Hunderte von Nägeln, gestreut in der Viertelstunde Zeitabstand zwischen den Ausreißern und der ersten Gruppe des Feldes, sorgten für völliges Chaos und zahllose Defekte. Besonders hart erwischte es Vorjahressieger Cadel Evans, der drei Reifenschäden erlitt und fast schon alle Chancen auf das Tour-Podium zu verlieren schien.
"Das ist mehr als kriminell", so sein Teamchef John Lelangue wutentbrannt im Ziel. "Die Fahrer gehen schon genügend Risiken ein, fahren da mit 70km/h runter - und dann passiert dort so eine verbrecherische Sache!"
"So etwas kommt selten vor, aber es war sehr gefährlich", sagte Tour-Chef Christian Prudhomme, "eine so dumme Aktion kann ich nur nachdrücklich verurteilen". Die Organisatoren haben bereits Anzeige gegen Unbekannt erstattet, auch wenn die Ermittlung des oder der Täter schwierig werden dürfte.
"Gibt immer wieder Vollidioten"
"Wir sind sehr verletzlich, denn wir sind auf öffentlichen Straßen unterwegs", erklärte Renndirektor Jean-Francois Pescheux gegenüber Eurosport, "leider gibt es immer wieder Vollidioten, so wie eben diesmal an der Bergwertung." Das Auto des Franzosen erreichte Foix mit drei platten Reifen - perfektes Sinnbild für die Effektivität des perfiden Anschlags.
"Es gab derart viele Defekte, wir konnten gar nicht allen betroffenen Fahren helfen", erklärte einer der Mechaniker der neutralen Materialwagen am Eurosport-Mikrofon, "wir haben alle Laufräder, die wir dabei hatten, gebraucht."
Neben Evans erwischte es über 30 Fahrer, darunter zweimal Andreas Klöden oder auch Spitzenreiter Bradley Wiggins.
Wiggins wartet, Evans lobt
"Es ist nicht dumm, es ist einfach gefährlich und nicht fair", schimpfte Jens Voigt, seines Zeichens ältester Profi in der 99. Tour. "So etwas habe ich noch nie gesehen", konnte sich auch Rekord-Teilnehmer George Hincapie bei seiner 17. Tour im Gespräch mit Eurosport nicht an eine vergleichbare Szene erinnern. "Es herrschte Anarchie, überall Defekte, man wusste gar nicht mehr, was überhaupt los war", schilderte Thibaut Pinot, Etappensieger und Zehnter der Gesamtwertung. "Das ist nicht lustig, wegen so was können Leute die Tour verlieren", klagte der 22-Jährige.
Genau das fürchtete auch Evans, der an der Bergwertung erst lange auf Hilfe warten musste, nur um festzustellen, dass das Hinterrad des Teamkollegen auch bereits durchlöchert war. Der Australier rechnete mit dem Schlimmsten, schließlich hatte er 2009 die Spanien-Rundfahrt durch einen zu spät behobenen Reifenschaden verloren. Doch Wiggins sorgte dafür, dass die Favoritengruppe ihr Tempo verlangsamte und Evans so die Chance bekam, einige Minuten und Defekte später wieder aufzuschließen. "An so einem Tag lernst du viel über deine Kollegen", fasste es der Vierte der Gesamtwertung im Anschluss zusammen.
Rolland im Kreuzfeuer
Damit spielte er nicht nur auf die große Geste des Briten an, sondern auch auf die Attacke von Pierre Rolland, die dem Franzosen jede Menge Kritik und einige Feinde einbrachte. Der Versuch des Gesamt-Neunten, in der Abfahrt Zeit und Plätze gutzumachen, kam überhaupt nicht gut an. Um die Position ihrer Kapitäne abzusichern, machten sich Lotto und Liquigas auf seine Verfolgung - was wiederum die Rückkehr von Evans in die erste größere Gruppe erschwerte.
"Wir sind nicht gefahren, als Evans Defekt hatte, sondern erst, als Rolland angriff", betonte Lotto-Kapitän Jurgen van den Broeck. Ich werde meinen Platz nicht so einfach hergeben - als ich bei der ersten Bergankunft Defekt hatte, wurde auch nicht gewartet", so der Belgier.
Rolland wiederum berief sich im Gespräch mit Eurosport darauf, dass er vom Chaos hinter sich nichts mitbekommen habe. "Als ich wieder eingeholt wurde, haben sie mich gefragt: 'Was sollte das?' Aber ich hatte keine Ahnung, dass es so viele Defekte gab! Ich respektiere die Regeln des Pelotons und habe genügend Klasse, dass ich so eine feige Aktion nicht nötig hätte. Die Vorwürfe machen mich traurig, es tut mir leid für alle, die Probleme hatten - ich habe erst zu spät davon erfahren."
Restlos überzeugt von seiner Darstellung der dramatischen Minuten schienen aber vorerst längst nicht alle im Tour-Tross. "Ich hoffe für Rolland, dass es wirklich so war", brachte es Ex-Rennfahrer Pescheux auf den Punkt, "denn sonst werden noch ein paar Rechnungen beglichen werden...".
Wiggins gab sich im Eurosport-Interview derweil bewusst diplomatisch. "Jeder sieht solche Situationen anders. Ich persönlich wollte nicht vom Pech eines Anderen profitieren. Also schien es mir das Beste, auf Evans zu warten."
Schüsse in den Vogesen
Zuletzt war es 1996 bei der Tour zu einem ähnlichen Zwischenfall gekommen, als wütende Ladenbesitzer auf der Etappe nach Valence Nägel warfen und für einige Defekte sorgten - wenn auch längst nicht in dem Ausmaß wie diesmal.
Unabsichtliche Zwischenfälle, wie sie Thor Hushovd 2006, Giuseppe Guerini 1999 oder Laurent Jalabert und Wilfried Nelissen 1994 erlebten, sind wohl auf über 3000 Kilometern mit Millionen von Zuschauern nie ganz zu vermeiden. Aber auch kriminelle Aktionen gibt es immer wieder- zuletzt bei der Vogesen-Etappe 2009, die Heinrich Haussler gewann: Dort wurden zwei Fahrer mit Schüssen verletzt, der oder die Täter nie ermittelt.
Oscar Freire und Julian Dean konnte damals weiterfahren, diesmal brachte der Zwischenfall für einen Profi das Aus. Robert Kiserlovski vom Astana-Team überquerte die Straße, um seinem Kapitän Janesz Brajkovic nach dessen Defekt zu helfen und wurde dabei von Levi Leipheimer erwischt: "Ich konnte ihm nicht mehr ausweichen", so der US-Routinier, "es war ein Unfall, der mir sehr leid tut".
Der Zusammenstoß hatte böse Folgen: Der Kroate brach sich das Schlüsselbein. "Es ist eine Tragödie", bedauerte sein Zimmergenosse Fredrik Kessiakoff im Ziel bei Eurosport, "nicht nur die Tour ist vorbei - Robert sollte ja auch in wenigen Wochen bei den Spielen in London starten".
Video: Die große Zusammenfassung der 14. Etappe
