein Schiedsrichter in einem Endspiel der Champions League wirklich braucht. Es ist unmöglich, ein solches Spiel von einem jungen oder unerfahrenen Schiedsrichter leite zu lassen. Man muss bereit sein und dazu ist es notwendig, zuvor schon Länderspiele und internationale Partien geleitet zu haben.
Welchen Einfluss haben die Fans auf den Schiedsrichter?
Collina: Die Fans haben keinerlei Einfluss, null! Der Schiedsrichter ist zu 100% auf das Spiel konzentriert. Deshalb haben alle Dinge, die um das Spiel herum geschehen, absolut keinen Einfluss. Aus meiner Sicht ist die beste Vorgehensweise die, dass man seinen Job ganz normal macht und sich auf seine Aufgabe fokussiert. Die Spieler sollten es genauso machen. Natürlich kann das ein subjektiver Eindruck sein - aber aus meiner persönlichen Sicht heraus ist der Einfluss der Fans null.

Video: Die große Vorschau